Der Schock und die Unruhe

24. Oktober 2008, 19:39
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Die argentinische Filmemacherin Lucrecia Martel erzählt in "La mujer sin cabeza" von einer Frau, die nach einem Unfall an Gedächtnisstörungen laboriert

Ein Zustand, den der Film auch bildlich wiedergibt.

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Die Provinz Salta liegt im Norden Argentiniens, fast grenzt sie an Bolivien. In der Ferne ragen verschneite Berggipfel auf, in den Tälern erstrecken sich Gen-Soja-Felder, dazwischen, 2500 Höhenmeter über Normalnull, wachsen dichte Wälder.

Es ist eine propere Gegend, reich an katholischen Kirchen, aber auch an indigenem Erbe - die Anden mit ihrer größtenteils indianischen Bevölkerung sind nicht weit. In den Häusern der lokalen Bourgeoisie etwa arbeiten indianische Putzfrauen und Kindermädchen, die ihre Märchen und Legenden an die Kinder weitergeben.
Die Filmemacherin Lucrecia Martel kam 1966 in Salta zur Welt, und obwohl sie seit langem in Buenos Aires lebt, macht sie die Provinz immer wieder zum Drehort und Schauplatz ihrer Spielfilme.

Das war bei La Ciénaga (Morast, 2001) und bei La niña santa (Das heilige Mädchen, 2004) so und ist bei Martels jüngster Arbeit La mujer sin cabeza (Die Frau ohne Kopf) nicht anders. Dabei wählt die Regisseurin alles andere als einen direkt-narrativen Zugang, um die provinzielle Enge und die Bigotterie der Salteños einzufangen. Vielmehr setzt sie auf genuin filmische Mittel, auf das Zusammenspiel von unübersichtlich gestalteten Bildern und einer Tonspur, die mit Störgeräuschen Unbehagen stiftet. Die Montage, die doch eigentlich die Kontinuität der Einstellungen gewährleisten will, hilft den Zuschauern nicht dabei, Zusammenhänge dingfest zu machen. Und anders als bei anderen Fragment-Filmen wie etwa Babel setzen sich die Einzelteile bei Martel am Ende nicht zu einem kohärenten Ganzen zusammen. Das elliptische Prinzip bleibt über den Abspann hinaus in Kraft; die Unruhe, die es auslöst, bleibt bestehen.

Erst nach und nach schält sich heraus, worum es in La mujer sin cabeza geht - auch wenn man von einem Plot im klassischen Sinne nicht sprechen kann. Verónica, eine Frau um die 50 (María Onetto), hat auf einer einsamen Straße einen Unfall. Sie überfährt einen Hund, vielleicht auch, das sieht man jedoch nicht, einen Jungen. Sie leidet an Gedächtnisschwund, auch an einem Schock; ihre Wahrnehmungsstörung überträgt sich auf die Textur des Films. Ihr Mann, ihre Schwester, die Nichten und Cousins - sie alle merken nichts und reden mit ihr, als wäre nichts geschehen. Sie reden ohne Unterlass, aber ihr Reden geht ins Leere. Oft drängen sie sich zu viert, zu fünft in engen Halbtotalen, einer schiebt sich vor den anderen, die Augen des Zuschauers kennen sich so wenig aus wie Verónica, die nicht genau weiß, wer und wo sie ist und mit wem sie es zu tun hat.

So diffus die Bildkomposition gestaltet ist, so elliptisch die Montage gerät - eines tritt in La mujer sin cabeza recht klar zutage: nämlich wie überheblich die Figuren rund um Verónica mit den indianischen Hausangestellten, Automechanikern und Gärtnern umgehen. Martel findet eine elegante, unaufdringliche Art, gesellschaftliche Verwerfungen mit den Mitteln des Kinos zu registrieren. (Cristina Nord, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.10.2008)

25. 10., Künstlerhaus, 23.30; Wh.: 29. 10., 21.00

  • Ein Autounfall und seine nicht bis ins letzte Detail klärbaren Folgen:
Verónica (Maria Onetto), die Protagonistin aus Lucrecia Martels "La
mujer sin cabeza" , stößt in in ihrem gesellschaftlichen Umfeld auf
wenig Verständnis.
    foto: viennale

    Ein Autounfall und seine nicht bis ins letzte Detail klärbaren Folgen: Verónica (Maria Onetto), die Protagonistin aus Lucrecia Martels "La mujer sin cabeza" , stößt in in ihrem gesellschaftlichen Umfeld auf wenig Verständnis.

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