Berger: "Besser, einmal zu viel zu ermitteln"

24. Oktober 2008, 18:49
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Widersprüche bei Zeugenaussagen und andere Ungereimtheiten führten zu dem Beschluss, den Fall Natascha Kampusch neu aufzurollen: für die junge Frau selbst eine große Belastung

Wien/Graz - Es müsse untersucht werden, ob es vielleicht noch weitere Opfer Wolfgang Priklopils gebe. So begründete am Freitag Justizministerin Maria Berger (SPÖ) ihren mit dem Innenministerium gefassten Beschluss, die Ermittlungen im Fall Kampusch wiederaufzunehmen. Sollte Priklopil, wie von verschiedener Seite gemutmaßt wird, Mittäter gehabt haben, "so könnte das ja auch bedeuten, dass es weitere potenzielle Opfer gibt", sagte Berger . Es wäre "besser, einmal zu viel als einmal zu wenig ermittelt zu haben".

Zwei Männer im Bus gesehen

Dass Priklopil, der sich nach Kampuschs Flucht am 23. August 2006 selbst tötete, Komplizen gehabt haben könnte, wurde etwa von der - unter der Leitung des ehemaligen Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes, Ludwig Adamovich, stehenden - Evaluierungskommission herausgestrichen. Eine große Rolle spielt dabei die Aussage einer 1998 zwölfjährigen Schülerin, die gesehen haben wollte, wie Natascha Kampusch von zwei Männern entführt wurde. Kampusch selbst hat dies nach ihrer Flucht immer abgestritten.

Das ist nur ein Widerspruch von vielen, die nach der Selbstbefreiung von Kampusch auftauchten. Die Aussage des Mädchens war nur ein Mosaikstein, aus dem der pensionierte Familienrichter Martin Wabl aus Fürstenfeld sich sein eigenes Bild vom Fall Kampusch machte. Er behauptete immer wieder, dass Kampuschs Mutter, Brigitte Sirny, in die Entführung involviert gewesen sei. Worauf die Beschuldigte ihn klagte. Damit konnte Wabl als Angeklagter Zeugen vor das Zivilgericht laden, die sonst nie vor einem Richter in der Causa aussagen hätten müssen. Unter anderem auch Kampusch selbst, die im Mai unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Graz in den Zeugenstand trat. Der ersten Runde des Prozesses, wo Bekannte Sirny belasteten, wohnte auch Adamovich als Beobachter bei.

Bei der vorerst letzten Prozessrunde in Gleisdorf im September ließ Wabl auch H., jenen Freund und Kollegen Priklopils, als Zeugen laden, der nun in den Mittelpunkt neuer Ermittlungen rücken soll. H. bestätigte in Gleisdorf, dass er unmittelbar nachdem er die Nachricht vom Selbstmord seines Freundes erfahren hatte, in dessen Haus fuhr, um sich sein Werkzeug zu holen. Nach seiner Aussage kam es vor dem Gerichtssaal zum Handgemenge mit dem Vater Natascha Kampuschs, Ludwig Koch.

Kampusch will Gewissheit

Dass Teile des Falles neu aufgerollt werden, habe seine Mandantin "ziemlich aufgewühlt", erklärt Kampuschs Medienberater Dusan Uzelac. "Dabei sind Erinnerungen aus der Zeit der Entführung wieder hochgekommen." Trotzdem begrüße die 20-Jährige die Ermittlungen: "Es ist wichtig für sie, dass alles aufgedeckt wird." Sollte das Öffnen der Akte Ermittlungsfehler ergeben, könne dies "Einfluss auf mögliche Schadenersatzansprüche haben", so ihr Anwalt, Gerald Ganzger.

Kritisch betrachtet indes Udo Jesionek, Präsident der Kriminalitätsopferhilfe Weißer Ring, die Entwicklung der Dinge. Als erster von Kampusch selbst nach ihrer Flucht herangezogener Experte stößt er sich an der massiven Kritik an Opferberatern im Endbericht der Kommission. Diese hätten eine "überbordende" Bereitschaft an den Tag gelegt, "Opferinteressen über das öffentliche Interesse an der Aufklärung von Kapitalverbrechen zu stellen", so der Bericht. "Das klingt nach juristischen Hardlinern, die die Existenz und Ausweitung von Opferrechten ablehnen", meint Jesionek.

Auch die Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits, die im Kampusch-Betreuungsteam war, versteht die Kritik nicht: "Die Kommission hat ja nicht einmal Kontakt mit uns gesucht." (Irene Brickner, Colette M. Schmidt, DER STANDARD Printausgabe, 25./26.10.2008)

Chronologie: Aufarbeitung einer Entführung

2. März 1998 Die zehnjährige Natascha Kampusch verschwindet in Wien-Donaustadt auf dem Schulweg.

23. August 2006 Der 18-jährigen Natascha Kampusch gelingt die Flucht aus der Gewalt ihres Entführers Wolfgang Priklopil.

5. Februar 2008 Ex-Bundeskriminalamtschef Herwig Haidinger spricht von vertuschten Hinweisen im Fall Kampusch. Der Innenminister setzt eine Evaluierungskommission ein. Leiter: Ex-Verfassungsgerichtshofchef Ludwig Adamovich.

11. Juni 2008 Die Kommission übergibt ihren Bericht. Darin steht, dass die "Ermittlungsansätze bisher nicht vollständig ausgeschöpft wurden".

23. Oktober 2008 Es wird beschlossen, dass der Fall neu aufgerollt werden soll. (red)

  • Natascha Kampusch nach ihrer Zeugenaussage im Gericht in Graz. Auch
Mitglieder der Evaluierungskommission waren beim Prozess Sirny gegen
Wabl anwesend.

    Natascha Kampusch nach ihrer Zeugenaussage im Gericht in Graz. Auch Mitglieder der Evaluierungskommission waren beim Prozess Sirny gegen Wabl anwesend.

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