Die Lizenz zum Sodbrand

29. Oktober 2008, 17:48
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Aus Kanada kommt eine Band, deren Name den Zustand der Welt bestens beschreibt: Die Musik zur Zeit kommt von Fucked Up

Die Finanzwelt kracht. Das Klima wandelt. Eine Milliarde Menschen hungert. "The Chemistry Of Common Life" heißt das Album.


Wien - Es beginnt lieblich. Eine Flötenmelodie eröffnet das Album The Chemistry Of Common Life, gefolgt von Gitarrenriffs aus der Anfängerklasse des Punkrock, die sich nach eineinhalb Minuten in einen krachenden Song entladen. In derselben Sekunde kippt die Stimmung. Es geht nicht nur ein Donnerwetter aus Gitarren, Bass und Schlagzeug nieder, Sänger Damien Abrahams alias Pink Eyes erhebt gleichzeitig seine Stimme. Und diese klingt, als wäre das füllige Bröckerl hauptberuflich Stimmensynchronisator für Blutopfer in Horror-Movies - ein sehr schlecht gelaunter Stimmensynchronisator.

The Chemistry Of Common Life ist der zweite Longplayer der 2001 gegründeten Band Fucked Up. Nachdem in den vergangenen Jahren immer wieder das Revival des Noise-Rock der 80er-Jahre angekündigt wurde, lässt sich ihr neues Album nun als erstes ernstzunehmendes Indiz dafür deuten, dass diese Musik tatsächlich wiederkehren könnte.

Die Umstände passen. Die Musik, von der hier die Rede ist, entschlüpfte in den frühen 80ern in den USA dem Punkrock. Sie vermengte sich Stück um Stück mit der Schwere des Hardrock und brachte mit Black Flag, Sonic Youth, Hüsker Dü und anderen eine Generation von Bands hervor, deren Errungenschaften bis heute Gültigkeit besitzen. In den USA war damals Präsident Ronald Reagan dabei, den Mittelstand in die Armut abzudrängen.

Die Kinder dieser vom American Dream enttäuschten Generation waren entsprechend visionslos und flüchteten in adoleszenter Wut und Orientierungslosigkeit in eine neue Rockmusik, die im Underground stattfand. Diese war laut, wütend und für den Moment gespielt. Kaum jemand dachte damals ernsthaft daran, damit je so etwas wie Karriere zu machen. Das sollte noch bis 1991 und dem Durchbruch von Nirvana - Kinder dieser Kinder - dauern.

Gleichzeitig war das die letzte Zäsur, die Rockmusik auch gesellschaftspolitisch relevant begleitet hat. 1992 wurde Bill Clinton zum US-Präsidenten gewählt - brav unterstützt von dieser Generation X. Die Politik von Reagan und George Bush I war Geschichte. Gleichzeitig erlahmte das Genre nach seiner Mainstream-Werdung als Grunge. Bis heute. Trotz aller Wiedergeburten des immer wieder totgesagten Rock.

Fucked Up werden das nicht ändern. In der Ära der Gleichzeitigkeit besitzt keine (Rock-)Musik das Potenzial gesellschaftlicher Veränderung. Bis auf Bono von U2 haben das alle verstanden. Deshalb muss man aber noch lange nicht zynisch werden und Celine Dion hören. Das verbietet einem nicht, der Welt weiterhin mit einer Skepsis zu begegnen, die an Verachtung grenzt - Verachtung für ihre Systeme. Im Gegenteil: Aus diesem für Ohnmacht und mentalen Sodbrand bestens geeigneten Milieu fördern Fucked Up ihre Kunst zutage.

Das ist eine Parallele zum Hardcore der 80er. Eine andere ist die Ästhetik des Quintetts aus Toronto, die an das Spätwerk von Black Flag, Säulenheilige des Genres, erinnert: Gut im Saft stehende, vom Bass und dem Schlagzeug drückend und dabei unterschwellig groovende Stücke prägen den Sound ebenso wie die immer wieder vertrauensbildend eingestreuten Melodien der Gitarristen.

Fels statt Kiesel

Daraus so etwas wie versteckten Optimismus abzulesen wäre allerdings vermessen. Selbst ein Instrumental wie Looking For God taugte eher als Soundtrack zu Cormac McCarthys postapokalyptischen Roman Die Straße, als dass es Hoffnung auf ein Licht am Ende des Tunnels machen würde. Erträglich wird das alles durch die Hereinnahme von Instrumenten wie Akustikgitarre, Orgel oder erwähntem Geflöte.

Auch dieser Kunstgriff ist nicht neu. Hüsker Dü bereiteten genau so den Weg für den späteren Welterfolg des Genres. Dass deren Gitarrist Bob Mould bekennender Fan von Fucked Up ist, wundert also nicht. Aber auch ohne die Streicheleinheiten alter Hasen überzeugt Chemistry Of Common Life (Matador/Edel) mit einer Dringlichkeit und, ja, Glaubwürdigkeit, wie man sie schon lange nicht vernommen hat. Auf ein Revival kann man dennoch gern verzichten. Lieber diesen einen Fels in der Brandung als lauter Kieselsteinchen und Trendsurfer. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.10.2008)

 

  • Die kanadische Band Fucked Up in guter Laune. Wer ihr Album "The Chemistry Of Common Life"  hört, weiß: Diese Aufnahme kann nur gestellt sein.
    foto: matador rec.


    Die kanadische Band Fucked Up in guter Laune. Wer ihr Album "The Chemistry Of Common Life"  hört, weiß: Diese Aufnahme kann nur gestellt sein.

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