Ob Notenbanken, Staaten oder Opec: Ihr Kampf gegen die Märkte ist aussichtslos
Nun steht sie da, die US-Notenbank: Acht Mal wurden in eineinhalb Jahren die Zinsen gesenkt, Billionen von Dollar in die Geldmärkte gepumpt, Notkredite vergeben und sogenannte Vermögenswerte, die keine mehr sind, den Banken und Versicherungen abgenommen. Die Finanzmärkte und - weit wichtiger - die Realwirtschaft zeigen sich von Ben Bernankes Tatendrang und dem seiner Amtskollegen völlig unbeeindruckt. Mehr noch: Sie trauen den von aller Welt beklatschten Aktionen nicht.
In weiten Kreisen ist nämlich die Überzeugung verbreitet, dass auch Bernanke nicht zu den Göttern zählt, die Sünden erlassen können. Manche Notenbanken werden ihre Taten - ebenso wie die anderen selbsternannten Heilsarmeen - eines Tages büßen. Im Klartext: Die Macht der Notenpresse ist eine begrenzte. Mit der Rettung des Versicherungskonzerns American International Group (AIG), der Übernahme von Ramschpapieren der Investmentbank Bear Stearns und anderen Maßnahmen hat sich die Bilanzsumme der Fed innerhalb eines Jahres auf 1,77 Billionen Dollar verdoppelt. Weitere Aktionen - Stützungen des Geldmarktfonds und Aufkauf von Unternehmensschuldverschreibungen (Commercial Paper) - sind im Anrollen.
Bald wird Bernanke auch noch den Staat finanzieren und dessen riesiges Budgetloch mit frisch gedrucktem Geld füllen. Die Kreativität mag beeindruckend sein, doch die Risiken für die Weltwirtschaft sind enorm. Auch wenn die Inflation derzeit nicht im Brennpunkt steht, wird die Geldentwertung durch diese Politik langfristig negative Folgen bringen. Und überdies nähern sich die Möglichkeiten der Fed bald dem Ende: Kommende Woche wird ein weiterer Zinsschritt auf 1,5 Prozent erwartet, womit die USA fast beim Nullniveau angelangt wären, mit dem Japan jahrelang vergeblich sein Glück versuchte. Auch Bernanke wird kapitulieren müssen.
Derzeit offenbaren sich die Grenzen der Politik wie selten zuvor. Selbst die einflussreichen Scheichs sind nicht in der Lage, den Ölpreis unter Kontrolle zu halten. Da rauft sich die Opec überraschend schnell zusammen und beschließt eine Förderkürzung - und die Talfahrt des Energieträgers beschleunigt sich. Der Ölpreis hat sich innerhalb von drei Monaten mehr als halbiert. Wenn die Märkte einmal einen Trend ausgemacht haben, lassen sie sich nicht so leicht abhalten.
Da mag viel Spekulation und Panik mit im Spiel sein, doch die Grundstimmung wird gar nicht so falsch in Kurse übersetzt, wie manche Beobachter meinen. Die Nachfrage nach Öl wird angesichts des globalen Wirtschaftsabschwungs deutlich zurückgehen, was eben auf den Preis drückt. Der in den letzten Monaten verzeichnete weltweite Absturz bei den Autoverkäufen ist ein recht guter Indikator dafür.
Das gleiche Bild zeigt sich an den Aktien- und anderen Warenmärkten. Hedgefonds und andere Investoren ziehen ihre Gelder ab, weil sie Kredite begleichen müssen oder Financiers höhere Sicherheiten verlangen. Das wirbelt die Währungen kräftig durcheinander, weil Niedrigzinskredite in Yen jetzt rückabgewickelt werden müssen und damit die japanische Währung nach oben getrieben wird.
Gegensteuern ist in dieser Situation angebracht, die Möglichkeiten sind aber begrenzt. Wichtiger als die gewaltigen Interventionen für Banken und Finanzmärkte wäre, die notwendige Marktbereinigung zuzulassen und somit die Voraussetzungen für eine rasche Bodenbildung zu schaffen. Die diversen Obrigkeiten als Retter sind aber ziemlich unglaubwürdig. Hat nicht Alan Greenspan mit der zügellosen Geldpolitik den Boden für Spekulationsblasen und damit die jetzige Krise aufbereitet? (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.10.2008)