"Von mir aus sollte eine Doku den Preis kriegen"

27. Oktober 2008, 18:18
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Musiker Ernst Molden: "Es gibt zu jedem der eingereichten Filme echt viel zu sagen - auch zu den schlechten."

Standard: Sie sitzen gemeinsam mit Andrea Braidt, Dimitre Dinev, Michael Kerbler und Sylvie Rohrer in der Jury für den Wiener Film-preis, der am Mittwoch vergeben wird. Was qualifiziert Sie zum Filmjuror?

Molden: Ich komme dazu wie die Jungfrau zum Kind. Denn ich hatte ja nie cineastische Affinitäten. Viennale-Direktor Hans Hurch hat mich dann aber wissen lassen, dass es um Wien-Kompetenz geht und dass er definitiv auch Künstler aus anderen Genres will für die Jury. Deshalb hab ich dann zugesagt. Es hat sich allerdings als wesentlich mehr Arbeit als erwartet herausgestellt. Aber andererseits auch Spaß gemacht.

Standard: Wie viele Filme haben Sie sich angeschaut?

Molden: Insgesamt zwanzig. Die eine Hälfte davon Spielfilme, die andere Dokumentationen. Hauptkriterium war ja, dass der Film in den letzten Monaten im Kino gelaufen ist.

Standard: Wer soll den mit 7000 Euro dotierten Preis der Stadt Wien aus Ihrer Sicht bekommen?

Molden: Der Film In die Welt von Constantin Wulff hat mich sehr beeindruckt, auch weil meine eigenen drei Kinder so auf die Welt gekommen sind. Aber wahrscheinlich ist genau das auch der Zugang, um den es eigentlich geht, wenn man einen Film aussucht. Aber ich habe wirklich keine Ahnung, welcher Film das Rennen machen könnte. Es sind sehr unterschiedliche Sachen dabei. Von mir aus sollte eine Doku den Preis kriegen. Ich empfand sie als massiv stärker als die Spielfilme. So geht es mir aber generell in Bezug auf Filme, das hat jetzt nichts mit dem österreichischen Film zu tun. Bei allem, was ich in letzter Zeit so gesehen habe, haben mich Dokumentationen mehr interessiert als Spielfilme. Andererseits, jetzt habe ich Entre les murs von Laurent Cantet bei der Eröffnung der Viennale gesehen, das hat mich auch total beeindruckt. Aber möglicherweise, weil das eh auch eine halbe Doku ist. Ich, glaube ich, habe eine Sehnsucht nach ... - Wirklichkeit würde ich es nicht nennen, weil: Wie wirklich ist eine Doku im Endeffekt? Eher Wahrheit. Und irgendwie finde ich da in Dokus mehr als in Spielfilmen.

Standard: Hat sich die Jury vor dem Tag der großen Entscheidung schon einmal zusammengesetzt? Zu einer Art Zwischenbilanz?

Molden: Nein, es gab nur ein Kennenlerntreffen. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, was die anderen zu den Filmen sagen, weil ich einfach merke, dass meine Sicht völlig anders ist, weil ich nicht den jahrelangen Durchblick habe. Die Diskussion innerhalb der Jury, wer den Preis bekommen wird, wird sicher spannend. Ich hab schon einige Kandidaten, und es gibt zu jedem Film echt viel zu sagen. Auch zu den schlechten gäbe es eigentlich viel zu sagen. Also es gibt keinen, wo mir nichts dazu einfallen würde. (SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 28.10.2008)

  • Ernst Molden (40) ist Liedermacher in Wien.
    foto: heribert corn

    Ernst Molden (40) ist Liedermacher in Wien.

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