Es klingelingelingelingt

27. Oktober 2008, 13:33
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Bisher war der erste Weihnachtsvorbote meist ein Nikolo im Supermarktschokoregal - Heuer aber war eine Agentur schneller

Es war am Freitag. Dem 24. Allerdings Oktober, nicht Dezember. Da waren es noch genau zwei Monate bis Weihnachten. Und auch wenn in den vergangenen Wochen schon erste Ankündigungen für Weihnachrsproduktpräsentationen und Hinweise aufs ins Haus stehende X-Mas-Firmen-Charities auf unseren Schreibtischen gelandet waren, war Weihnachten bisher eigentlich kein gefühltes Thema.

Nicht einmal der Plüsch-Charity-Elch, den eine Agentur geschickt hatte, versetzte bisher in Weihnachtsvorfreude oder -verzweiflung. Obwohl das Tier schon eine gute Tat getan hat: Kollege C lieh es sich aus, um nach einer durchgeschriebenen Nacht einen Polster für ein kurzes Nickerchen zu haben: "Gutes Tier, sehr bequem. Werde ich mir wieder ausborgen - wenn dein Hund es nicht erwischt", meinte er, als er den Elch dann zurück brachte.)

Gratulation

Aber weihnachtlich, meinte C. als ich ihn am Freitag noch einmal fragte, habe er sich bei der Elchbenutzung nicht gefühlt. Und auch die andern im Raum sahen das so. Und gratulierten mir.

Denn heuer habe ich das hausinterne Rennen um die allererste Weihnachtsgrußkarte des Jahres gewonnen: Sie kam am Freitag. Mit einem kleinen Pakte. Aber auch als ich den mit Kondomen gefüllten Adventkalender dann unter allgemeinem Gejohle auf den Tisch gestellt hatte, war Weihnachten kein Thema: Der Kalender war in den vergangenen Jahren auch gekommen. Und so wie seine schokoladengefüllten Geschwister auch, war er immer binnen weniger Stunden geplündert gewesen. Oder hatte sich selbst entleert, sobald niemand im Raum war.

Stehimweg

Alle Adventkalender können das. Zumindest jene, die nicht in Kinderzimmern stehen oder hängen. Deshalb haben Adventkalender auch wenig mit Weihnachten zu tun: Einmal leer, sind sie für undankbare und übersättigt-verwöhnte Materialisten bloß Stehimwegs. Und werden entsorgt. Lange vor Weihnachten.

Aber neben dem Kalender war da noch ein Kuvert im Paket gewesen. Und noch beim Aufmachen, hatte ich überlegt, ob es nicht doch ein bisserl komisch sei, der Aussendung zum bevorstehenden World-Aids-Day einen Adventkalender beizulegen. Safe Sex hin oder her.

Einen guten Start

Aber dann staunte ich: "Wir wünschen ihnen ruhige, erholsame Tage und einen guten Start ins neue Jahr" stand da. Plus dem üblichen, persönlichen Handschriftsätzchen und einer persönlichen Autogrammsammlung von Menschen, die ich noch nie bewusst gesehen oder gesprochen hatte. Kein Zweifel: das erste Weihnachtsbillet der Saison.

Die Kollegen gratulierten zwar, manche waren aber ganz offenkundig auch ein bisserl neidig: F. etwa behauptete, "schon längst" einige Grußkarten erhalten zu haben - aber auf Nachfrage konnte auch er nicht viel mehr als Geschenklistenerinnerungsmails, Kinderhilfswerkkartenkaufanbote und einen Charityplüschelch vorlegen. Und jene Kollegin, die dieses Rennen in den vergangenen Jahren immer gewonnen hatte, unterstellte gar, dass Karte und Kondomkalender von der Präser-PR-Agentur im Oktober ein Irrtum gewesen seien: "Die sind sonst immer nur im Mittelfeld - da hat wohl irgendein Praktikant die falsche Palette zur Post gebracht."

Danke

Um diesen Schatten von meinem Sieg zu wischen, tat ich, was ich in meinem ganzen Weihnachtskartenempfängerleben noch nie getan habe: Ich rief den Absender an - und bedankte mich. Und fragte en passant, ob das gerade ein Witz oder ein Irrtum gewesen sei: Vor der Weihnachtsbeleuchtung in den Einkaufsstraßen, vor den Nikolos im Supermarkt und vor den ersten Weihnachtsliedern in der Mall, hatten nämlich auch die Kollegen bisher keine Weihnachts- und Neujahrskarten bekommen und entsorgt.

Die Dame bei der PR-Agentur lachte: Ich sei nicht der erste, der da heute und deshalb anrufe. Und das, sagte sie, zeige, dass die Entscheidung, jetzt schon "guten Rutsch" zu wünschen, goldrichtig gewesen sei. Weihnachtskartenschicken sei schließlich eine ebenso mühsame Routine, wie Weihnachtskartenbekommen und Weihnachtskartenentsorgen. Ab der dritten Novemberwoche, sagte die Dame, schaue man ja nicht einmal mehr, wer da wem was wünsche.

Pflicht

Aber so, meinte sie, sei aus dem nervigen Pflicht-Stück ein Erfolg geworden: ich hätte schließlich früher auch Kondomadventkalender bekommen, aber schon drei Minuten nach dem Auspacken nicht mehr gewusst, welche PR-Agentur ihn geschickt habe. Und schloss die Agenturdame, á propos Kondomadventkalender: Falls der, wie bei den Kollegen die auch schon angerufen hätten, nicht bis zum Advent halten sollte, solle ich ja noch einmal anrufen.

Eines konnte sie mir aber dann doch nicht sagen: Ob sie mir 2009 dann am 24. August "frohe Weihnachten" wünschen werde, sei noch nicht fix. Aber - "andere Agenturen werden da sicher Lehren draus ziehen" - auch nicht auszuschließen. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 27. Oktober 2008)

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