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24. Oktober 2008, 17:16
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Zum Bauen kam Toyo Ito nur durch Zufall - Heute gilt er als einer der besten Architekten der Welt: Der wunschlos unglückliche Japaner im STANDARD-Interview

Als Kind träumte der kleine Toyo davon, Baseball-Spieler zu werden. Doch daraus wurde nichts. Zu untalentiert, hieß es bei der Aufnahmeprüfung auf der Sportakademie. Also nahm das Schicksal den adoleszenten Ito bei der Hand und ließ ihn Architektur studieren. Aus dem anfänglichen Enfant terrible, das nichts als Roboter und Maschinen im Kopf hatte, wurde im Laufe der Jahrzehnte ein Meister der architektonischen Komposition.

Kürzlich wurde der japanische Architekt Toyo Ito mit dem Friedrich-Kiesler-Preis für Architektur und Kunst 2008 ausgezeichnet. Am 16. Oktober nahm er im Wiener Rathaus den mit 55.000 Eu-ro dotierten Preis entgegen (der Standard berichtete). "Sowohl seine architektonischen als auch seine theoretischen Überlegungen zu Themen wie Medialität und Technik gehören zum Avanciertesten und Einschlägigsten unserer Zeit" , sagte András Pálffy, einer der Juroren, in seiner Laudatio.

Nicht zu vergessen die Ästhetik. "Nein, es ist nicht so, dass ich gerade Linien nicht mag, aber die runden Formen sind mir schon seit Kindheitstagen lieber" , sagt Toyo Ito. Sie sind wie sein Charakter, wie sein tiefstes Inneres, meint er, rund und weich.

DER STANDARD: Die meisten Architekten haben Stress und sehen älter aus, als sie sind. Sie kommen mit Ihren 67 Jahren frisch und fröhlich daher. Was ist Ihr Geheimnis?

Toyo Ito: Es ist ganz einfach. Bis zu meinem 40. Lebensjahr hatte ich nicht viel zu tun. Erst danach ist es richtig losgegangen. Das ist wohl der Grund dafür, warum ich heute aussehe wie 27.

DER STANDARD: Ursprünglich wollten Sie Baseball-Spieler werden. Was hat Sie umgestimmt?

Ito: Als ich in der Highschool war, habe ich Baseball gespielt. Ich war immer ein leidenschaftlicher Spieler, und für mich war klar, dass ich das eines Tages beruflich machen möchte. Doch als ich dann auf der Sport-Universität die Aufnahmeprüfung gemacht habe, bin ich durchgefallen. Das war's dann mit meiner Sportkarriere. Ich habe meine großen Pläne wieder verworfen.

DER STANDARD: Sport und Architektur sind recht unterschiedlich. Wie kam es dazu?

Ito: Da muss ich Ihnen kurz das japanische Universitätssystem erklären. In Japan gibt es keine reine Architektur-Fakultät. Sie müssen Ingenieurwesen inskribieren und haben dann die Möglichkeit, sich auf einen bestimmten Schwerpunkt zu konzentrieren. Nun, ich habe mich für dieses Studium entschieden, weil ich dachte: Wenn ich es schon sportlich zu nichts bringe, dann versuche ich es halt mit etwas Technischem. Ich hatte die Wahl zwischen Elektrotechnik, Maschinenbau, Ingenieurwesen und so weiter. Das alles schien mir zu kompliziert. Doch dann gab es noch Architektur. Das klang für mich etwas sozialer, etwas näher am Menschen.

DER STANDARD: Reiner Zufall also?

Ito: Viele können sich das gar nicht vorstellen. Aber ja, so könnte man das sagen.

DER STANDARD: Ihr erstes Büro, das Sie 1971 gegründet haben, hieß Urban Robot. Mögen Sie Roboter?

Ito: Nach meinem Studium habe ich begonnen zu arbeiten. Das waren die späten Sechziger, die Zeit von Archigram, die Zeit der Metabolisten. Ich war von dieser maschinenartigen Architektur unendlich fasziniert. Und so gründete ich das Büro Urban Robot. Doch die Bewegung war von kurzer Dauer. Ja, damals habe ich Roboter gemocht. Aus heutiger Sicht ist Urban Robot für mich so etwas wie ein verlorenes Kind, wie ein vergessenes Kind, das man eines Tages aus den Augen verliert.

DER STANDARD: Vom Roboterfan zum heutigen Toyo Ito ist es ein weiter Weg.

Ito: Seit damals ist viel passiert. Das Land hat sich sehr gewandelt. Den größten Umbruch brachten die Achtzigerjahre mit sich. Durch die Verbesserung der Wirtschaftslage sind die Menschen auf die Straße getreten, sie haben sich wieder in die Gesellschaft eingebracht. Das Leben war plötzlich wieder positiv. Davon bleibt auch ein Architekt nicht unberührt.

DER STANDARD: Ganz gleich, zu welchem Zeitpunkt: Japanische Architektur sieht immer japanisch aus. Woran liegt das?

