Keine Genussfeindinnen

28. Oktober 2008, 17:00
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Saisonobst und Passivhaus: Der "Bio-Knigge Austria" gibt Tipps für nachhaltiges Benehmen - Verzicht bedeutet das nicht - Die Autorinnen im Interview

Von der Bio-Milch bis zum ethischen Fond: Sonja Kato und Monika Langthaler haben mit ihrem "Bio-Knigge Austria" einen umfassenden Ratgeber für einen ökologischen Alltag zusammengestellt. Im derStandard.at-Interview erklären die AutorInnen, warum eine nachhaltige Lebensführung nicht nur BesserverdienerInnen vorbehalten ist, wo das Biobauern- und -bäurinnen-Land Österreich schlechte Ökobilanzen zieht, und warum Mc Donald's auch einmal Lob gebührt.

derStandard.at: "Trendy statt weltfremd" – in Ihrem Buch wird "Bio" zum neuen Lifestyle.

Kato: Der Bio-Knigge ist kein Lifestyle-Buch. Wir wollen uns nicht auf einen Trend setzen, ohne damit Inhalt zu vermitteln. Unser Ziel war es, den Alltag zu erleichtern, indem wir die Informationen, die jeder in Einzelbroschüren oder auf einzelnen Websites finden kann, in einem Ratgeber zusammenfassen. Es geht aber nicht darum zu sagen: Das ist einer neuer Lifestyle, das ist jetzt "in".

Langthaler: Ökologische Lebensweise, damit verbindet man Birkenstock-Schlapfen tragende Müsli-EsserInnen, die um sieben Uhr abends zu Bett gehen und keinen Spaß haben. Wir sind zwei lebenslustige Frauen, die ihre Bedürfnisse nach gutem Essen, schönem Urlaub und trendiger Mode sehr gut mit ökologischen Produkten und Dienstleistungen abdecken können – das ist ein Grund, warum wir dieses Buch gemacht haben.

derStandard.at: Welche Breitenwirkung hat "Bio"?

Kato: Ich war mit dem Buch gerade auf Tournee in Kärnten, Tirol und Salzburg. Ich war erstaunt, dass ökologisch leben dort eine sozial verkehrte Welt ist: In der Stadt sind es zugegebenermaßen sehr gebildete Menschen aus dem Mittelstand, die sich mit der Öko-Thematik auseinandersetzen. In den Bundesländern ist der Zugang sozial viel niederschwelliger.

derStandard.at: Was raten Sie einer jungen vierköpfigen Familie, die gerne ökologischer leben würde, sich das aber nicht leisten kann?

Langthaler: Es hängt ganz davon ab, wo diese junge vierköpfige Familie lebt. Ich bin sozusagen ein Landei. Ich lebe in Niederösterreich in einer Gemeinde mit 800 Einwohnern. In dieser Gemeinde sind die Fragestellungen anders als in Wien. Am Land ist es möglich, einen großen Garten zu haben, wo man sein Gemüse selbst anbaut – das ist nichts Exotisches. Es ist genauso normal, dass man seine Erdäpfel vom benachbarten Bauern kriegt. Es ist ein Unterschied, ob man in der Stadt wohnt oder am Land, und in Österreich wohnen viele Menschen am Land.

derStandard.at: Auf Ihrer Homepage fordern Sie "Bioessen für alle" – wie soll das funktionieren?

Kato: Die öffentliche Hand hat in dieser Hinsicht Verantwortung. Deswegen haben wir im Wiener Gemeinderat ein rot-grünes Projekt gestartet: Seit 2001 gibt es in den Verpflegungseinrichtungen der Stadt Wien biologische Lebensmittel. Wir wollen eine funktionierende heimische biologische Landwirtschaft – das ist politischer Common Sense. Und als Kommune, die sehr viel Geld in die Hand nimmt, können wir auch einen Beitrag leisten. Vor allem, weil es um sehr große Einkaufsvolumen geht. Damit können wir gleichzeitig den Markt steuern, wir bieten den ProduzentInnen verlässliche Abnahmen.

derStandard.at: Viele Fairtrade-Produkte stammen mittlerweile aus biologischem Anbau. Aber wenn Sie sich zwischen einem Fairtrade- oder einem Bio-Produkt entscheiden müssen, was wählen Sie?

Langthaler: Fairtrade-Produkte haben oft das Problem, dass sie von sehr weit herkommen. Wir müssen uns überlegen, wie die Ökobilanz eines Produkts ausschaut. Wir müssen auf Transportwege achten. Die Bio-Kiwi aus Neuseeland würde ich wirklich nicht empfehlen, obwohl sie biologisch ist. Da greife ich lieber zum steirischen Apfel. Gleichzeitig wollen wir niemandem etwas verbieten. Aber jede/r soll sich ihrer/seiner persönlichen CO2-Bilanz bewusst sein. Ideal ist es die Kombination, biologisch hergestellte Produkte aus der Umgebung zu essen.

derStandard.at: Ein Jahr "ethisch korrekt leben", ein Jahr "keine Produkte aus China", ein Jahr "kein Erdöl" – Bücher und Filme dokumentieren solche Selbstversuche. War Ihr Buch für Sie auch ein Selbstversuch?

