Das Schulbuch des Anstoßes

24. Oktober 2008, 19:03
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In dem Streit rund um ein Schulbuch wird der Ton zwischen Budapest und Bratislava immer rauer - Die slowakischen Ungarn drohen damit, ihren Protest auf die Straße zu tragen - Die slowakische Regierung zeigt sich unbeeindruckt

Direktor Sándor Fibi sitzt in seinem kleinen, verrauchten Büro in der Grundschule von Dunajská Streda und verflucht die Regierung in Bratislava. Die ganze Sache ist ihm über den Kopf gewachsen, sagt er. "An diesen Punkt, wollten wir nie gelangen" . Fibis Schule liegt in der Slowakei, aber das Staatswappen in seinem Büro ist das einzige, was daran erinnert. 600.000 Menschen im Land gehören zur ungarischen Minderheit. Hier, eine halbe Autostunde von Bratislava entfernt, ist eine ihrer Schulen.

Als Fibi zum ersten Mal die neuen Geografiebücher seiner Viertklassler aufschlug und sah, dass Pozsony plötzlich Bratislava, die Duna Dunaj hieß, wusste er, dass es Krach geben würde. Das Unterrichtsministerium hatte in dem Buch ungarische Städte-, Berg- und Flussnamen durch slowakische Bezeichnungen ersetzt. Die Lehrer protestierten und lösten damit eine Kettenreaktion aus.

Inzwischen sind sie in einen offenen Aufstand gegen das Bildungsministerium getreten. Ungarn griff auf der Seite "seiner" Minderheit ein. Dass zwei Nachbarn über Minderheitenrechte streiten, ist nicht einmalig. Auch zwischen Wien und Ljubljana flogen schon die Fetzen. Aber der Ton ist einzigartig: Der slowakische Rechtspolitiker Ján Slota verglich Ungarns Außenministerin mit dem "schnauzbärtigen kleinen Mann aus dem Münchner Bierkeller" . In Budapest spricht die Regierung von "Fremdenhass" im Nachbarland. Die slowakischen Ungarn drohten diese Woche erstmals mit Protesten auf der Straße. Die Geschichte vom Schulbuchstreit ist ein Paradebeispiel für die in Europa schlummernden Minderheitenkonflikte, und davon, wie ein Funke sie entzünden kann.
Dunajská Streda ist eine ungarische Hochburg, 80 Prozent der Einwohner zählen zur Minderheit. Die Stadt hat vom Aufschwung der vergangenen Jahre profitiert, einige Häuser sind noch renovierungsbedürftig. "Ich lese die Zeitungen und habe den Eindruck, alles dreht sich um diesen Streit" , sagt Bürgermeister Péter Pázmány. "Zwischen den Menschen gibt es keine Probleme. Aber langsam bekomme ich ein ungutes Gefühl" .
Längst geht es nicht mehr um das Buch. Dass es ungarischsprachige Schulen gibt, ist die wichtigste Errungenschaft der Minderheit. "Nun werden sie angegriffen" , sagt Direktor Fibi. Schon machen Gerüchte über ein weiteres slowakisiertes Buch die Runde. Keine Schulen, kein Ungarisch, keine Minderheit - ist die Furcht. Also wurden die Bücher verpackt und ans Ministerium zurückgeschickt.

Aber Bratislava gab nicht nach: "Niemand will die ungarischen Schulen schließen" , sagt die Sprecherin des Bildungsministeriums. "Aber die Kinder müssen die Ortsbezeichnungen auch auf Slowakisch lernen." Der ganze Streit werde von der Partei der ungarischen Slowaken angefacht, die politisches Kapital aus der Affäre schlagen wollen. Als der Ton rauer wurde, schaltete sich Budapest ein.

"Sind keine Provinz"

Wer Csaba Körösi vom ungarischen Außenministerium auf den Streit anspricht, bekommt ein ganzes Dossier über die angeblichen rhetorischen Verfehlungen der Politiker in Bratislava zugeschickt. Angeführt ist da, wie der slowakische Premier Robert Fico über die ungarische Wirtschaft spottet oder Slota Ungarns Wappenvogel Papagei nennt. "Der Nationalismus ist in Bratislava zur Regierungsdoktrin geworden" , sagt Körösi. Ungarische Schulen bekämen keine EU-Gelder mehr, ungarische Politiker würden beschimpft. "Natürlich haben wir uns eingemischt, wie hätte Österreich reagiert?" . Im EU-Parlament wurde über die Affäre bereits diskutiert. Budapest plane keine weiteren Schritte, wie etwa die EU-Kommission einzuschalten. Körösis Nachsatz: "derzeit" .

"Wir diskriminieren niemanden" , sagt dagegen Pavol Hamžik, der frühere slowakische Außenminister und heutige Berater des Premiers. Was Budapest begreifen müsse: "Wir sind nicht ihre Provinz" . Die erst vor 15 Jahren gegründete Slowakei beunruhigt die ungarische Einmischung: Mit Argwohn beobachtet Bratislava vor allem die wachsende Kooperation zwischen ungarischsprachigen Politikern in der Karpatenregion, die von Budapest unterstützt wird. Hamžik spricht von Destabilisierungstendenzen. Und Bratislava schaue sich auch genau an, wer einen da kritisiert: Der Minderheitenschutz in der Slowakei sei weit ausgeprägter als jener in Ungarn.

In der Grundschule in Dunajská Streda findet Geografielehrerin Evá Szabó den ganzen Fall lächerlich. "Egal, was da steht: Wir bringen den Kindern sowieso alles zweisprachig bei" . Das neue Buch sei schlecht, sagt sie. Aber das war das alte, das rein ungarische, auch. "Viel zu kompliziert für Neunjährige. Wo es ging, haben wir es im Unterricht vermieden." (András Szigetvari aus Dunajská Streda (Dunaszerdahely), DER STANDARD, Printausgabe, 25.10.2008)

  • Bratislava oder Pozsony, Ungarisch oder Slowakisch: Das Bild stammt aus dem umstrittenen neuen Schulbuch, das eigentlich Lust auf Geografie machen sollte.
    foto: standard

    Bratislava oder Pozsony, Ungarisch oder Slowakisch: Das Bild stammt aus dem umstrittenen neuen Schulbuch, das eigentlich Lust auf Geografie machen sollte.

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