"Gutes Essen ist ein Recht für alle"

24. Oktober 2008, 19:27
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Auf der Weltkonferenz Terra Madre in Turin fordern 6000 Bauern, Lebensmittelproduzenten und Agronomen aus 153 Ländern neue Spielregeln auf dem Ernährungsmarkt: Die Bauern sollen be- stimmen, nicht die Multis

Für den britischen Guardian gehört er zu "den 50 Persönlichkeiten, die den Planeten retten können". Der italienische Slowfood-Gründer Carlo Petrini gilt als unermüdlicher Vorkämpfer für gesunde Qualitätskost. In der Turiner Olympiahalle ließ der 59-jährige Piemontese diese Woche seine Streitmacht zur Rettung des Planeten aufmarschieren: 3600 Bauern, Viehzüchter, Hirten, Fischer und Nomaden, 820 Köche, 270 Agronomen und Wissenschafter und 870 Agrarstudenten aus aller Welt.

Der äthiopische Imker Monchi Voiceno gehört ebenso zur bunten Armada wie der peruanische Kartoffelbauer Antonio Quispe, der tadschikische Yakzüchter Fakriddin Sabzaliew und der Verein der Krainer Steinschafzüchter aus Kärnten. Das babylonische Sprachengewirr, in dem mehr als 500 Dolmetscher für Verständigung sorgen, kann den Konsens im globalen Netzwerk nicht beeinträchtigen. Die Richtung ist klar: Die Zukunft muss jenen gehören, die die Erde nicht ausplündern, sondern so produzieren, wie Terra Madre fordert - "sauber, gut, fair". Die Kampfansage der indischen Slowfood-Vizepräsidentin Vandana Shiva gegen die Multis der Agrarindustrie wird in der vollen Turiner Arena mit Applaus begrüßt.

Der hemmungslose Einsatz von Chemie und die Massenproduktion billiger Lebensmittel für einen globalisierten Markt verursache ein Viertel des gesamten CO2-Ausstoßes und ziele auf die Zerschlagung lokaler Produkte und der kleinen Kreisläufe, sagt die indische Biologin. "Fünf Großkonzerne glauben, sie könnten alles zur Ware degradieren, auch das Wasser und die Erde."

"Infame Regeln"

Für die prominente kalifornische Slowfood-Vertreterin Alice Waters ist "eine neue Lebensmittelordnung unaufschiebbar". Carlo Petrini träumt von einem Bretton Woods der Landwirtschaft, in dem die "infamen Regeln" umgeschrieben werden - so wie jetzt nach der weltweiten Finanzkrise. "Die reichen Staaten zeigten sich nicht gewillt, 30 Milliarden zur Bekämpfung des Hungers aufzubringen. Aber um das Bankensystem und seine perversen Spekulationen zu retten, stellten sie in zwei Wochen weltweit 2000 Milliarden bereit, erinnert Petrini. Nicht die Multis der Agrarindustrie dürften die Spielregeln bestimmen, sondern jene, die den Boden bearbeiten - ohne Gen-Food, teures Saatgut, schädliche Herbizide. "Gutes Essen ist ein Recht für alle!", erklärt Petrini. Auf die wachsende Zahl von Lebensmittelskandalen reagiert Terra Madre mit einem Manifest zur Lebensmittelsicherheit.

Noch wichtiger als die 35 Workshops ist für viele Teilnehmer der Kontakt mit Gleichgesinnten aus allen Kontinenten. "Wir sind vor zwei Jahren mit großem Enthusiasmus aus Turin nach Kongo zurückgekehrt", erzählt Jean-Pierre, Koordinator einer Fischergemeinschaft am Tanganijkasee. "Wir haben von Slowfood gelernt, wie wichtig es ist, die lokale Wirtschaft zu reaktivieren und Qualitätsprodukte anzubieten. Wir haben von norwegischen Slowfood-Freunden neue Techniken gelernt und uns für den Austausch mit anderen Lebensmittelbündnissen geöffnet."

Dass alle Kongressteilnehmer bei piemontesischen Bauern und Erzeugern untergebracht sind, fördert nur den Erfahrungsaustausch. Petrinis Fußvolk lässt sich dabei nicht etikettieren: In der Halle sitzen Campesinos mit Gummisandalen neben Nobelpreisträgern.

Und während der Slow-Food-Gründer bei Terra Madre die "Weltrevolution der Bauern" propagiert, tummelt sich nur einen Kilometer entfernt auf dem Salone del Gusto seine zweite Streitmacht: 432 Produzenten demonstrieren auf der Lebensmittelmesse, dass "sauber, gut, fair" nichts mit öder Esskultur zu tun hat: Man sieht und kostet äthiopischen Honig, Almkäse aus den Pyrenäen, Mortadella aus Prato und duftende Marmeladen aus seltenen Obstsorten. Von den Messeständen bis zum Besteck kann alles recycelt werden. (Gerhard Mumelter aus Turin, DER STANDARD Printausgabe, 25./26.10.2008)

  • "Fünf Groß- konzerne glauben, sie könnten alles zur Ware degradieren:
die indische Biologin und Slowfood-Aktivistin Vandana Shiva.

    "Fünf Groß- konzerne glauben, sie könnten alles zur Ware degradieren: die indische Biologin und Slowfood-Aktivistin Vandana Shiva.

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