Wickie, Slime und Zwentendorf

24. Oktober 2008, 17:18
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Vor 30 Jahren entschied die erste Volksabstimmung der Zweiten Republik das Aus für das Kernkraftwerk Zwentendorf und atomare Energiegewinnung in Österreich

Um 16 Uhr lagen die Befürworter in Führung. Um 17 Uhr hatten die Gegner einen kleinen Vorsprung. Ab 18 Uhr war Österreich für fast eine Stunde dann wieder ein Land mit Atomkraftwerken, bis sich gegen 19 Uhr das Blatt erneut wendete. Am Abend des 5. November 1978 kurz nach halb acht verkündete Innenminister Erwin Lanc dann mit steinerner Mine das Endergebnis der ersten Volksabstimmung der Zweiten Republik: 50,47 Prozent der Österreicher hatten sich gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie ausgesprochen. Bei einer Wahlbeteiligung von knapp 62 Prozent machten 30.000 Stimmen den Unterschied.

Am Tag darauf saßen rund 200 speziell für Zwentendorf ausgebildete Techniker, Kraftwerksmeister und Kernkraftingenieure in den Belegschaftsräumen des Kraftwerks und rätselten über ihre weitere Zukunft. Einer, der dabei war, erzählt von einer „Bunkerstimmung": „Es war so, als hätte man uns den Boden unter den Füßen weggezogen." Erst wenige Tage zuvor waren die letzten Kraftwerks_techniker aus Essen zurückgekehrt. Dort steht ein Kernkraftwerk-Simulationszentrum, das auch die heimische E-Wirtschaft nutzte. Die Kosten für die Ausbildung lagen damals pro Mann und Woche bei rund 30.000 Schilling. Fünf sogenannte „Partien" waren über viele Monate zuerst in den USA bei General Electric und dann in Essen ausgebildet worden. Jede dieser Partien bestand aus drei Operateuren und vier Betriebsleitern, sollte Schichten von acht Stunden fahren und wurde noch von jeweils 30 bis 40 „herkömmlichen" Technikern ergänzt.

Die Druckproben für Reaktor und Leitungen waren bereits erfolgreich abgeschlossen, die behördlichen Genehmigungen da, die Brennstäbe im Haus - und nun war alles zu Ende, noch bevor es begonnen hatte: „Wir haben es einfach nicht verstanden. Da setzt man mit einem Milliardenaufwand ein Kraftwerk hin, sucht sich die Leute aus, bildet sie in den USA und Deutschland aus, und erst dann fragt man die Bevölkerung."

Noch einmal flammte kurz Hoffnung auf, als Bundeskanzler Bruno Kreisky zwei Tage später meinte, mit einer zweiten Abstimmung könne Zwentendorf doch noch in Betrieb gehen. Schnell zeigte sich, dass das reine Theorie war. Und so mussten die Beschäftigten ihr neues Werk einmotten und wurden dann in anderen, herkömmlichen Kraftwerken beschäftigt. Die Kernkraftspezialisten wanderten aus, für sie gab es in Österreich keine Verwendung mehr. Sie gingen nach Frankreich, Deutschland und in die USA. Ein Umbau von Zwentendorf in ein kalorisches Kraftwerk wurde kurz durchgerechnet und dann von den Eigentümern - dem Verbund und den Landesgesellschaften - rasch verworfen. Statt einer zweiten Abstimmung wurde das Nein mit dem im Verfassungsrang stehenden Atomsperrgesetz einzementiert. Meinungsforscher schätzen, dass seit der Katastrophe von Tschernobyl die Atomkraftgegner heute in Österreich einen Stimmenanteil von 70 bis 80 Prozent erreichen.

Nur eine dünne Mehrheit

Der Beschluss, auch Kernkraft in Österreichs Energiepolitik einzubeziehen, fasste die ÖVP-Alleinregierung unter Bundeskanzler Josef Klaus. Den Bau des Kraftwerkes genehmigte dann die Regierung Kreisky am 22. März 1971. Baubeginn war für den Siedereaktor mit einer Bruttoleistung von 724 Megawatt im Mai 1972. Generalunternehmer war der Siemens-Konzern, der sich österreichischer Zulieferer wie der Voest und einiger Maschinenhersteller bediente. Die geplanten Gesamtkosten von 5,2 Milliarden Schilling wurden deutlich überschritten. 1976 fasste die Regierung noch den Beschluss, neben Zwentendorf zumindest zwei weitere Kernkraftwerke in Österreich zu bauen. Das zweite sollte in St. Pantaleon an der Grenze zwischen Ober- und Niederösterreich errichtet werden, und Zwentendorf sollte einen zweiten Kraftwerksblock bekommen.

