Der unmögliche Abstand

27. Oktober 2008, 18:24
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In "Aruitemo Aruitemo" erzählt der japanische Regisseur Koreeda Hirokazu mit viel Feingefühl von einem Familientreffen, bei dem Konflikte zutage treten

Das fragile Gefüge einer Familie in all seinen Schattierungen einzufangen ist eine heikle Aufgabe. Klischees treten so häufig auf wie lästige Tanten. Der Franzose Arnaud Desplechin bändigt dieses Problem in seinem Film Un conte de Noël - einem der Highlights der ausklingenden Viennale -, mit stilistischem Reichtum: Er öffnet Fenster um Fenster seines schillernden Adventkalenders, bis daraus das Bild einer herrlich unordentlichen Familie entsteht.

Der japanische Regisseur Koreeda Hirokazu geht den anderen, leiseren Weg: Aruitemo Aruitemo (Still Walking) breitet auf ebenso nuancierte wie zurückhaltende Weise die Zusammenkunft einer Familie aus, die auf den ersten Blick recht gängige Konflikte beschäftigen. Das Oberhaupt Shohei (Harada Yoshio) ist ein etwas griesgrämiger Patriarch, der immer noch viel darauf hält, dass er in der Nachbarschaft als Arzt wahrgenommen wird. Mit seinem Sohn Ryota (Abe Hiroshi) liegt die Beziehung im Argen. Bei der ersten Begegnung raunt er bloß "Du bist auch da" - und verlässt wieder den Raum.

Koreeda benötigt jedoch keine demonstrativen Mittel, um von Reibungen zwischen Generationen zu erzählen. Die flexible Arbeitssituation des Sohnes passt nicht ins Lebensmodell des Vaters; seine Ehe mit einer Witwe toleriert er zwar, kleine Seitenhiebe verkneift er sich aber trotzdem nicht. Während die Kinder für ausgelassene Stimmung sorgen oder die Großmutter mit Essen die aufgehitzten Gemüter beruhigt, schwelt der Missmut weiter unter der Oberfläche.

Wie in vielen Filmen, die von Familien erzählen, gibt es auch in Aruitemo Aruitemo ein unbewältigtes Trauma. Hier liefert es sogar den Grund für das Miteinander: Man ist zum Gedenken an den älteren Sohn Junpei, den designierten Erben der väterlichen Klinik, zusammengekommen. Als Jugendlicher kam er ums Leben. Die Geschwister - Ryota und seine Schwester Chinami (You) - werden stets an ihm gemessen, ein Abstand, der nie aufzuholen ist.

Koreedas Kunst ist es, die familiären Verwerfungen an alltäglichen Abläufen ablesbar zu machen - nicht nur in diesem Sinn orientiert er sich am japanischen Meisterregisseur Yasujiro Ozu. Ein Tag und eine Nacht nehmen wir an diesem Familienleben teil. Vieles bleibt unausgesprochen, einiges wird angedeutet, das allerwenigste wird bewältigt. (Dominik Kamalzadeh, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 28.10.2008)

28. 10., Künstlerhaus, 13.30; 29. 10, Metro, 21.00

  • Familientreffen unter dem Eindruck des Missbehagens: Ryota (Abe
Hiroshi) und seine Frau Yukari (Natsukawa Yui) in Koreeda Hirokazus
"Aruitemo Aruitemo".
    foto: viennale

    Familientreffen unter dem Eindruck des Missbehagens: Ryota (Abe Hiroshi) und seine Frau Yukari (Natsukawa Yui) in Koreeda Hirokazus "Aruitemo Aruitemo".

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