Ö1-Chef Treiber: "Uns war das Publikum vollkommen wurscht"

28. Oktober 2008, 18:46
29 Postings

Wenn ein Buch über STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner erscheint, geht es um Qualität in den Medien - Debatte um ihre Entwicklung seit Bronners Anfängen - Mit Zitaten

Wenn ein Buch über STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner erscheint, geht es um Qualität in den Medien. Um ihre Entwicklung seit Bronners Anfängen. Um aktuelle Gefahren. Schlaglichter auf eine Debatte.

Wien – Um "Trotzdem" ging es, die neue Biografie über Oscar Bronner. Trotzdem ging es nicht allein um das Buch. Sondern als Nachhall zu den Feiern von 40 Jahren Österreich 1 auch um Qualitätsmedien. Ja um Medien überhaupt und Veränderungen dort, seit Ö1 sendet, und seit Oscar Bronner eigene Medien macht, also seit "trend" und "profil". Die starteten 1970.

Wie war Radiojournalismus, als Alfred Treiber noch lange nicht Ö1-Chef war, sich in Jugend- und Featureredaktionen umtat? "Uns präpotenten Schnöseln war vollkommen wurscht, was das Publikum zu unserem Produkt sagt. Wenn es dem Publikum gefallen hat, hat es Glück gehabt. Wenn nicht, war's wurscht." Nachsatz: "Das war schon schön."

Brutale Politik

Was aber doch "besser geworden ist: Heute weiß selbst der selbstverliebteste Ö1-Mitarbeiter, dass es ein Publikum gibt, und dass wir versuchen müssen, das Publikum zufrieden zu stellen."

Hat sich sonst etwas verändert seit Treibers wilderem Treiben im Funkhaus? Der Parteieneinfluss sei nicht mehr "so brutal" und nicht so frech". Aber: "Das ist eine punktuelle Erfahrung, die ich nicht auf den gesamten ORF oder die gesamte Presse beziehen würde."

Christian Rainer ist seit zehn Jahren Herausgeber des "profil" und nach elf Jahren gerade nicht mehr jener des "trend". Beide gehören seit 2001 Teil zur marktbeherrschenden News-Gruppe, die insbesondere dem deutschen Magazinriesen Gruner + Jahr und Raiffeisen.

Rainer sieht sich in "ständigem Abwehrkampf, ständiger Selbstbehauptung": gegen Politiker, die kritische Medien nicht verstünden, gegen eine Wirtschaft, die sie nicht zu brauchen glaube oder missbrauchen wolle, gegen Eigentümer, die nur Renditen sähen – bei einer Bevölkerung, "die nur in Ansätzen erkennt, was eine vierte Gewalt ist".

Gefährliche Eigentümer

Besonders intensiv widmet sich Rainer der Frage der Medieneigentümer. "In vielen Vorständen von Medienunternehmen finden sich keine Journalistin, kein Journalist mehr, aber Leute aus der Druckbranche und Controller." Diese "Nichtjournalisten" blickten "mit gewissem Neid auf diese Exoten", die Journalisten. Der Neid sei "nicht immer positive Bewunderung, sondern führt auch zu unangenehmeren Erscheinungen". Journalismus, für Rainer "Glaubensbekenntnis", sei "ernsthafter gefährdet als vor 20 oder zehn Jahren". Renditedruck gefährde Zeit für Recherche und Nachdenken.

Rainer "fürchtet" sich, "die ganze Welt oder Österreich könnte Montgomery werden". Er spielt an auf David Montgomery, der als renditegetriebener Finanzinvestor Blätter von der "Berliner Zeitung" bis "Rzeczpospolita" aufkaufte und auspresst. Dass der als Journalist anfing, hilft seinen Verlagen wenig.

Gratis ist noch so ein großer Medientrend, seit Ö1 und Bronner begannen. Gratis wie Internet, gratis wie Gratiszeitung. Vertreterin auf dem Podium: Eva Dichand, "Heute". "Immer mehr schreiben das, wo das Geld herkommt", findet Dichand und verweist auf Krone-Chef Hans Dichand: "Mein Schwiegervater schreibt gewisse Dinge nicht, da können Sie ihm zahlen, was Sie wollen." "Beim Ablehnen tut er sich auch leichter", erinnert Ö1-Chef Treiber.