Warum sich der sozialistische Parteivorstand am 22. Juni 1978 angesichts eines schlüsselfertigen Atomkraftwerkes dafür aussprach, über die friedliche Nutzung der Kernenergie in Österreich eine Volksabstimmung abzuhalten, ist strittig. Kreisky selbst sagte, es gebe im Parlament nur eine dünne Mehrheit für die Kernkraft, deshalb sei es besser, das Volk abstimmen zu lassen. Dem steht entgegen, dass ÖVP-Obmann Josef Taus der SPÖ eine Allianz in Sachen Zwentendorf anbot. Kreisky ging darauf nicht ein. Manche Beobachter betrachten die Volksabstimmung auch als Flucht nach vorne: Innerparteilich war die SPÖ nicht so klar pro Atomkraft ausgerichtet wie ihr Vorsitzender. Doch bis zuletzt sah es aus, als würde Kreiskys Poker aufgehen: Umfragen von Ifes und Fessel erhoben noch zwei Wochen vor der Abstimmung eine Mehrheit für Zwentendorf. Die Befürworter der Atomkraft waren vor allem im Mittelstand zu finden, während sozial Schwächere und Akademiker mehrheitlich zu den Gegnern zählten.

Ab dem Zeitpunkt, ab dem sich dann aber die Parteipolitik in die Diskussion einmischte, begann die Situation zugunsten der Gegner zu kippen. Bruno Kreisky machte aus der Abstimmung zuerst eine über die Energiepolitik der Regierung und in den letzten Tagen vor dem 5. November auch eine über ihn selbst. Das hatte zur Folge, dass nicht wenige Mittelständler, die normalerweise ÖVP wählten und für die Atomkraft gestimmt hätten, nun ins Lager der Gegner wechselten: Die Möglichkeit, dem mächtigen „Sonnenkönig" eine auszuwischen, war zu schön, da rückte die eigentliche Frage in den Hintergrund.

Kreisky bot alles auf, was seine Partei bieten konnte. In den Wochen vor der Abstimmung wurden insgesamt mehr als 10.000 Betriebsräte auf die Parteilinie eingeschworen. „Dieses Werk steht, es hat Milliarden gekostet, es darf nicht verrotten", trichterte er den Belegschaftsvertretern ein. Vom Verbund, der die Hälfte am Kraftwerk hielt, gab es die Berechnung, dass Mehrkosten von zwei Milliarden Schilling pro Jahr auf die Stromkunden zukämen, ginge das Kraftwerk nicht in Betrieb. Und die Kraftwerksgegner wurden nicht unbedingt ernst genommen: „Ich hab es nicht notwendig, mich von ein paar Lausbuben so behandeln zu lassen", zeigte Kreisky wenig Verständnis für die gerade aufkeimende, für damalige Verhältnisse etwas freche grüne Bewegung.

Das ungelöste Problem der Endlagerung wurde elegant umgangen. Von den fast 40 Prozent der Wahlberechtigten, die nicht zur Abstimmung gingen, meinten fast drei Viertel, von der Fragestellung überfordert gewesen zu sein oder nicht genügend Informationen bekommen zu haben (was aber weder rote noch schwarze Politiker später daran hindern sollte, von Sternstunden direkter Demokratie zu sprechen).

Nach der verlorenen Abstimmung war es schnell klar, dass Kreisky nicht zurücktreten würde: „Schaun Sie, ich bin der Erfinder der Volksabstimmung, damit das klargestellt ist. Entweder sie geht gut aus, oder sie geht schlecht aus, ich kann mich jetzt auch nicht aufhängen, gibt es jetzt halt ein Kraftwerk nicht", grantelte er und gewann die nächsten Wahlen mit einem Rekordergebnis.

Kühl und totenstill

Wer in Zwentendorf nach dem Weg zum Kraftwerk fragt, wird nicht selten in die falsche Richtung geschickt: zum kalorischen Kraftwerk Dürnrohr, das als Ersatz für Zwentendorf gebaut wurde. Das deutlich kleinere Kernkraftwerk Zwentendorf mit seinem 110 Meter hohen Schornstein liegt ein wenig abseits direkt an der Donau. Wer die für Atommeiler typischen Kühltürme (wie etwa in Temelín) erwartet, wird enttäuscht: Die Kühlung sollte die Donau übernehmen, das Kernkraftwerk ist deswegen für seine Art recht „zart" ausgefallen.