Kato: Solche Versuche finde ich deswegen gut und spannend, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Ein Selbstversuch war das Buch nicht, es war vielmehr ein Erkenntnisgewinn: Ein ökologisch ausgerichteter Alltag ist lebbar. Ob man es auch macht, ist eine andere Entscheidung.

Langthaler: Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren im ökologischen Bereich. Für mich war es daher kein Selbstversuch. Wo es geht, versuche ich meinen persönlichen Lebensstil danach zu richten – oft gelingt es mir aber auch nicht. In Sachen Mobilität etwa: In Wien ist es leicht, da bin ich öffentlich unterwegs; aber nach Asparn an der Zaya komme ich nur mit dem Auto. Ich bin natürlich auf der Suche nach Alternativen, versuche immer, meine Ökobilanz zu verbessern. Ich lebe sicher nicht zu 100 Prozent ökologisch. Ich freue mich, wenn es 40, 50 Prozent sind.

Kato: Natürlich lebe ich auch nicht zu 100 Prozent ökologisch. Und es ist immer schwierig, von anderen etwas zu verlangen, was man selbst nicht einhält. Das war aber auch nicht der Anspruch. In unserem Buch geht es nicht um den erhobenen Zeigefinger, wir wollen einfach einen Leitfaden geben. Wenn man weiß, dass man gewisse Dinge einfach nicht ändern kann, lässt sich vielleicht auf anderen Gebieten ein Ausgleich schaffen.

derStandard.at: Bekommen Sie Reaktionen von LeserInnen?

Langthaler: Wenn ich einkaufen gehe, sprechen mich die Leute darauf an, ob sie jetzt das Joghurt im Plastikbecher kaufen sollen oder nicht. Das passiert mir häufig – allerdings unabhängig vom Buch. Ein Informationsbedürfnis ist da.

derStandard.at: In Sachen biologischer Landwirtschaft kann Österreich eine gute Bilanz ziehen – wo kommen wir weniger gut weg?

Langthaler: Österreich ist in Europa bei ethischen Investments Schlusslicht. Das ist gerade deswegen interessant, weil Mikrokredite und ethische Fonds in den vergangenen Wochen trotz Finanzkrise kaum verloren haben. Dieses Angebot ist bei österreichischen Banken aber nicht vorhanden.
Bei Energieangeboten sind wir zum Beispiel bei Einspeiseregelungen von Ökostrom sehr schlecht.

Kato: Der öffentliche Verkehr ist ausbaubedürftig. Er entspricht zum Teil überhaupt nicht den Bedürfnissen. Ich glaube gar nicht, dass so viele Menschen wirklich mit dem Auto fahren wollen.

derStandard.at: McDonald's macht seine Kaffees jetzt mit Bio-Milch, H&M bietet Kleidung aus Bio-Baumwolle an. Macht das diese Multis zu "besseren" Unternehmen?

Langthaler: Natürlich ist McDonald's ein großes internationales Unternehmen, mit allen Problemen, die das mit sich bringt. Aber McDonald's Österreich bemüht sich im ökologischen Bereich wirklich. Vor allem, weil es so viel Kritik gab. Energieeffizienz, Abfallentsorgung, Produkte aus der Region – da steckt ein gutes Umweltkonzept dahinter. Das heißt natürlich nicht, dass es deswegen gesund ist, einen Burger zu essen.

Kato: Es ist auf jeden Fall auch wichtig, Große an Board zu haben, weil die einen enormen Vorbildcharakter haben. Wenn ein Marktlöwe wie McDonalds auf Bio-Milch aus der Region setzt, holt er "Bio" aus einem Segment, macht es breiter. Mir ist auch lieber, H&M verkauft T-Shirts, die unter guten Bedingungen erzeugt wurden, als er tut es nicht. Die Großen haben Verantwortung, wie auch die Kommune Verantwortung hat. (Nicole Bojar/derStandard.at/28/10/2008)

Zu den Personen

Sonja Kato-Mailath-Pokorny leitet seit 2001 als Bio-Beauftragte des Wiener Gemeinderates ein rot-grünes Projekt zum vermehrten Einsatz von Bio-Produkten in öffentlichen Einrichtungen. Kato war jahrelang als Presse- und PR-Referentin im Bereich Verbraucherschutz tätig.

Monika Langthaler ist geschäftsführende Gesellschafterin der Firma Brainbows, einem von ihr gegründeten Unternehmen, das Firmen in Nachhaltigkeits- und Strategiefragen berät. Die ehemalige Nationalratsabgeordnete der Grünen ist Ökologin und Obfrau von "Kultur am Filmhof".

  • Monika Langthaler und Sonja Kato.
    foto: verlag

    Monika Langthaler und Sonja Kato.

  • Monika Langthaler, Sonja Kato-Mailath-Pokorny:Bio-Knigge AustriaVon Nahrungsmitteln bis Energie, Bekleidung bis Kosmetik, Geldanlagen bis HausbauISBN: 978-3-8000-7380-1 160 Seiten, 19,95 Euro
 
 
    foto: verlag

    Monika Langthaler, Sonja Kato-Mailath-Pokorny:
    Bio-Knigge Austria
    Von Nahrungsmitteln bis Energie, Bekleidung bis Kosmetik, Geldanlagen bis Hausbau
    ISBN: 978-3-8000-7380-1
    160 Seiten, 19,95 Euro

     

     

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