"Sie bleibt erregt und unbefriedigt"

28. Oktober 2008, 17:39
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Bei ihrem Bemühen weibliche Lust, Verhütung und Abtreibung zu enttabuisieren, stieß die Frauenrechtlerin und Autorin Marie Stopes zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf enorme Widerstände - ein Porträt

"Nicht selten üben heutzutage die Ehemänner, aus Furcht vor den Beschwerden der Frau durch ein weiteres Kind und den erhöhten Ausgaben für den Haushalt, das was man den Coitus interruptus nennt: der Mann zieht hart vor der Ejakulation das Glied zurück, in einem Erregungszustand, in dem die Entladung sich dann von selbst vollzieht ... Von dieser Praxis ist aufs dringendste abzuraten: sie mag die Frau von der Angst vor unerwünschter Nachkommenschaft befreien, aber sie ist nach anderer Richtung für sie sehr schädlich. Sie hat nämlich die Tendenz, die Frau gewissermaßen in der Luft hängen zu lassen; sie bleibt erregt und unbefriedigt", schrieb Marie Stopes Anfang des 20. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als die öffentliche Thematisierung von Sexualität - im Speziellen jener der Frau -, Geburtenkontrolle und Abtreibung noch sehr dürftig und voller Tabus war.

Die Sexualaufklärerin, die Geologie, Botanik und Geografie am University College studiert, in München promoviert und als erste Frau Naturwissenschaften an der Universität Manchester unterrichtet hatte, wollte vor allem das Verständnis der Geschlechter für einander und die Kenntnisse der physiologischen Differenzen verbessern. Zu diesen Themen publizierte sie 1918 das Buch "Married Love" (dtsch: Das Liebesleben in der Ehe. Ein Beitrag zur Lösung der sexuellen Frage) und 1927 "Wise Parenthood".

Periodisches Liebessehnen

Marie Stopes ging den Vorurteilen ihrer Zeit hartnäckig nach: "Das Weib ist durchaus nicht seiner Natur nach launenhaft. Längst hätte man mehr über die Gesetze seines Wesens erfahren können, wenn man nur danach geforscht hätte. Aber es hat den Männern besser in den Kram gepasst, die Frauen als unvernünftig hinzustellen und ihre Launen mit einem Achselzucken spöttisch abzutun". Und wann endlich, echauffierte sie sich weiter, "werden des Menschen Söhne und Töchter die Gezeiten der Geschlechtlichkeit im Weibe erforschen und die Gesetze erkennen, nach denen das Liebessehnen der Frau periodisch auf- und abschwillt?".

Um das Wissen über die sexuellen Bedürfnisse und deren Folgen unter die Menschen zu bringen, gab Marie Stopes das Magazin "Birth Control News" heraus, in dem auch über Methoden der Abtreibung berichtet wurde. Mutige Aufklärungsarbeit also. Als Dank dafür erntete sie vor allem herbe Kritik von Kirchenvertretern, gesellschaftliche Degradierung und verlor einen Prozess gegen Verleumdung, in dem ein gewisser Dr. Halliday Sutherland Stopes' Popularisierung der Verhütungsmethoden als "abartiges Verbrechen" bezeichnet hatte.

Marie Stopes beschäftigte sich Zeit ihres Lebens mit Sexualaufklärung, interessierte sich für die neuesten Konzepte zur Verhütung wie beispielsweise einen kleinen Stoppel zum Verschluss der männlichen Harnröhre, wie es das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch belegt. 1921 eröffnete sie zudem das erste britische Zentrum für Geburtenkontrolle in London, das zum Vorbild in anderen Ländern wurde. (dabu/dieStandard.at, 28.10.2008)

 

Informationen Über Marie Stopes finden sich im Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch. Auch der im Artikel erwähnte "Stopel" zum Verschluss der männlichen Harnröhre ist dort ausgestellt.
Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch
Mariahilfer Gürtel 37/1. Stock
1150 Wien
www.verhuetungsmuseum.at

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    Foto: Archiv

    Die Schottin Marie Stopes wurde am 15. Oktober 1880 geboren und starb am 2. Oktober 1958.

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