Rückeroberung mit Geistern

24. Oktober 2008, 18:57
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In Marco Bechis' beeindruckendem Film "La terra degli uomini rosso" besetzt ein Indio-Stamm sein altes Land, das mittlerweile zu einem Großgrundbesitz gehört - eine Revolte gegen die Entfremdung

Schon die ersten Einstellungen etablieren eine kulturelle Gegenüberstellung, die auf die falsche Fährte führt. Ein Boot mit Touristen treibt auf dem Fluss durch den brasilianischen Dschungel, die Fotokameras sind bereits für Bilder von exotischen Vögeln gezückt. Am Ufer erwartet die Reisenden jedoch ein anderes unerwartetes Motiv: Eine Gruppe von Indios formiert sich und erwidert den Blick - doch es handelt sich um keine freundschaftliche Geste. Die Gesichter sind mit roter Erde beschmiert. Die Pfeile werden bereits in die Bögen gespannt.

Was den Anschein einer nahen Auseinandersetzung erweckt, entpuppt sich in der nächsten Szene jedoch als abgekartetes Spiel. Für ihren Auftritt werden die Indios von den weißen Veranstaltern bezahlt. Die Guarani-Kaiowá, ein Eingeborenenstamm, der einmal 1, 5 Millionen Menschen zählte, stehen längst im Dienste ihrer Eroberer. Ihr Dasein ist jenem von vielen anderen indigenen Völker vergleichbar: Sie leben in geschlossenen Reservaten - um zu überleben, müssen sie zudem als Tagelöhner auf Feldern zu schuften.

Dem chilenisch-italienischen Regisseur Marco Bechis dient diese traurige Realität als Ausgangspunkt eines äußerst ungewöhnlichen Films, der zu den herausragendsten des letzten Filmfestivals von Venedig gehörte. La terra degli uomini rossi (Birdwatchers) erzählt die Geschichte eines Aufstands einer Gruppe von Guarani-Kaiowá. Nach zwei weiteren Freitoden in der Gemeinschaft beschließt der Anführer, die Feldarbeit zu verweigern, das Reservat zu verlassen und sich am Rande des Besitztums eines Großgrundbesitzers provisorisch einzurichten.

Der Film folgt weniger der Logik einer schrittweisen Eskalation, vielmehr jener eines strategischen Spiels. Während die Grundstückbesitzer auf gängige Einschüchterungsversuche setzen - und etwa am Feld einen Aufpasser stationieren -, greifen die Indios auf traditionellere Mittel zurück: Mit der Hilfe ihres Schamanen beschwören sie die Mächte der Geister, der letzte Einsatz in einer Konfrontation, die ihnen schon viel von ihrer Identität genommen hat. Nun geht es um einen ganz konkreten Raumgewinn: Das Land, das einmal ihres ar, wird zurückgefordert, weil es das bereit hält, was man für ein glücklicheres Leben braucht.

Beschädigte Autorität

Marco Bechis verschiebt unaufhörlich die Perspektiven zwischen den Parteien und bricht dadurch starre Oppositionen auf. Zwischen einem jungen Indio und der Tochter des Landbesitzers kommt es zu einer zaghaften Annäherung, umgekehrt erweisen sich vor allem die Indio-Frauen als gewiefte Taktikerinnen: "Mr. Big Dick", der weiße Wächter im Trailer, wird als Wasserträger und Lustbringer benützt - was seine Autorität beschädigt.

Die Unvereinbarkeit beider Welten steht dennoch nie infrage. Bechis kadriert seine Einstellungen wie Demarkationslinien, die das Terrain in klare Abschnitte teilen. Übertreten ist nur auf beschränkte Zeit erlaubt, dann wird es sanktioniert. Die Gegenüberstellung erlaubt jedoch einen neuen Blick auf zwei Kulturen, zwischen denen am Ende ein markerschütternder Schmerzensschrei steht. (Dominik Kamalzadeh, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.10.2008)

26. 10., Gartenbau, 20.30; Wh.: 27. 10., Künstlerhaus, 11.00

  • Die Guarani-Kaiowá gehen in Position, um sich gegen die Ausbeutung
zu wehren: Marco Bechis' Film "La terra degli uomini rosso" verhandelt
die Unvereinbarkeiten zweier Kulturen.
    foto: viennale

    Die Guarani-Kaiowá gehen in Position, um sich gegen die Ausbeutung zu wehren: Marco Bechis' Film "La terra degli uomini rosso" verhandelt die Unvereinbarkeiten zweier Kulturen.

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