Island: Trotz Milliardenhilfe Staatsbankrott möglich

26. Oktober 2008, 19:06
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Demonstranten in Island fordern den Rücktritt des Regierungschefs sowie den Beitritt zur EU und zum Euro

Reykjavík - Neben den beantragten zwei Milliarden Dollar vom Internationalen Währungsfonds (IWF) braucht Island wahrscheinlich weitere Finanzhilfen. Um den Staatsbankrott abzuwenden, benötige das Land am Ende voraussichtlich eine höhere Kreditsumme, sagte Ministerpräsident Geir Haarde Freitagabend. "Die zwei Milliarden Dollar vom IWF wären ein guter Teil davon. Aber ich glaube, wir bräuchten zusätzlich noch einige Milliarden", sagte Haarde.

Zuvor hatte es in mit der Lage vertrauten Kreisen geheißen, Island benötige insgesamt sechs Milliarden Dollar und wolle auch seine nordischen Nachbarstaaten um Hilfe bitten. Außerdem will die Regierung Gespräche mit Russland über die Gewährung eines Darlehens fortsetzen, hatte Haarde erklärt. Die isländische Regierung und das Verhandlungsteam des IWF haben sich am Freitag auf ein Wirtschaftsprogramm zur Sanierung der Finanzlage geeinigt. Sobald die Gremien des IWF zustimmen, sollen im Laufe eines zweijährigen Programms 833 Mio. Dollar fließen.

Die 300.000 Einwohner zählende Insel ist wie kein anderes europäisches Land in den Finanzstrudel geraten. Die Regierung versucht nun durch die Verstaatlichung von Banken und mithilfe ausländischer Darlehen die Staatspleite abzuwenden. Rund 2000 Demonstranten haben den Rücktritt der Chefs von Regierung und Notenbank gefordert. Haarde und Zentralbankchef David Oddsson hätten es nicht geschafft, schweren Schaden vom Land abzuwenden, hieß es auf dem Demonstrationszug vom Parlament zu einem Regierungsgebäude im Zentrum der Hauptstadt Reykjavík.

Zudem wurde ein zügiger Beitritt des Landes in die Europäische Union gefordert. Dazu könnten auch vorgezogene Neuwahlen beitragen. Die bis 2011 gewählte Koalitionsregierung ist in der Frage gespalten: Während Haardes Unabhängigkeitspartei gegen einen Beitritt ist, ist der Juniorpartner, die Sozialdemokratische Allianz, dafür. Viele Bürger und Politiker Islands haben sich in den vergangenen Jahren für den Euro ausgesprochen, der aber einen Beitritt zur EU erfordert.

Dagegen sträubte sich aber vor allem die für die Insel extrem wichtige Fischerei-Industrie. Sie fürchtet, bei einem Beitritt Zugeständnisse machen zu müssen.

Zuvor hatte Paul Thomson, der Chef der isländischen IWF-Mission, Befürchtungen ausgesprochen, dass Islands Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr zehn Prozent schrumpfen könnte. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2008)

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