"Ich stelle immer infrage, was ich mache"

24. Oktober 2008, 18:45
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Der Film "Z 32" befasst sich mit einem israelischen Soldaten, der an einer Rachemission beteiligt war - Regisseur Avi Mograbi über die Waffen des Kinos im Interview

Standard: Herr Mograbi, Ihr Film "Z32" erzählt von einem ehemaligen israelischen Elitesoldaten, der sich im Westjordanland an einer Rachemission beiteiligte, bei der zwei palästinensische Polizisten getötet wurden. Was bedeutet der Titel des Films?

Mograbi: Z32 ist die Archivnummer seiner Zeugenaussage. Das Archiv gehört zur Organisation Shovrim Shtika, "Das Schweigen brechen". Ehemalige israelische Soldaten sammeln Zeugenaussagen von Soldaten, die in den besetzten Gebieten stationiert sind oder waren. Ich bin Mitglied von Shovrim Shtika, seit es die Organisation gibt.

Standard: Seit wann besteht sie?

Mograbi: Seit 2004. Ich habe mir viele Zeugenausagen angehört, transkribiert und archiviert. Eines Tages stieß ich auf zwei sehr interessante Fälle: Z32 und Z 68, der in derselben Nacht an einer ähnlichen Rachemission teilgenommen hat. Am Anfang wollte ich beide Männer im Film auftreten lassen, aber nach einer Weile wurde mir klar, dass es besser ist, wenn ich mich auf Z 32 konzentriere.

Standard: Sind Sie denn auf ihn zugegangen?

Mograbi: Ich habe die Leute von Shovrim Shtika gebeten, mir seine Telefonnummer zu geben. Ich durfte sie natürlich nicht öffentlich machen oder sagen, wer Z 32 ist. Er willigte unter der Bedingung ein, dass ich seine Identität geheimhalte.

Standard: Und wie haben Sie auf diese Bedingung reagiert?

Mograbi: Ich habe zu mir gesagt: nein, nein, nein. Ich habe so viele Filme gesehen, in denen die Identität des Protagonisten verborgen bleibt, und das ist so ermüdend. Mir schien es enorm wichtig, dass man ihm in die Augen blicken kann, während er erzählt, was er getan hat - was ja ein fürchterliches Verbrechen ist. Wenn man jemanden sieht, der eine Strumpfmaske trägt, denkt man sofort: Das ist ein Terrorist, ein Dieb, ein Gewalttäter. Aber ich wollte nicht, dass der Zuschauer denkt, er habe es mit einem "natural born killer" zu tun. Stattdessen soll er merken, dass Z 32 ein ganz gewöhnlicher junger Mann ist, jemand, der er selbst sein könnte oder sein Sohn.

Standard: In manchen Szenen des Filmes singen Sie, und in den Liedern geht es um eine Scheidelinie: "die da draußen" , also die Soldaten, versus "wir hier drinnen" . Einmal zum Beispiel erwähnen Sie Ihre Frau, die Sie bittet, Z32 nicht nach Hause, ins eigene Wohnzimmer zu bringen. Mir scheint, dass Sie diese saubere Trennung für problematisch halten.

Mograbi: Natürlich. Allein schon deshalb, weil es unsere Soldaten sind. So wenig ich die Politik der israelischen Regierung unterstütze, so ist die Armee doch die Armee des Staates Israel. Ich kann schlecht sagen: "Mit denen habe ich nichts zu tun." In Israel muss fast jeder zur Armee. Also hat jeder einen Sohn oder eine Tochter in der Armee, und sobald man ein moralisches Urteil über die Armee fällt, fällt man eines über das eigene Kind oder sogar über sich selbst.

Standard: Eine Sache fragen Sie sich immer wieder: Will ich diesem Mann eine Zuflucht bieten, ein Obdach in meinem Heim und in meinem Film?

Mograbi: Ich stelle immer infrage, was ich mache. Wenn man sich mit schwierigen Themen befasst, ist dies unausweichlich. Am Anfang hatte ich das Problem, dass ich sein Gesicht nicht zeigen konnte. Dafür brauchte ich eine technische Lösung. Nachdem wir die digitale Maske...

