Lehmhäuser und Solarthermie

26. Oktober 2008, 17:19
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Im Sommer 2009 soll das erste Ökodorf Österreichs entstehen - Ein Lokalaugenschein beim ersten SiedlerInnentreffen in Riegersburg

"Panoramablick Riegersburg" - die grünen Schilder am Straßenrand weisen an diesem Morgen ins Leere. Dicke Nebelschwaden haben sich über das oststeirische Hügelland gelegt. Die Riegersburg ist hinter einer weißen Wand verschwunden, in der gleichnamigen 2500-Seelen Gemeinde, die darunter liegt, ist es still. Nur der Parkplatz vor der Hauptschule ist trotz Wochenende voll belegt. "Siedeln im Ökodorf?" fragen schwarz-gelbe Flyer in Postkartenformat auf Türstöcken und Stiegengeländern um und im Schulgebäude.
In der Aula scharen sich rund 80 Interessierte um Plakatwände und Infotische - sie könnten die künftigen BewohnerInnen von Österreichs erstem Ökodorf werden.

Seit sechs Jahren ist das Projekt "Keimblatt Ökodorf" in Arbeit - im Sommer 2009 soll der Startschuss für den Baubeginn fallen. Wo genau, steht noch nicht fest - in Frage kommen die südsteirischen Bezirke Feldbach und Fürstenfeld und Güssing und Jennersdorf im Südburgenland. Die Vision: Eine Siedlung, die Nachhaltigkeit und Lebensqualität unter ein Dach bringt. Dabei geht es nicht nur um ökologisch vorbildliches Wohnen: Ziel ist eine alternative Lebensform, die auch das soziale Miteinander neu definieren soll.

"Ein Ort für alle"

Für ein erstes gegenseitiges Beschnuppern bittet das fünfköpfige Projektteam in den Turnsaal. Dreadlocks und Perlenohringe, Wollpullover und Markenjeans mischen sich dort am Parkett. Zum Aufwärmen platzieren sich die TeilnehmerInnen nach Herkunft. Auf einen Blick ist klar: Die meisten stammen aus der Steiermark, dem Burgenland und Wien, viele sind aus der nächsten Umgebung, andere sind für die Veranstaltung mehr als 1000 Kilometer gereist. Susanne und Volkmer Münz aus dem deutschen Mecklenburg-Vorpommern etwa. Das Paar ist auf der Suche nach einem Ort, "der für alle da ist, an dem auch Alte und Kinder ihre Existenzberechtigung haben." Der Reiz, der das "Keimblatt Ökodorf" für sie ausmacht: "Hier ist noch nichts fix, hier können wir noch mitgestalten."

Auch Eckhard Labadié hält das Projekt "für eine gute Idee. Aber im Moment ist mir das alles noch viel zu theoretisch", fügt der pensionierte Mittelschullehrer aus Bad Gleichenberg hinzu. Während er sich vorsichtig als "Interessent" definiert, hat sich seine Frau Silvia bereits zu der Gruppe von Leute gesellt, die bereit wären, "sofort einzuziehen." Vom geplanten Ökodorf hat das Paar in der "Kleinen Zeitung" erfahren. "Wir bearbeiten unseren Garten daheim ökologisch, deswegen ist das für uns hier auch spannend", erzählt Silvia Labadié. In einer Gemeinschaft zu leben kann sie sich zwar vorstellen - aber: "Ich brauche auch meinem Freiraum."

Wie es aussehen könnte

Der soll im Keimblatt Ökodorf auch vorhanden sein: In der Hauptschul-Aula sind zahlreiche Ökodorf-Pläne an Schauwände geklebt. "Platzhalter", wie Ronny Wytek, einer der fünf Projektkoordinatoren, betont. "Diese Konzepte sollen den InteressentInnen eine Idee geben, wie ein Ökodorf aussehen kann."
Viel mehr kann man bis dato nämlich nicht bieten: Auch das Grundstück, auf dem das Dorf entstehen soll, steht noch nicht fest. Bei der Veranstaltung werden zwei Alternativen vorgestellt: Ein hügeliges Grundstück mit zwei Seen im Bezirk Feldbach und eines Marke "Flachland" im südburgenländischen Bezirk Güssing, wo sich einige Gemeinden mit ihrer Initiative der Energie-Autarkie ohnehin schon öko-affin zeigen.

Mit den Bürgermeistern stehe man in regem Kontakt - und überhaupt werde man von den Gemeinden freundlich aufgenommen: Das erste Ökodorf Österreichs soll Prestige, öffentliches Interesse und in weiterer Folge Investoren bringen - schlagende Argumente in den angepeilten, oft strukturschwachen Regionen.

