Schwarzer Witz zwischen Heimat und Exil

27. Oktober 2008, 17:17
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Was bleibt von Czernowitz, das heuer sein 600. Gründungsjahr feiert? War die legendäre kulturelle Vielfalt der Bukowina-Hauptstadt nur Illusion? In Wien kamen jüngst gebürtige Czernowitzerinnen zu Wort

Ohne Boden war die Heimat
meine Heimat die mich schulte
Wurzeln in die Luft zu schlagen

Pseudo-Sprache
Pseudo-Dasein
Mummenschanz und
Purimspiele
umgetrieben auf dem Kreuzweg
Wien – Paris und Przemysl

Pseudo-nyme
Phraseo-nyme
Größenwahn und Ungenügen
Kunst- und Sturz- und
Höhenflüge:
Czernowitz mein schwarzer Witz

In diesem Gedicht von Ilana Shmueli verdichten sich Faszination und Mythos von Czernowitz auf geradezu exemplarische Weise. Heimat ohne Boden – das Pseudohafte der eigenen Identität in einem bereichernden und zugleich verstörenden Neben- und Miteinander von Nationalitäten, Religionen und Kulturen – Größenwahn eines beflissenen Bildungsbürgertums, das glaubte, aus Czernowitz ein Klein-Wien gemacht zu haben – Absturz in die Katastrophe des Holocaust – und schließlich der schwarze, für die ostjüdische Kultur so typische Humor (in Anspielung auf den ersten Teil des Stadtnamens), der vielen half zu überleben.

Ilana Shmueli wurde 1924 als Liane Schindler in eine Czernowitzer Fabrikantenfamilie geboren. Die Familie wurde 1940, nach dem Einmarsch der Sowjets im Gefolge des Hitler-Stalin-Pakts, enteignet. Liane Schindler freundete sich mit Paul Celan und Rose Ausländer an, zwei der berühmtesten "Kinder" von Czernowitz. 1944 emigrierte sie nach Israel und wurde Schriftstellerin.

Der intensive "Kulturkult" habe sie, die verwöhnte Tochter aus gutem Hause, schon damals skeptisch gemacht, erzählte Ilana Shmueli jüngst in Wien an einem von KulturKontakt Austria und der Theodor-Kramer-Gesellschaft veranstalteten Abend zum 600-Jahr-Jubiläum von Czernowitz. "Es war eine Fassade, und die habe ich durchschaut. Wir hatten Eichenbücherschränke mit den Werken von Goethe und Schiller, aber die Schränke wurden nie geöffnet."

Also eine Scheinwelt, die unaufhaltsam ihrem Ende entgegenging, wie Helmut Kusdat, Czernowitz-Kenner und Herausgeber von Büchern über die Bukowina, fragte? Die kulturelle Freiheit in der Monarchie kenne sie nur aus Erzählungen, antwortete Shmueli. "Czernowitz war nicht meine Heimat." Das gilt für sie bis heute, und in einem viel weiteren Sinn: "In dieser globalisierten, wandernden Welt sind wird doch alle irgendwie im Exil." Und doch sei die Sehnsucht nach einem Daheim geblieben. Ein unauflösbarer Widerspruch, den Shmueli so formulierte: "Czernowitz ist ein Mythos, und es ist wunderschön, dass es so ist. Ich kann ihn leider nicht teilen."

Unzählige Anekdoten haben den Mythos genährt. "In Czernowitz ist alles möglich" , soll ein Fremder auf die Frage nach einem Dampfbad zur Antwort erhalten haben. Was tatsächlich alles möglich war – und ist -, erläuterte Helmut Kusdat. Vor dem Ersten Weltkrieg war etwa ein Drittel der Stadtbevölkerung jüdisch, der Rest zu je zehn bis 15 Prozent rumänisch, ukrainisch (ruthenisch) und deutsch. Um 1900 gab es 1400 Vereine, davon 200 jüdische Wohltätigkeitsvereine. Und es gab auch jüdische schlagende Burschenschaften. Die Sonnenuhr an der katholischen Kirche zeigt weiter die mitteleuropäische Zeit an. Und im Vorjahr wurde der Grundstein für ein neues Kaiser-Franz-Joseph-Denkmal gelegt.

Dass ihr Czernowitz-Bild von Nostalgie mitgeprägt ist, will die Schriftstellerin Margit Bartfeld-Feller gar nicht leugnen: 1923 geboren, hat sie in der Stadt eine "sonnige Kindheit" verbracht. 1941 wurde sie von den Sowjets nach Sibirien deportiert und lebte dort 50 Jahre, ehe sie 1990 nach Israel auswanderte.

Acht Bücher hat Bartfeld-Feller bisher veröffentlicht, die meisten mit Geschichten aus Czernowitz, auf Deutsch. Dass ihre Muttersprache auch die "Sprache der Mörder" wurde, hat sie ihr, im Gegensatz zu vielen anderen deutsch-jüdischen Autoren, nicht verhasst gemacht. "Aus der Heimat kann man mich herausreißen, aber aus meiner Sprache kann man mich nicht vertreiben" , sagte Bartfeld-Feller jetzt vor Wiener Publikum.

Sprache als Heimat: Josef Burg, 1912 als Österreicher im Karpatenstädtchen Wischnitz geboren, ist der letzte von einst 40 jiddischen Schriftstellern in Czernowitz, wo er als Ehrenbürger lebt. An dem Wiener Gedenkabend las Felix Mitterer aus Burgs neu erschienenem Erzählband "Ein Stück trockenes Brot" (Hans Boldt Verlag). Die Geschichte vom Bettler, der einem KZ-Flüchtling ein – vermeintliches – Stück Brot mit dem dringenden Rat schenkt, es so lange wie möglich nicht zu essen, und ihm damit das Leben rettet, ist eine Geschichte, deren subtil-humorvolle Lebenseinsicht wahrscheinlich nur im Biotop Czernowitz wachsen konnte – Mythos hin oder her. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2008)

Musik- und Literaturabend zu Czernowitz: "Klein Wien am Pruth"; Freitag, 31. 10. 2008, 19.30 Uhr, Ehrbar-Saal, Mühlgasse 30, 1040 Wien; Karten unter Tel.: (01) 585 08 88

  • Ilana Shmueli: "Ein wunderschöner Mythos, den ich nicht teilen kann."
    foto: kirchengast

    Ilana Shmueli: "Ein wunderschöner Mythos, den ich nicht teilen kann."

  • Margit Bartfeld-Feller: "Aus der Sprache kann man mich nicht vertreiben."
    foto: kirchengast

    Margit Bartfeld-Feller: "Aus der Sprache kann man mich nicht vertreiben."

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