Wenn Kohlekraftwerke sauber werden müssen

30. Oktober 2008, 10:59
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Im Gegensatz zu Erdöl und Erdgas ist Kohle noch lange in ausreichendem Maße verfügbar - Das beim Kohleverbrennen entstehende CO2 soll daher künftig nicht in die Atmosphäre gelangt

Als am 9. September in dem deutschen Braunkohlerevier Schwarze Pumpe das Pilotprojekt des deutsch-schwedischen Stromkonzerns Vattenfall feierlich eingeweiht wurde, war auch Bundeskanzlerin Angela Merkel dabei. Denn das, was da in dem eher armen Landstrich in der Lausitz angegangen wird, ist der Versuch eines CO2-freien Kraftwerks.

Kein diesbezügliches Pilotprojekt international ist so weit gediehen, sagt der zuständige Pressemann bei Vattenfall, Damian Müller, nicht ohne Stolz. Wenn alles gut geht, könne man 2015 so weit sein, dass es kalorische Kraftwerke ohne Treibhausgasemissionen im großen Stil gibt.

Längst hat weltweit ein Run darauf eingesetzt, wer als Erster das emissionsfreie Kraftwerk auf die grüne Wiese setzt. Ganz unterschiedliche Zugänge und Technologien werden dabei ausprobiert. Denn es geht um viel Geld. Die EU denkt laut darüber nach, ab 2020 in ihrem Hoheitsgebiet den Bau nur mehr solcher kalorischer Kraftwerke zuzulassen, die keine Treibhausgase emittieren und damit das Klima nicht aufheizen. Und auch in den USA gibt es bereits einige Pilotprojekte für "clean coal".

Warum Kohle? Warum nicht Kraftwerke, die mit Erdgas oder Erdöl angetrieben werden?

Kohle ist der wichtigste Einzelfaktor für Erderwärmung und verantwortlich für rund 30 Prozent der weltweiten Treibhausgase. Gleichzeitig wird der Weltstrombedarf zu etwa 35 Prozent aus Kohle (vornehmlich: Steinkohle) gedeckt. An diesem hohen Anteilen wird sich so schnell nichts ändern. Während Erdgas und besonders Erdöl schön langsam knapp werden, reichen die Kohlevorräte noch für gut 120 Jahre. Und, was auch auch für Kohle als Energiequelle spricht: Vorkommen gibt es überall in der Welt, in China ebenso wie in der Mongolei, in den USA oder auch in Deutschland, das über ansehnliche Braunkohlevorkommen verfügt.

Was die Bilanz des Energieträgers jedoch gehörig verrußt: Kohle, insbesondere Braunkohle, erzeugt bei Verbrennung um ein Drittel mehr CO2 als etwa Erdgas. Ein Kohlekraftwerk schickt jährlich mehrere Millionen Tonnen CO2 in den Himmel.

Allerdings rief der Run aufs emissionsfreie, oder besser: emissionsarme Kraftwerk auch Kritiker auf den Plan. Diese meinen, dass der Ausdruck "treibhausgasfrei" im Zusammenhang mit Kraftwerken, wie dem, das im Braunkohlerevier Schwarze Pumpe beispielhaft steht, stark beschönigend ist und dass sich die Forschungsanstrengungen besser auf alternative Energieformen aus Wind, Sonne, Wasser fokussieren sollten.

Wahrscheinlich haben sie recht. Schätzungen zufolge verschlingen Clean-Coal-Technologien etwa ein Drittel der Energie, die ebendiese emissionsarmen Kohlekraftwerke produzieren.

Dennoch dürfte Carbon Capture and Storage (CCS) eine der Technologien werden, die die nächsten Jahrzehnte im Kraftwerksbau bestimmen. Der enorme Energiehunger Chinas, der zu einem Großteil über kalorische Kraftwerke gestillt werden soll, würde sonst jegliche Klimaschutzbemühungen und Treibhausgaseinsparungen ad absurdum führen.

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat erst am 20. Oktober in einer Studie darauf hingewiesen, dass die CO2-Emissionen bis 2050 um 130 Prozent anwachsen, wird nicht mit Technologien wie CCS entgegengesteuert. Bis 2010 müsse es, so die IEA, weltweit zu etwa zehn Pilotanlagen kommen, wo die verschiedenen Technologien ausprobiert werden können.

Schwarze Pumpe

Bei der Pilotanlage Schwarze Pumpe handelt es sich um ein Kraftwerk mit 30 Megawatt. Das dort abgeschiedene Kohlendioxid wird verflüssigt und ins nahegelegene Altmark, in Sachsen-Anhalt, transportiert. Dort besitzt der französische Projektpartner Gaz de France ein aufgelassenes Erdgas-feld, in das das Treibhausgas hineingepresst wird.

In diesem Stadium kommt die Seite der Capture-and-Storage-Technologie zum Tragen, die durchaus Charme hat. In dem alten Erdgasfeld sind noch immer Erdgasvorkommen, die mit gängigen technischen Möglichkeiten bisher kostengünstig nicht zu fördern waren. "Durch das CO2 wird der unterirdische Druck erhöht, und das restliche Gas wird dabei auch herausgepresst", sagt Müller.

Die Idee einer solchen "enhanced gas recovery" stammt aus Norwegen, wo erschlaffende Erdölfelder im Atlantik schon seit einigen Jahren durch eine Injektion CO2 wieder Pep bekommen. Im Gegensatz zu Norwegen allerdings soll, ja darf das klimaaufheizende Treibhausgas nicht entweichen, weshalb es auch noch versiegelt werden muss. (Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Printausgabe, 30. Oktober 2008)

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