Kühl und totenstill ist es im Kraftwerk - die bis zu 1,5 Meter dicken Stahlbetonwände schirmen von der Umwelt völlig ab. Selbst im Sommer hat es im Kraftwerksinneren nicht viel mehr als elf Grad - ohne klimatechnische Hilfsmittel. Leitungen, die pro Sekunde bis zu 30.000 Liter Donauwasser durchleiten könnten, führen zum Reaktor, in dem Brennstäbe bis zu 4000 Grad erzeugt hätten - und damit Dampf, der über Turbinen geleitet 724 Megawatt Strom erzeugt hätte. Unzählige Rädchen, Türen, Regler, Druckleitungen, Öffnungen und Aufzüge, Brennstab-Halterungen, Elektromotoren und Stellschrauben in 1050 Räumen beeindrucken. Unbenützte Duschkabinen und Spinde zeigen, dass hier eigentlich reger Betrieb sein sollte. Wer von oben in den 39 Meter tiefen Reaktorschacht blickt, hat nicht den Eindruck, in einem Museum zu stehen. Wie in einer Zeitblase gefangen scheint hier noch immer alles auf den Tag zu warten, an dem einer auf den Knopf drückt.

Das Alter der perfekt gewarteten Anlage lässt sich vor allem in der Schaltzentrale erkennen. Sie stammt noch aus der vordigitalen Zeit. Tausende Lämpchen und Schalter, einige blinken sogar noch, weil sie auf _irgendetwas aufmerksam machen wollen, das niemanden mehr interessiert. So hat man sich in den 70ern Hightech aus dem nächsten Jahrhundert vorgestellt, so ähnlich sehen die alten Enterprise-Raumschiffe aus. Nur Kirk und Spock fehlen, dafür wurden in den Gängen und Kammern schon Filme gedreht, weil es bisweilen wie in einem U-Boot aussieht. Doch scheint Zwentendorf auch dafür kein guter Boden zu sein: Ein Film mit Dolph Lundgren kam nie in die Kinos, weil die Produktionsfirma vorher Pleite ging.

Dass aber der Zahn der Zeit auch an Zwentendorf nagt, zeigt sich beim genaueren Hinsehen. „Die Natur erobert sich Raum zurück", meint EVN-Pressesprecher Stefan Zach. So befinden sich auf einigen Stahltanks Gitter, damit sie nicht zu tödlichen Fallen für Vögel werden. In den Zuläufen für das Donauwasser haben sich Biber einquartiert. Und auch am Schornstein nisten Vögel. Wozu der 110 Meter hohe Schornstein gedacht war, da ja nichts verbrannt werden sollte? Um Dampf abzulassen. Und warum dann die Höhe? Um kontaminierten Dampf im Störfall möglichst weitflächig zu verteilen.
Waren die angehenden Zwentendorf-Kraftwerkstechniker noch in Essen geschult worden, so werden nun Schulungen von den Essener Experten in Zwentendorf durchgeführt. Dies ist einer der Gründe, warum Kreiskys Wunsch, das Kraftwerk nicht verrotten zu lassen, wahr wurde. Neben den Schulungen bildet auch der Ersatzteilverkauf für die EVN eine Einnahmequelle. Teile des Schalttisches, Verriegelungen, Pumpen werden an Interessenten verkauft, um den Kaufpreis von 2,5 Millionen Euro, den die EVN an den Verbund bezahlte, wieder hereinzubekommen.

Den wahren Wert dieser Akquisition stellt aber nicht das Kernkraftwerk dar, sondern das Grundstück an der Donau, das eine Lizenz für den Bau eines weiteren Kraftwerkes beinhaltet. „So eine Lizenz ist heute ja gar nicht mehr zu bekommen", weiß ein Experte. Warum sich der Verbund um verhältnismäßig symbolische 2,5 Millionen von Zwentendorf trennte, gilt in der Fachwelt als Rätsel. Die EVN wird in den kommenden Jahren dort vermutlich ein Biomassekraftwerk bauen und dabei zum Teil die Zuleitungen des Kernkraftwerkes nutzen. Bereits im kommenden Jahr soll der Start für eine Solaranlage erfolgen. Damit könnte dann doch in einem Teil des Kernkraftwerkes erstmals Leben einkehren - mit deutlich geringeren Risiken. (Michael Moravec/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26. Oktober 2008)

Zur Person

Michael Moravec ist seit 1988 Redakteur des Standard und leitete von 2000 bis 2006 das Wirtschaftsressort der Zeitung. Seit März 2006 lebt Moravec als EU-Korrespondent für den Standard in Brüssel.

Termin

Benefizkonzert GLOBAL 2000: "30 Jahre Zwentendorf. 30 Mal Atomkraft nein danke!"

Musik: Texta, Mauf, Al Haca, Bilderbuch und Danse Fatale

Fluc Wanne, Praterstern 5, 1020 Wien

Mittwoch, 5. November

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    der standard/cremer

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