Nur Quartier, nicht Bleibe

27. Februar 2003, 17:20
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Wie eine privatisierte Flüchtlingsbetreuung in Österreich künftig funktionieren soll, ist unklar

Wien - Wird über ihre Köpfe hinwegdiskutiert, dann fürchten die Flüchtlinge im Pavillon 8, bald kein Dach mehr über dem Kopf zu haben. Birgit Egger, Sozialarbeiterin der Volkshilfe und im Flüchtlingsheim auf der Wiener Baumgartner Höhe im Einsatz, bemerkt dann große Unruhe unter den Flüchtlingen.

Vor zwei Tagen gab es neuen Anlass zur Sorge. Innenminister Ernst Strasser (VP) gab bekannt, die Flüchtlingsbetreuung zu privatisieren. Die bei der Ausschreibung auftretende Bietergemeinschaft aus Volkshilfe, Caritas, Erzdiözese Wien und Rotem Kreuz kam mit ihrem Angebot, Flüchtlinge zu versorgen, nicht zum Zug. Momentan ist völlig unklar, wie die privatisierte Betreuung von Asylwerbern in Österreich funktionieren soll.

"Das macht ihnen einen Riesenstress, weil sie wissen dann nicht, ob sie wo schlafen können oder was zu essen kriegen", bedauert Egger. Dann beginnt sie - wieder einmal - in den Endlosgängen des Pavillons mit Aufklärung und Zuspruch sowie Dolmetschdiensten. Was im Fall des Pavillon 8 noch dazukommt: Am Montag müssen alle 71 Bewohner raus. Raus, ins nächste Notquartier, denn der Pavillon ist nur ein von der Stadt Wien vorübergehend zur Verfügung gestelltes Quartier.

Zuvor sind die Flüchtlinge "aus Traiskirchen rausgeflogen", berichtet Egger vom Beginn einer Odyssee, "jetzt werden sie in ein Heim des Arbeitersamariterbundes verlegt". Auch wieder nur bis Mai - ab dann weiß keiner, wohin die Nigerianer, Kosovaren, Russen und viele anderer Nationen hinsollen. Auf eine fixe Bleibe in Österreich kann kaum einer von ihnen hoffen.

Schutz vor Blicken

Immerhin versuchen sich die Betroffenen ein bisschen einzurichten. Im großen Schlafsaal im ersten Stock des Pavillons stehen zwanzig Betten. Eins nach dem anderen geschlichtet, praktisch Gestell an Gestell. Ein junger Schwarzafrikaner macht sein Bett. Daneben hat es sich ein Kollege bequem gemacht. Hat sich mit einem Leintuch ein Dach über das Bett gespannt - für ein wenig Ruhe und Schutz vor Blicken. Privatsphäre? "Die gibt es hier nicht", sagt Betreuerin Egger.

Immer wenn die öffentliche Diskussion über die Flüchtlinge hereinbricht und neue Unruhe entsteht, kommen auch die Journalisten in den Pavillon, um zu fragen, zu knipsen und zu filmen. Dann fühlen sich die Betroffenen wie Sehenswürdigkeiten, die angestarrt werden. "Dann erkläre ich, wie wichtig die Presse für uns ist", meint Egger. Und

wie wichtig auch die Polizei. Die kommt, wenn Streit zu schlichten ist. Im Lagerkoller explodiert der Stress. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.2.2003)

Von Andrea Waldbrunner
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