Enzyklopädie der Toten

25. Oktober 2008, 18:19
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Die Mormonen sind seit ihrer Gründung 1830 in den USA umstritten - ihre Ahnenforschung bunkern sie in einem Berg

Little Cottonwood Canyon, 40 Kilometer südöstlich von Salt Lake City: Die Berge hier sind ein beliebtes Ausflugsziel für Skifahrer und Wanderer. Doch kaum jemand weiß, dass sich im Granite Mountain eine einzigartige Lagerungsstätte zur Ahnenforschung befindet. Verschlossen durch eine 14 Tonnen schwere Stahltür lagern in einem Bergstollen die Namen von über drei Milliarden Menschen. Gesichert auf 2,5 Millionen Mikrofilmrollen, geschützt vor saurem Regen, radioaktiver Strahlung und Atombombenangriffen. Diese weltweit größte Namenssammlung hilft Wissenschaftern und Hobbygenealogen bei ihren Forschungen: "Wenn wir eine starke Familie haben, haben wir eine starke Nation", sagt Tab Thompson vom Familiensuchzentrum in Salt Lake City, "und wenn wir eine starke Nation haben, dann haben wir eine starke Welt mit mehr Frieden." Ein gelblich gestrichener, über 200 Meter langer, erdbebensicherer Tunnel führt in den Granitberg. Tausende Archivkästen stehen hier, bei 16 Grad Celsius und 30 Prozent Luftfeuchtigkeit, geschützt in sechs unterirdischen Gewölberäumen.

Fast alle europäischen Länder sind im Rahmen der Haager Konvention für Kulturgutschutz dabei, Archivbestände auf Sicherungsfilm für die Nachwelt zu übertragen. Doch bis auf Deutschland und die Schweiz gibt es niemanden, der über eine unterirdische Lagerungsstätte verfügt - mit Ausnahme der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage". So nennt sich die Religionsgemeinschaft der Mormonen offiziell.

Die gelagerten Mikrofilme enthalten Daten von Verstorbenen, die vor 1930 gelebt haben. Drei Milliarden Namen aller Nationalitäten hat man zusammengetragen. Eine Enzyklopädie der Toten. Von Kindern, Frauen und Männern jeden Alters und jeder Religionszugehörigkeit. Doch viele US-Amerikaner sind beunruhigt, dass die Kirche Einfluss auf die Politik nimmt. So ist die Zahl der Mormonen-Mitarbeiter beim Geheimdienst CIA laut der unabhängigen Salt Lake Tribune unverhältnismäßig hoch - nicht zuletzt, weil die Mormonen durch die Missionarstätigkeit im Ausland viele Fremdsprachen beherrschen. Wichtige Posten im Außen- und im Finanzministerium sind von Mormonen besetzt.

1894 wurde das Genealogie-Archiv gegründet, um den Mitgliedern der Kirche bei ihrer Ahnenforschung zu helfen. Den Mormonen gelten die Familienbeziehungen als heilig. Doch dies allein ist nicht der Hauptgrund, warum die Mormonen dieses umfangreiche Register angelegt haben. Ihrer religiösen Lehre nach ist es möglich, verstorbene Vorfahren nachträglich zu taufen und in die Mormonengemeinde aufzunehmen. Dafür müssen allerdings Name, Geburtsdatum und Sterbedatum eines Menschen bekannt sein. So werden die Ahnen mittels Totentaufe noch im Jenseits auf den richtigen Weg gebracht.

"Wenn man nach seinen Vorfahren forscht, findet man Halt und weiß, dass man ein Teil dieser Welt ist", erklärt Tab Thompson. Seit 22 Jahren arbeitet der Genealoge in Salt Lake City. Über seine eigene Kindheit weiß der gottesfürchtige Mormone nur wenig. Er wurde vermutlich in Deutschland geboren, seine Mutter ist wahrscheinlich Serbin, glaubt Thompson. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben ihn US-Mormonen adoptiert. Heute steht die Ahnenforschung für die Kirche Jesu Christi im Zentrum seines Lebens. Thompson glaubt wie alle ihre Anhänger, dass er seine Vorfahren nach dem Tod wiedertreffen wird.

Das Namensarchiv der Mormonen gilt weltweit als einzigartig und ist ein Prestigeobjekt. Die Recherche ist kostenlos. Seit 1938 sammelt die Religionsgemeinschaft in über 110 Ländern genealogische Quellen, kopiert, wertet aus und mikroverfilmt die Daten: Geburts-, Heirats- und Todesurkunden, Volkszählungsergebnisse, Gerichtsprotokolle, Eigentümerverzeichnisse, Erbbestätigungen, Ein- und Auswandererlisten sowie Familien- und Stadtchroniken. Auch in Deutschland sei das mit Erfolg gelungen, so Thompson: "Wir verhandeln mit zuständigen Behörden. Wir prüfen das Material und entscheiden, was genealogischen Wert besitzt. Dann machen wir Vorschläge für einen Vertrag. Wenn das akzeptiert wird, schicken wir unsere Leute mit Mikrofilmkameras und fotografieren die Informationen."

