Der lange Marsch des Joe Rugola

24. Oktober 2008, 19:24
7 Postings

Ein Gewerkschaftsführer kämpft im wahlentscheidenden Bundesstat Ohio gegen Ressentiments an, einen farbigen Kandidaten zu wählen

Am linken Straßenrand kläffen drei Köter, am rechten halten Arbeiter mit Kettensägen beim Baumfällen inne. Sie mustern den Mann mit der Baseballkappe, als wäre er ein bisschen verrückt. Zu Fuß auf der Landstraße? In diesem Alter?

Unbeirrt läuft Joe Rugola weiter, mit federnden Schritten, die sein schlohweißes Haar Lügen strafen. Hinter ihm liegt ein Stahlwerk, das nur noch selten Stahl kocht. Passiert ist Mingo Junction, eine Kleinstadt im Schatten des gespenstisch stillen Fabrikriesen. Verlassene Häuser. Leere Läden. Sperrholzplatten, die schwarze Fensterlöcher gnädig verdecken.

Hinter Mingo Junction geht es bergan, und immer noch ist der Wanderer so fit, dass er seinen Redefluss nicht für einen Moment unterbricht. "Mein Vater hat Doppelschichten geschrubbt, sechzehn Stunden in der Kohlegrube. Wenn ich müde werde, denke ich an ihn, dann geht es wieder."

Fast 500 Kilometer will Joe Rugola laufen, vom Ufer des Eriesees bis in den Süden Ohios. Es ist eine Route, die von Industriebrache zu Industriebrache führt, zu Betrieben, die bereits stillgelegt sind, und zu solchen, die knapp vor dem Aus stehen. Begonnen hat sie in Lorain, wo Ford keine Autos mehr baut. Youngstown lag an der Strecke, eine Hüttenstadt, deren verwaiste Wohnblocks zur Hälfte abgerissen werden müssen. In Mingo Junction hat die Stahlschmelze binnen fünf Jahren viermal den Besitzer gewechselt. Seit kurzem gehört sie Severstal, einem russischen Konzern.

Für Rugola, der in Ohio den Gewerkschaftsbund AFL-CIO leitet, ist es ein Beispiel dafür, wie rasant sich ändert, was jahrzehntelang fest zementiert schien. Die Russen am Ohio River? Noch vor einer Generation wäre es undenkbar gewesen. "Alles ist im Fluss", sagt er, dann setzt er die Pointe. "Wir leben in einer neuen Welt, daher brauchen wir ein neues Gesicht im Weißen Haus. Ich hoffe, dass meine Leute begreifen, dass Barack Obama dieses neue Gesicht ist."

Der 59-Jährige läuft sich die Turnschuhsohlen glatt, weil er weiß, was auf dem Spiel steht. In Ohio, einem Staat, in dem Demokraten und Republikaner gleich stark sind, werden Wahlen entschieden. Es ist das berühmte Zünglein an der Waage.

Mancher vergleicht Rugola schon mit Tom Hanks, der im Film "Forrest Gump" gar nicht mehr aufhören kann, kreuz und quer durch Amerika zu rennen. Klar, der Vergleich hinkt. Aber wäre es Hollywood, läse sich das Skript zu Rugolas Marsch ungefähr so: Die Zeiten sind hart, folglich hat das Auto in der Garage zu bleiben. Die Zeiten sind hart, da ist für den Luxus alter Vorurteile kein Platz. "Leistet euch nicht den Luxus, Obama nicht zu wählen, nur weil er dunkle Haut hat", redet der Gewerkschaftschef seinen Mitgliedern ins Gewissen.

Rugolas Mitglieder, das sind 730.000 Stimmberechtigte, knapp ein Zehntel derer, die sich ins Wahlregister Ohios eintragen ließen. Im Vorwahlduell der Demokraten haben sie Hillary Clinton im Buckeye State zu einem Kantersieg über Obama verholfen. Er wolle gar nicht um den heißen Brei herumreden, sagt der Wanderer, während er weiter bergauf stiefelt. Die kleinen Leute täten sich mitunter schwer damit, einem schwarzen Politiker den Zuschlag zu geben. Nicht weil sie Rassisten seien, eher liege es an einer diffusen Angst vor dem Unbekannten. Schließlich habe noch nie eine große amerikanische Partei einen Farbigen ins Rennen um die Präsidentschaft geschickt, meint der Weißhaarige und reduziert den Kern seiner Botschaft auf drei kurze Worte. "Get over it! - Kommt drüber weg!"

Doch der Eindruck, dass die Wahl schon gelaufen ist für Obama, beim Streifzug durch Ohio bestätigt er sich nicht. Zwar sehen die Meinungsforscher den Senator aus Illinois vorn, aber das bedeutet nicht viel. "Um zu gewinnen, muss er in den Umfragen mindestens fünf Prozent Vorsprung haben", stellt Joe Hallett als Faustregel auf. Manche sagen vorher nicht offen, dass sie einen schwarzen Bewerber allein wegen seiner Hautfarbe ablehnen, weiß der leitende Redakteur der Zeitung Columbus Dispatch. In der Einsamkeit der Wahlkabine bräuchten sie sich nicht mehr zu verstellen. "Vielleicht machen sie dann ihr Kreuz bei McCain." (Frank Herrmann aus Columbus/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.10.2008)

  • Wandern für Obama: Stahlarbeiter und Gewerkschaftsboss Joe Rugola
(Zweiter von li.) versucht die 730.000 Mitglieder seines Verbands zu
überzeugen, einem farbigen Kandidaten ihre Stimme zu geben.
    foto: herrmann

    Wandern für Obama: Stahlarbeiter und Gewerkschaftsboss Joe Rugola (Zweiter von li.) versucht die 730.000 Mitglieder seines Verbands zu überzeugen, einem farbigen Kandidaten ihre Stimme zu geben.

Share if you care.