Gewaltwelle im Nordkaukasus

26. Oktober 2008, 17:06
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Wut der Muslime über umstandslose Anerkennung Südossetiens durch Moskau

Wien/Magas - Sechs Jahre ist die Tragödie her. Am Sonntag gedachten Überlebende der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater der qualvollen Tage und Nächte, die sie vom Abend des 23. Oktobers bis zum frühen Morgen des 26. im Saal des Theaters zubrachten - 850 Besucher des Musical "Nord-Ost" in der Hand von 40 bis 50 tschetschenischen Terroristen. Beim Sturmangriff der Armee auf das Theater starben damals mindestens 129 Geiseln durch ein Gas, das durch das Belüftungssystem eingeleitet wurde. Alle Terroristen, auch die durch das Gas betäubten, wurden erschossen.

An den Verhandlungen mit den Geiselnehmern, die nie zu einem Ende führen sollten, war auch Ruslan Auschew, ein früherer, vielseits geachteter Präsident der Teilrepublik Inguschetien, beteiligt. Die Gewaltwelle, die in diesen Wochen über sein Land rollt, zeigt nach Ansicht der Kaukasus-Kennerin Liz Fuller von Radio Free Europe in Prag zweierlei: wie weit der bewaffnete Aufstand gegen die russische Regierung und ihre Sicherheitskräfte über Tschetschenien hinaus auf die anderen Republiken des Nordkaukasus übergegriffen hat und wie sehr der Islam das Unabhängigkeitsstreben der Tschetschenen als Hauptantrieb der Rebellion in der Region ersetzt hat.

Die Liste der Angriffe in den vergangenen Tagen ist beachtlich: 15 Menschen sind in Inguschetien in der Nacht zu Freitag von einem bewaffneten Kommando entführt worden - darunter mindestens vier Polizisten an einem Kontrollpunkt und in einem Spielsalon, der schon früher Ziel von Angriffen der Islamisten war. Ein Polizeioffizier wurde am Samstag auf dem Weg zur Arbeit aus einem vorbeifahrenden Auto erschossen. Bei einem Angriff auf einen Militärkonvoi kamen am 18. Oktober nach offiziellen Angaben zwei Soldaten ums Leben; aus inguschetischen Sicherheitskreisen hieß es, 40 Soldaten seien in Wahrheit bei dem Granatenbeschuss getötet worden, nur einer überlebte verletzt. Die Angriffe hätten im Vergleich zum Vorjahr um 103 Prozent zugenommen, errechnete der Staatsanwalt in Inguschetien.

In Dagestan, der größeren Nachbarrepublik Tschetscheniens, wurden bei einem der verlustreichsten Gefechte mit Aufständischen in jüngster Zeit fünf Polizisten erschossen. In der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas verübten Terroristen in der vergangenen Woche einen Sprengstoffanschlag auf den stellvertretenden Bürgermeister.

Krieg der Inguschen

Der kurze Krieg gegen Georgien und die Anerkennung der beiden Separatistenprovinzen Abchasien und Südossetien hat den islamistischen Aufstand im Nordkaukasus ganz offensichtlich angeheizt. Vor allem die Unabhängigkeit des kleinen, wirtschaftlich nicht lebensfähigen Südossetien bringt die Inguschen und andere muslimische Völker auf. "Die Leute im Kaukasus fragten sich, warum das Problem eines Volks innerhalb von Tagen gelöst wurde, während die Probleme anderer Völker seit fast 20 Jahren andauern" , meinte Alexej Malaschenko von der Carnegie-Stiftung in Moskau. Die Inguschen waren 1992 nach einem kurzen Krieg aus Teilen Nordossetiens vertrieben worden. (mab/DER STANDARD, Printausgabe, 27.10.2008)

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