Ito: Wirklich? Wenn man selbst mittendrin ist, fällt einem das gar nicht auf. Aber ich kann mir schon vorstellen, warum das so ist. Sie brauchen nur einen Blick auf unsere Schrift zu werfen. Schließlich ist Schrift ein sehr langlebiges und beständiges Kulturgut, das robust ist und viele Strapazen überdauert. Unsere Schrift hat ein sehr charakteristisches Schriftbild, es zeichnet sich durch abwechselnde Leere und Dichte aus. Manchmal haben Sie sehr viel konzentrierte Information an einem Ort, dann gibt es wieder einen großen weißen Leerraum dazwischen.

DER STANDARD: Welche Auswirkung hat das aufs Bauen?

Ito: Ein Wort hat niemals ein und dieselbe Bedeutung. Jedem Leser wird dadurch in der Interpretation ein gewisser Spielraum zugestanden. Das ist ein sehr schönes Verständigungssystem. Ich glaube, dass sich diese Ästhetik auf viele andere visuelle Ebenen in unserer Kultur niederschlägt. Auch auf die Architektur. Mit einem Wort: Wir bauen nicht, sondern wir schreiben. Wir sehen nicht, sondern wir lesen.

DER STANDARD: Das klingt nach einem sehr anstrengenden Stadtleben.

Ito: Ja, es gibt viel zu entdecken. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum japanische Architektur von Außenstehenden so oft als minimalistisch bezeichnet wird. Ich selbst würde in diesem Zusammenhang niemals von Minimalismus sprechen. Man möchte dem anderen etwas mitteilen und wählt zu diesem Zweck so viele Worte, wie eben nötig sind, um sich verständlich zu machen. In langlebigen Medien wie Kunst, Architektur und Literatur ist das unsere Sprache. Kurzlebige Medien wie Mode und Werbung bedienen sich oft einer anderen Sprache.

DER STANDARD: Sie sprechen über Architektur wie andere über Kunst. Sind Menschen außerhalb Japans genauso empfänglich und sensibel dafür?

Ito: Das ist eine Frage der generellen Entwicklung und Kultiviertheit eines Landes. Sie dürfen nicht vergessen, dass Japan eine sehr große handwerkliche Tradition hat. Bis heute ist es so, dass die Bauarbeiter auf der Baustelle einen großen Einfluss darauf haben, ob ein Bauwerk gelingt oder nicht. Wenn sie Spaß an der Arbeit haben und sich damit identifizieren, dann hat man am Ende ein gutes Projekt. Und wenn sie keinen Spaß an der Arbeit haben, dann wird man auch das dem Haus ansehen. Was ich damit sagen möchte: Die Sensibilität für jede Art von Materie ist in Japan in allen Gesellschaftsschichten ausgeprägt. In dieser Deutlichkeit habe ich das noch in keinem anderen Land entdeckt.

DER STANDARD: Ist das nicht frustrierend?

Ito: Doch! Als ich mich das erste Mal etwas intensiver mit dem Bauen im Ausland beschäftigt habe, war ich extrem frustriert. Ich dachte mir: Warum kriegen das die anderen nicht auf die Reihe? Ganz ehrlich: Ich bin der Meinung, dass man nicht die japanische Architektur in alle Welt exportieren sollte, sondern Bauarbeiter, Technik und Know-how. Das hätte mehr Sinn.

DER STANDARD: Was ist das Wichtigste am Bauen?

Ito: Architektur ist in der Regel das Ausdrucksmittel einer sehr konservativen und bürgerlichen Gesellschaftsschicht. Von einer Generation zur nächsten wird weitergegeben, wie ein Haus auszusehen hat und wie nicht. Viele Menschen merken gar nicht, wie sehr sie sich damit einem System unterwerfen. Doch es geht auch anders, denn mit einer guten und sensiblen Architektur kann man den Menschen das Leben vereinfachen, man kann es angenehmer machen. Das geht allerdings nur, wenn man kritisch genug ist, die Tradition, das angeblich immer schon Dagewesene objektiv zu betrachten und womöglich zu überdenken. Hier fordere ich den Architekten Scharfsinn und Kreativität ab.

DER STANDARD: Ihr größter persönlicher Wunsch für die Zukunft?

Ito: Alles, was ich bisher gemacht habe, befriedigt mich nicht wirklich. Ich bin jemand, der niemals zufriedenzustellen ist. Kaum habe ich ein Projekt fertiggestellt, denke ich mir: Ach, das hätte ich doch anders machen sollen! Um ehrlich zu sein: Einen großen Traum habe ich nicht. Ich will diese Skepsis beibehalten. Auch beim allerletzten Projekt, das ich eines Tages abschließen werde, möchte ich im Nachhinein zurückblicken können und sagen: Das wäre noch besser gegangen. In dem Moment, wo Sie das nicht mehr sagen können, sind Sie stehengeblieben.

(Wojciech Czaja, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.10.2008)

Dank an die Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler Privatstiftung für die organisatorische Unterstützung.

  • Das war's mit der Baseball-Karriere: Architekt Toyo Ito.
    foto: ito & associates

    Das war's mit der Baseball-Karriere: Architekt Toyo Ito.

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