Nicht nur Salat pflanzen

Fest steht: Auf 35 bis 50 Hektar Grund soll Wohn- und Lebensraum für maximal 150 Leute geschaffen werden - dabei wechseln sich Bauflächen mit Landwirtschafts-, Garten-, Wald- und Wasserflächen ab. Das Dorf besteht aus mehreren "Nachbarschaften" von 20 bis 30 Leuten, das Zentrum wird von Gemeinschaftseinrichtungen wie Großküche, Bibliothek oder Veranstaltungssaal gebildet. Dabei werden sich die künftigen SiedlerInnen nicht auf das Ziehen von Salatpflanzen und Netzgurken beschränken: Werkstätten, Seminarzentren und andere Dienstleistungsbetriebe sollen Arbeitsplätze vor Ort schaffen und Pendelverkehr überflüssig machen; mit einem Praxiscampus für universitäre Einrichtungen ist auch eine Forschungseinrichtung angedacht.

Ökodörfer gelten unter ihren Verfechtern als "Oasen der Nachhaltigkeit" - auch weil vorhandene Infrastrukturen gemeinsam genützt werden. "Gut funktionierende Gemeinschaftseinrichtungen sind ein Anreiz für die SiedlerInnen, diese auch zu benützen. Dann muss zum Beispiel nicht jeder eine eigene Waschmaschine haben - das schont die Ressourcen", sagt Wytek.
Eine Studie der Universität Kassel aus dem Jahr 2004 gibt dieser Theorie Recht: Rechnet man den Energieaufwand von Mobilität, Ernährung und Wohnen einer Person in CO2-Äquivalente um, benötigt der Durchschnittsdeutsche 8,2 Tonnen CO2 pro Jahr. Das Soll liegt bei 1,75 Tonnen. Während ökologisch Affine ihren CO2-Verbrauch auf jährlich 4,2 Tonnen herunterschrauben können, verbrauchen die BewohnerInnen des Vorzeige-Ökodorfs Sieben Linden im deutschen Sachsen-Anhalt nur 2,2 Tonnen pro Jahr.

"Thermische Solarenergie ist ein Muss"

An einem eigenen Energiekonzept für das Keimblatt Ökodorf wird also bereits gearbeitet. Wytek: "Die Nutzung von thermischer Solarenergie ist ein Muss." Im Gegensatz zur Photovoltaik, bei der Sonnenlicht in Strom umgewandelt wird, machen thermische Solaranlagen die Wärme der Sonneneinstrahlung nutzbar. Dieses Konzept wird in der Haustechnik vor allem zur Erwärmung von Wasser und bei Heizanlagen eingesetzt. Außerdem wird über eine eigene Biogas-Produktion nachgedacht. Wyteks Anspruch: "Die Energieproduktion im Ökodorf muss krisensicher, einfach zu warten und effizient sein."
Die Finanzierung dieser Vorhaben steht: Sie wird von der Maria Theresia-Stiftung für nachhaltige Entwickling in Wien übernommen.

Bis dato ist das Keimblatt Ökodorf mit all seinen Facetten noch Theorie. Glaubt man allerdings allen TeilnehmerInnen, die sich am Ende der "Auftaktveranstaltung" schon als "Siedlungs-PionierInnen" sehen, werden die ersten 30 Leute nächsten Sommer im Südburgenland oder der südlichen Steiermark den Grundstein für Österreichs erstes Ökodorf setzen. (Nicole Bojar,derStandard.at, 26.10.2008)

  • Riegersburg als Ort der Begegnung: In der dortigen Hauptschule trafen potentielle Ökodorf-SiedlerInnen erstmals aufeinander.
    foto: derstandard.at/bojar

    Riegersburg als Ort der Begegnung: In der dortigen Hauptschule trafen potentielle Ökodorf-SiedlerInnen erstmals aufeinander.

  • Eine Frage, die nochmehr Fragen aufwirft: Was heißt es, in einem Ökodorf zu leben?
    foto: derstandard.at/bojar

    Eine Frage, die nochmehr Fragen aufwirft: Was heißt es, in einem Ökodorf zu leben?

  • Silivia Labadié könnte sich ein Leben im Ökodorf vorstellen, ihrem Mann Eckhard ist "alles noch zu theoretisch".
    foto: derstandard.at/bojar

    Silivia Labadié könnte sich ein Leben im Ökodorf vorstellen, ihrem Mann Eckhard ist "alles noch zu theoretisch".

  • So könnte es aussehen: Erste Planungskonzepte gibt es bereits
    foto: derstandard.at/bojar

    So könnte es aussehen: Erste Planungskonzepte gibt es bereits

  • Vier Mitglieder des fünfköpfigen Projektteams: Alexander Dworak, Markus Fröhlich, Sandra Marth und Ronny Wytek.
    foto: derstandard.at/bojar

    Vier Mitglieder des fünfköpfigen Projektteams: Alexander Dworak, Markus Fröhlich, Sandra Marth und Ronny Wytek.

  • Erste Kontaktaufnahmen im Turnsaal
    foto: derstandard.at/bojar

    Erste Kontaktaufnahmen im Turnsaal

  • Quo vadis, Ökodorf? Im Sommer 2009 soll das Projekt verwirklicht werden.

    Quo vadis, Ökodorf? Im Sommer 2009 soll das Projekt verwirklicht werden.

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