Heute enthält das Archiv Zigmilliarden gespeicherter Daten. Ihre Vernichtung durch Erdbeben, Papierzerfall oder bewaffnete Konflikte würde einen unwiederbringlichen Verlust bedeuten. Damit diese Informationen im Falle einer Katastrophe erhalten bleiben, wurde der unterirdische Granite Mountain Vault Anfang der 1960er-Jahre in den Berg getrieben. Sechs Jahre dauerten die aufwändigen Bauarbeiten, finanziert von den Mitgliedern der Mormonen-Kirche, deren Anhänger zehn Prozent ihres Gehalts abgeben.

Aura kalkulierter Religiosität

Hier, in Salt Lake City, der Stadt mit dem sechstürmigen Tempel, in dem der berühmte Chor der Mormonen zu Hause ist, schlägt das religiöse und politische Herz der Kirche. Im Kongresszentrum mit einem Auditorium für 21.000 Menschen wird jeden Sonntagmorgen um halb zehn "Music and the spoken Word - Musik und das gesprochene Wort" ins Fernsehen, Internet und Radio der Mormonen übertragen. Die Regieführung sucht einzelne Sänger heraus, die stellvertretend das friedliche Miteinander der Rassen zeigen. Knapp 50 Simultandolmetscher arbeiten in den Gewölben der weltweit größten Konferenzhalle. Die technische Ausstattung ließe jeden Direktor einer Rundfunkanstalt erblassen. Das "gesprochene Wort" eines Laienpredigers besteht aus literarischen Zitaten und alttestamentarischen Merksätzen. Alles hat die Aura kalkulierter Religiosität.

Was den Katholiken der Vatikan ist, das bedeutet den Mormonen ihr Tabernakel, ein Versammlungssaal aus dem Jahr 1869. Hier tagt die Führungsriege: Die zwölf Apostel und das aus ihrer Mitte gewählte Oberhaupt. Im Augenblick ist es der 80-jährige Thomas Spencer Monson, der seinen kürzlich verstorbenen Vorgänger, den 97-jährigen Gordon Hinckley, abgelöst hat. Die Apostel halten sich für Propheten. Theologische Entscheidungen für die 13 Millionen Mitglieder können sie nur im Kollektiv treffen. Dazu gehört, gelegentlich Mormonen zu exkommunizieren, die leben wollen wie zur Gründerzeit - abgeschieden von der Außenwelt, die Männer mit mehreren Frauen. Konservativ und leistungsorientiert ist die Religionsgemeinschaft. Die Vielweiberei hat die Kirche zwar seit 1890 unter Strafe gestellt, aber inoffiziell wird sie von manchen weiter betrieben. Homosexuelle Partnerschaften, Abtreibungen, vor- und außereheliche Sexualität werden abgelehnt.

Das Namensarchiv steht heute allen Laien zur Verfügung - unabhängig davon, ob es sich um Mormonen, Christen, Muslime oder Hindus handelt. Die meisten Besucher kommen aus Europa, weiß Bärbel Bell vom Familiensuchzentrum. Als Genealogin sei sie daran interessiert, dass möglichst viele das Archiv nutzen, und denkt darüber nach, etwas Ähnliches wie Wikipedia aufzubauen, "da ließen sich Urkunden und anderes genealogisches Material finden".

Knapp 2000 Menschen kommen täglich in das Zentrum, das sich in der Innenstadt befindet. Nur etwa vier Prozent der mikroverfilmten Daten sind bislang digitalisiert. Der Rest wird von den über 120 Mitarbeitern recherchiert - für alle, die auf der Suche nach ihren Wurzeln sind.

1830 gründete der Bauernsohn Joseph Smith die Mormonen-Kirche. Seine Anhänger glauben bis heute, dass Smith ein Prophet sei. Für Protestanten und Katholiken ist das nicht akzeptabel. Bei vielen Amerikanern wecken die Mormonen und ihre vermeintlich geheimbündlerische Organisation Misstrauen. Die geweihten Tempel bleiben Nichtmormonen verschlossen. Selbst die Mormonen müssen sich ihren "Tempelschein" erst durch Glaubensfestigkeit und tadellosen Lebenswandel erarbeiten. Heute wird den Mormonen weniger Polygamie als vielmehr ihr hartnäckiges Werben um neue Mitglieder vorgeworfen. Kritikern gilt die Ahnenforschung und Missionarstätigkeit als suspekt. Ob man sich als Außenseiter fühlt? "Nicht wirklich", sagt Tab Thompson und weist auf den 11. September 2001 hin: "Als das World Trade Center zerstört wurde und viele Menschen ihr Leben verloren, haben die Leute nicht ihren Kontostand geprüft. Viele wollten erst wissen, wo ihre Verwandten und Freunde sind. In Amerika leben wir für den Augenblick, aber wenn es drauf ankommt, wissen die Leute, dass es mehr gibt als das Gefühl, gut unterhalten zu werden." (Michael Marek/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 10. 2008)

 

  • Die Namen von über drei Milliarden Menschen sind hier im Stollen des Granite Mountain gesichert.
    foto: lds

    Die Namen von über drei Milliarden Menschen sind hier im Stollen des Granite Mountain gesichert.

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