Sinn des Printjournalismus

Was hält Mediendenker und ORF-Plattformmanager Franz Manola von der Vorstellung, Hans Dichand habe "tiefe Überzeugungen in sich, die er um keinen Preis der Welt verkaufen würde"? Er kann "nicht so stehen lassen, hier gehe es um große aufklärerische Wahrheiten, die mit brennendem Schwert durchgefochten werden." Dichand eigne, was die wenigen großen Boulevardjournalisten ausmacht: "Er denkt, was seine Leser denken, und ist der Überzeugung, dass das seine Überzeugung ist."

Manola hat 1997 ORF.at erfunden. Er lernte vom Internet: "Es gibt uns immer, was uns interessiert. Dadurch entfernen wir uns immer mehr von dem, was wir wissen sollten." Darin liegt die "große, bleibende Aufgabe des Printjournalismus, des Fernsehens: Publikum in die nationale Debatte einspannen, an die Allgemeinheit gerichteter Journalismus. Nachdenken, worüber wir nicht nachdenken wollen." Erinnert, entfernt, an Treiber damals. Manola: "Sonst versinken wir in Partikularismus, zu dem das Internet stark einlädt."

Zitiert: Eher Minister als "profil"-Redakteur

Es steht einiges drin, das ich nicht wusste.
Oscar Bronner über "Trotzdem"

Interessant zu hören, was andere über einen zu sagen haben. Das birgt Überraschungen.
Bronner über "Trotzdem"

Wir haben mit beiden Händen an Oscar Bronners Heiligenschein gezogen, mehr als kleine Kratzer sind nicht herausgekommen.
Bronner-Biograf Klaus Stimeder

Sie leben ja in Kapiteln.
Biographin Eva Weissenberger

Eine Erfolgsgeschichte im misserfolgsverliebten Land. André Heller würde sagen: Die Geschichte eines großen Ermöglichers.
Ö1-Chef Alfred Treiber über Bronner

Ich fand es als Jugendlicher wesentlich wahrscheinlicher, Minister zu werden, als "trend"- oder "profil"-Redakteur.
"profil"-Herausgeber Christian Rainer zum Mythos dieser Magazine

Tiefe existenzielle Angst. Der Untergang des Abendlandes. Er oder wir.
Franz Manola, damals "Presse", über die Stimmung dort vor dem Start des STANDARD

Wehe, er fragt mich nicht, ob ich zum Standard komme. Das gibt irreparable Schäden an meinem Ego.
Manola wurde gefragt

Die STANDARD-Leser würden "Heute" ums Verrecken nicht kaufen. Aber nehmen tun Sie's.
"Heute"-Herausgeberin Eva Dichand über Medienkonsum

Ich trete dem Presserat bei, wenn man uns als Tageszeitung anerkennt und Menschen von Massenzeitungen drinsitzen.
Dichand

Presseförderung sollte eingeschränkt werden auf Qualitätsmedien.
Dichand

Von allen Medien dieser Welt ist mir Radio zeitlebens fremd. Ich weiß nicht, warum Menschen Radio hören.
Manola (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 29.10.2008)

Nachlese
Trotzdem Verleger: Die Biografie eines Medienmachers – Von Wolfgang Langenbucher

  • Ö1-Chef Alfred Treiber, "Heute"-Herausgeberin Eva Dichand, Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, "profil"-Chef Christian Rainer, ORF-Stratege Franz Manola.
    foto: standard/fischer

    Ö1-Chef Alfred Treiber, "Heute"-Herausgeberin Eva Dichand, Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, "profil"-Chef Christian Rainer, ORF-Stratege Franz Manola.

  • Stets präsent in der Debatte im Radiokulturhaus: "Trotzdem", die Oscar-Bronner-Biografie von Eva Weissenberger ("Kleine Zeitung") und Klaus Stimeder ("Datum"), soeben erschienen im Sachbuchverlag Ueberreuter.
    foto: standard/fischer

    Stets präsent in der Debatte im Radiokulturhaus: "Trotzdem", die Oscar-Bronner-Biografie von Eva Weissenberger ("Kleine Zeitung") und Klaus Stimeder ("Datum"), soeben erschienen im Sachbuchverlag Ueberreuter.

  • Da war der Fotograf schneller als der fotoscheue "Krone"-Chef Christoph Dichand: Mi., mit Rainer ("profil"), Frau Eva ("Heute").
    foto: standard/fischer

    Da war der Fotograf schneller als der fotoscheue "Krone"-Chef Christoph Dichand: Mi., mit Rainer ("profil"), Frau Eva ("Heute").

Share if you care.