Ein Zug auf 5.200 Metern Seehöhe

30. Oktober 2008, 17:00
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Das Erleben des Olymps manches Eisenbahnfreundes: Eine Bahnfahrt über das tibetische Hochplateau, hinauf auf über 5.200 Meter Seehöhe

Nach 49 Stunden auf den höchst gelegenen Bahngleisen der Welt sind wir gut in Chengdu angekommen. Angefangen hat die ganze Odyssee am Samstag um halb acht in der Früh in Lhasa. Nach kurzer Taxifahrt erreichen wir den pompösen Bahnhof. Die Strecke nach Lhasa wurde erst Anfang Juli 2006 eingeweiht und dementsprechend neu, sauber und glänzend ist alles (noch). Der Bahnhof gleicht einem Flughafen samt Gepäcksdurchleuchtung, Sicherheitsschranken, "Stewardessen" etc.

Die Bahnverbindung auf bzw. über das tibetische Hochplateau ist eine Pionierleistung, aber auch ein Prestigeprojekt der chinesischen Führung, welches schon von Mao vorgegeben wurde. Nirgends auf der Welt gibt es eine vergleichbare Eisenbahnstrecke, die an ihrem höchsten Punkt einen Pass mit unglaublichen 5.200 Metern Seehöhe überschreitet.

Sauerstoffversorgung und Geruchkulisse

Für ein derartiges Unterfangen braucht es natürlich auch entsprechende Züge und so sind alle Waggons mit einem Schleusensystem ausgestattet, sodass der Atmosphärendruck "an Bord" kontrolliert werden kann. Zusätzlich verfügt jeder Sitz- bzw. Liegeplatz über eine eigene Sauerstoffversorgung und jeder Passagier bekommt seine eigene schlauchartige Maske, die man bei Bedarf an das Sauerstoffsystem des Zuges anschließen kann. Die Qualität der Luft im Zug lässt verständlicherweise nach einigen Stunden zu Wünschen übrig. Da der Zug auch über kochendes Wasser aus dem Hahn verfügt, wird die Luft noch zusätzlich durch den Duft hunderter Fertigsuppen erfüllt, die sich die Passagiere anrichten.

Überhaupt verbringen die Chinesen scheinbar 100 Prozent ihrer Reisezeit mit Essen. Unsere "Mitbewohner" haben derartige Essensmengen an totem Tier bei sich, dass sie auf den ersten Blick den ganzen Zug ernähren könnten. Doch der Schein trügt, am Ende ist alles weg. Wie es die Gastfreundschaft gebietet werden uns laufend kulinarische Spezialitäten angeboten. Auf die Frage nach den Gewürzen auf den vermeintlichen Kartoffelchips ernte ich ein herzhaftes Lachen und mir wird mit Händen und Füssen erklärt, dass die, zugegebenermaßen wirklich leckeren, "Chips" in Wirklichkeit frittierte Stücke Schweinshaut sind.

Irgendwie erinnert das ganze mehr an einen Flug, als an eine Bahnfahrt. Die "ZugbegleiterInnen" in Uniform verhalten sich wie Stewardessen, eilen mit kleinen Wägen durch den Zug, stehen lächelnd stramm wenn man den Zug betritt und sind auch sonst sehr zuvorkommend.

Privatleben ausgeschlossen

Wir reisen in der Hartliegenklasse. Auf beiden Seiten eines Abteils sind jeweils drei Liegen montiert, zusätzlich gibt es noch zwei Sitze und einen Tisch am Gang pro Abteil. Alles in allem verläuft eine derartige Reise sehr bequem, allerdings ist der Mangel an Privatsphäre hier im Land des "Kollektivs" doch für Außenstehende recht schnell spürbar. Von sieben Uhr früh bis 22 Uhr am Abend werden wir mit Popmusik berieselt, welche immer wieder von heroischen Klängen und Durchsagen über das großartige Unterfangen dieser Bahnstrecke unterbrochen wird. So erfahren wir, dass diese Bahnstrecke quasi den Fortschritt in die noch nicht "fortschrittliche" Regionen in Tibet bringt und auch der Ressourcenreichtum der Region wird erwähnt, wohl auch ein Mitgrund für die Errichtung eines derartigen Transportmittels.

Die "Abteile" sind zum Gang hin offen und neben der permanenten Musikberieselung verfügt jedes Abteil noch über eine große grelle Neonröhre, welche ebenfalls pünktlich um sieben Uhr an- und um 22 Uhr abgeschaltet wird. Andere Lichtquellen gibt es nicht und so fügen wir uns eben dem vorgegebenen Rhythmus, oder kriechen einfach tiefer in den Schlafsack wenn in der Früh die "Sonne" direkt über unserem Kopf aufgeht.

Olfaktorisches Neuland

Die Landschaft, die da während der Reise an uns vorbeizieht bietet alles: von karger Mondlandschaft auf durchschnittlich 4.000 Metern Seehöhe bis zu grünen Reis-Terrassen auf knapp 1.000 Metern.

Als wir das Hochplateau verlassen, werden einige Fenster geöffnet, die Luft wird schlagartig besser und auch die Temperatur steigt. Parallel dazu sind mittlerweile fast alle Toiletten verstopft und so macht sich ein neuer, eigenartiger "Duft" im ganzen Zug breit. Nach knapp 49 Stunden und mehr als 3.000 Kilometern erreichen wir zehn Minuten zu Früh Chengdu. Die ganze Stadt ist in Nebel bzw. Smog gehüllt und sofort vermissen wir die Berge am Horizont. (Knut)

  • Verkostung von gebratener Schweinehaut, die uns unsere Mifahrer netterweise probieren ließen.
    foto: knut

    Verkostung von gebratener Schweinehaut, die uns unsere Mifahrer netterweise probieren ließen.

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