Standard: ... die die Augen und den Mund von Z32 sichtbar lässt ...

Mograbi: ... nachdem wir die entwickelt hatten, dachte ich: Ja, das ist die Lösung. Auch: Dieser Mann hat ein fürchterliches Verbrechen begangen. Mit der Maske biete ich ihm ein Versteck. Was mache ich hier bloß? Ich habe ihm zwar zugesichert, dass ich seine Identität nicht publik mache, aber warum halte ich mein Versprechen? Sollte ich ihn nicht anzeigen?

Standard: Wie kamen Sie denn darauf, einen großen Teil Ihrer Selbstzweifel in Liedern zu verhandeln?

Mograbi: Das hat viel damit zu tun, dass ich nach meinem letzten Film, Avenge But One of my two Eyes, frustriert war. Nicht, weil der Film schlecht gelaufen wäre, im Gegenteil, er war überall sehr erfolgreich. Nur: Irgendwie hatte ich gedacht, dieser Film würde, wenn nicht die Wirklichkeit verändern, so doch Diskussionen stiften.

Standard: Sie meinen in Israel?

Mograbi: Ja, anderswo wurden der Film wie eine Waffe und ich wie ein Aktivist betrachtet, der Veränderungen auslöst. Das stimmte einfach nicht. Also musste ich mein Publikum und mich daran erinnern, dass ein Film ein Kunstwerk ist, keine politische Tat.

Standard: Die Freundin von Z 32 hat sehr einprägsame Auftritte. Wollte sie sich von sich aus beteiligen?

Mograbi: Am Anfang betrachtet sie die Kamera als Bedrohung, es ist ihr peinlich, sie fühlt sich unwohl. Ich habe mich oft gefragt, warum ich diese Szene überhaupt zeige. Ich glaube, weil sie ein weiteres Dilemma deutlich macht. Wenn man einen Dokumentarfilm über Menschen macht, beutet man sie aus. Man nutzt und benutzt ihre Geschichte, ihre Persönlichkeit.

Standard: Einmal fragt er sie, ob sie denkt, dass es Mord war. Sie sagt nein, wickelt dabei aber sehr nervös ihren Schal um ihre Finger.

Mograbi: Ihre Körpersprache ist verrückt in diesem Augenblick. Sie sagt eine Sache, aber man sieht, wie ihr Körper das Gegenteil davon rausbrüllt.

Standard: Begreift er sich denn als verantwortlich?

Mograbi: Ja. Er sagt: Ich habe getötet, es war ein Kriegsverbrechen.

Standard: Und gibt es für ihn so etwas wie einen Ausweg?

Mograbi: Ich fürchte nicht. Wer kann ihm vergeben? Die Toten kehren nicht zurück. Er wird diese Tat bis an sein Lebensende mit sich herumtragen. Während ich den Film drehte, erfuhr ich von einem Zivilprozess, den die Angehörigen der getöteten Polizisten angestrengt hatten - gegen Israel und jeden, der an der Mission beteiligt war. Sie hatten aber ein Problem: Wie beweisen sie, dass ihre Angehörigen bei einer Racheaktion getötet wurden? Wer kann das bezeugen?

Standard: Nur die israelischen Soldaten.

Mograbi: Genau. Ich habe Z32 und Z68 vorgeschlagen, mit den Familien zu kooperieren. Sie waren beide einverstanden unter der Voraussetzung, dass sie sich mit ihren Aussagen nicht selbst belasten. Vielleicht ist das doch noch mein kleiner Beitrag zur Veränderung der Wirklichkeit, denn es wäre ein Präzedenzfall, dass ein israelischer Soldat auf der Seite der palästinensischen Angehörigen aussagt.

(Cristina Nord, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.10.2008)

25. 10., Metro, 18.30; Wh.: 27.10., Gartenbau, 15.30

  • In Avi Mograbis Dokumentarfilm "Z 32" tragen der Interviewte und seine
Frau digitale Masken - die Identität bleibt geschützt, doch seine Taten
werden offen thematisiert.
    foto: viennale

    In Avi Mograbis Dokumentarfilm "Z 32" tragen der Interviewte und seine Frau digitale Masken - die Identität bleibt geschützt, doch seine Taten werden offen thematisiert.

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