Ein Migrantenkind für jedes Wachzimmer

26. Oktober 2008, 20:08
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Wien erhöht den Anteil an Polizisten mit Migrationshintergrund - Derzeit stammt nur jeder hundertste Beamte von Zuwanderern ab - obwohl diese ein Drittel der Bevölkerung stellen

"Wien braucht dich": Nachdem Polizeichef Karl Mahrer den potenziellen Bewerbern im Vorjahr per Plakatkampagne gar das Du-Wort angeboten hatte, folgten 240 Österreicher mit Migrationshintergrund seiner dezidierten Einladung, es bei der Wiener Polizei zu versuchen. Mahrers Ziel: Bis Ende 2012 soll in jeder der 98 Wiener Polizeiinspektionen ein Bediensteter oder eine Bedienstete mit Migrationshintergrund sitzen. Derzeit hat nur jeder hundertste Wiener Polizist (auch) nichtösterreichische Wurzeln. Zum Vergleich: Ein Drittel der Wiener Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund.

Acht Prozent

Die Aktion zeigt erste Früchte: Zurzeit befänden sich 28 "Wien braucht dich"-Bewerber in Ausbildung, wobei 21 davon schon im letzten Jahr, also vor dem offiziellen Start aufgenommen worden sind, sieben weitere haben heuer mit der Grundausbildung angefangen. Gemessen an allen "frischen" Polizei-Grundschüler hätten somit immerhin acht Prozent zumindest ein nicht-österreichisches Elternteil, sagt Projektleiter Rudolf Battisti auf derStandard.at-Anfrage.

Nur ein Türkischstämmiger

Wobei es unter den 28 Neulingen nur zehn Personen mit EU-externen Wurzeln gibt - einen türkischen Background hat überhaupt nur ein Polizeischüler. Von den vielen türkischen Bewerbern hätten es einfach nicht mehr in die Endrunde geschafft, erklärt Battisti – die Gründe dafür "haben wir nicht ausgewertet", er vermute Sprachdefizite.

"Aufs Aug' gedrückt"

Die ersten Bewerber werden jedenfalls nächstes Jahr zu arbeiten beginnen. Unter den künftigen Kollegen sorgt Mahrers Herzensanliegen jedoch schon jetzt für Unmut. "Wieder eine Idee, die uns aufs Aug' gedrückt wird", meint ein Beamter. "Die sind auch nicht besser als wir", glaubt ein Streifendienst, der nicht genannt werden will. Schlechter seien sie aber auch nicht, betont Battisti: "An den Aufnahmekriterien hat sich nichts geändert – und es gibt keine Migrantenquote."

"Den Fremden die Scheu nehmen"

Es gibt aber auch auf den unteren Ebenen Polizisten, die anders denken. Dass er in Hinkunft mehr Kollegen mit nicht-österreichischen Wurzeln haben wird, sieht Ewald Widi von der Tatortgruppe Kandlgasse 4 in Wien-Neubau ganz nüchtern: "Wenn die Polizei ein Abbild der Gesellschaft sein soll, dann steht fest: Uns fehlen die Migranten." In Zuwandererfamilien gezielt Werbung für den Polizeidienst zu machen, "das macht schon Sinn", meint auch Maria Rennhofer von der Polizeiinspektion Hernalser Gürtel, die sich davon nicht nur sprachliche, sondern auch einsatztechnische Vorteile erhofft: "Das hilft vielleicht, den Fremden die Scheu vor uns zu nehmen."

Bei manchen Zuwanderergruppen herrsche nämlich große Polizeiskepsis, die nur schwer zu überwinden sei, erzählt Widi, der besonders bei Afrikanern "große Vorbehalte" ortet. Seit er eine Weiterbildung über den Umgang mit Afrikanern besucht hat, meint er jedoch, einen Grund dafür zu kennen: "Das hängt damit zusammen, dass die Polizei bei ihnen daheim nicht immer rechtsstaatlich agiert. Also glauben sie, dass es bei uns auch so ist." Ob es auch an Vorfällen der Polizeigewalt an Afrikanern – Stichwort Marcus Omofuma, Seibane Wague - liegen könnte? "Natürlich verstärkt das Ängste, die sie von daheim kennen."

Vergleich mit den "ersten Frauen"

Auch Maria Rennhofer hat das Seminar besucht und ist froh, vieles, was bisher als "kulturelle Eigenheit" gehandelt wurde, nun als simple Missverständnisse erklärt bekommen zu haben. Viele Beamten kommen mit Weiterbildungen wie diesen allerdings nie in Kontakt: Wer sich dafür meldet, sei "sowieso von Grund her aufgeschlossener", meint Widi. Dass die neuen Kollegen Anfeindungen erleben werden, hält der Polizist für möglich, aber auch für eine Frage der Zeit: "Gott weiß, was die Kollegen über die ersten Frauen im Polizeidienst geredet haben." Mittlerweile hätten sich die meisten daran gewöhnt.

"Könnte bei ÖBB und Post genauso sein"


Leise Skepsis äußert Widi, was türkische Neo-Kollegen betrifft: "Da gibt es viele Machos. Kann sein, dass die ein Problem mit weiblichen Vorgesetzten haben." Diese Angst teilt Maria Rennhofer nicht: In ihrer fast zehnjährigen Tätigkeit sei es "gar nie" vorgekommen, dass türkische Männer sie als Polizistin anders behandelt hätten als ihre männlichen Kollegen. Von "Wien braucht dich" erwartet sich die 30-Jährige, "dass sich die Leute an Mulitkulturalität gewöhnen." Das sei wichtig, aber nicht allein Aufgabe der Polizei: "Dass wir es tun, finde ich gut. Aber es könnte bei ÖBB oder Post genauso sein." (Maria Sterkl, derStandard.at, 26.10.2008)

  • Lost in Translation mit kroatischen Fußballfans? Kann jenen Wienern mit exjugolawischem Hintergrund, die sich gerade zu Polizisten ausbilden lassen, nicht passieren
    Foto: APA/Oczeret

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  • "Gott weiß, was die Kollegen über die ersten Frauen im Polizeidienst geredet haben": Ewald Widi
    Foto: derStandard.at/Sterkl

    "Gott weiß, was die Kollegen über die ersten Frauen im Polizeidienst geredet haben": Ewald Widi

  • "Das hilft vielleicht, den Fremden die Scheu vor uns zu nehmen": Maria Rennhofer
    Foto: derStandard.at/Sterkl

    "Das hilft vielleicht, den Fremden die Scheu vor uns zu nehmen": Maria Rennhofer

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