Mittendrin zwischen arm und reich

25. Oktober 2008, 18:28
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Katja erlebt noble Feste bei Ramón, der zur mexikanischen Mittelschicht gehört und die geballte Armut, die durch Doña Isabel ein Gesicht bekommt

Vier Wochen bin ich nun schon in Mexiko unterwegs und es werden wohl noch ein paar mehr als geplant. Länger in einem Land zu bleiben hat den Vorteil das Land und seine Leute auch besser kennen zu lernen. Und genau das war einer der Gründe für meine Reise.

Ein einfacher Anwalt

Zunächst habe ich Jorge in Mexiko-Stadt und dann Ramón in León besucht und konnte so sehen wie die mexikanische Mittelschicht lebt. Dass meine Freunde zu den besser situierten Einwohnern des Landes gehören war mir schon vorher klar. Beide haben in Spanien gelebt und studiert. Ramón beispielsweise ist Anwalt und führt zusammen mit seinem Bruder eine eigene Kanzlei. Klingt schnöselig, ist aber gar nicht so. Ramón hat mich überrascht. Dahingehend, dass er meine leichten Vorurteile gegenüber der privilegierten Bevölkerung überhaupt nicht bestätigt hat. Im Gegenteil: Auch wenn er ein sorgenfreies Leben führt, sich einen Geländewagen, ein eigenes Haus, Reisen und Hobbys leisten kann, so ist er vom Charakter her ein Mensch, den man als "humilde" - einfach - bezeichnen würde. Er legt keinen Wert auf Firlefanz und scheut auch den Kontakt zu den Menschen nicht.


Ramón und seine Freunde auf dem Weg zur nächsten Kletterwand. Foto: Katja Fleischmann

Als wir am Wochenende Klettern waren, trafen wir am Weg einen ärmlichen Bauern und Ramón hielte um ihn zu begrüßen. Am Rückweg steckte er ihm ein paar Pesos zu und entschuldigt sich, dass er dieses Mal nicht mehr dabei hat. Der Bauer erlaubte ihm auf seinem Grundstück zu parken und warf nebenbei ein Auge auf das Auto.

Ramón erzählt mir, dass der Kontakt mittlerweile freundschaftlich ist und er und seine Freunde sogar auf Dorffeste eingeladen werden. Vor ein paar Jahren brach sich die Frau des Bauern das Handgelenk und sie wussten nicht was sie tun sollten, eine Krankenversicherung hatten sie nicht. Ramón schickte sie zu einem Arzt und übernahm die Rechnung. "Für mich waren das gerade mal 100 Euro, aber der alte Mann legt nun seine Hand für mich ins Feuer".

Abenteuer U-Bahn fahren

Natürlich kann Ramón die Welt auch nicht verändern, aber er begegnet den Menschen mit Respekt und was mir an ihm gefällt ist, dass er die Augen vor der Realität nicht verschließt. Wir haben lange Gespräche geführt und diese helfen mir die Gesellschaftsstrukturen in diesem Land besser zu verstehen. Seine Art die Dinge beim Namen zu nennen ist oft schonungslos und manche seiner Sätze bleiben mir in Erinnerung. "Wer in Mexiko City mit der Metro fährt ist arm. In Europa benutzen alle öffentliche Verkehrsmittel, hier nicht. Wer genügend Geld hat fährt mit dem Auto und stell dir vor, für die 17-jährigen Mädchen aus gutem Hause ist es ein Abenteuer, wenn sie einmal im Leben mit der U-Bahn fahren. Und anschließend schütteln sie den Kopf, weil es eng, heiß und stickig war und steigen nie wieder ein".


Ist Busfahren in Mexiko tatsächlich ein "Armutszeichen"? Foto: Katja Fleischmann

Ich habe bisweilen das Gefühl zwischen diesen starren Gesellschaftsstrukturen hin und her zu pendeln. Erst bin ich auf einem noblen Fest mit schicken Gästen und köstlichem Essen und ein paar Tage später fahre ich in einem ausgebeulten alten Autobus und neben mir sitzt eine junge Frau, die nach billiger Seife riecht. Es ist ein Unterschied über Armut zu sprechen und sie zu erleben. An manchen Orten tritt sie derart geballt auf, dass sie an Ausdruck und an Bedeutung verliert. Wenn dich alle paar Meter jemand um ein paar Pesos anschnorrt und dir alle paar Minuten jemand einen Kaugummi, eine Puppe oder ein Tischtuch verkaufen möchte, machst du irgendwann die Augen zu und hörst die Menschen nicht mehr. Und dann setzt sich Doña Isabel zu mir auf die Bank und mit einem Mal bekommt die Armut im Überfluss wieder ihr ganz persönliches Gesicht.

Eine Zeitung für den Enkel

Ich sitze an der Plaza Principal von San Miguel Allende und lese Zeitung als sich eine alte Frau neben mich setzt und ihre selbstgestickten Tischtücher auspackt. Ihre Verkaufsangebote lehne ich zunächst dankend ab und lese weiter. Hin und wieder wechseln wir ein paar Wörter und als ich die Zeitung durchgeblättert habe, frage ich, ob sie diese behalten möchte. Sie nickt und lächelt: "Ich werde sie für meinen Enkel aufheben und sie ihm geben, wenn er mich das nächste Mal besucht. Er liest gerne." Und dann beginnen wir zu plaudern und Doña Isabel erzählt mir von ihrer Familie und ich ihr von meiner. Die 73-jährige Frau wurde auf einer Hacienda geboren und zog mit 25 Jahren, zusammen mit ihrem Mann, in die Stadt. Mehr von Mexiko hat sie in ihrem ganzen Leben nicht gesehen. Von Österreich oder Deutschland hat sie noch nie gehört.

Isabel García hatte vier Kinder, eine Tochter starb kurz nach der Geburt und ein Sohn im Kindesalter. Heute lebt sie alleine in einem kleinen Haus am Stadtrand. Der Mann ist an einem Dienstag vor über 25 Jahren gestorben, als er über die Stufen des Platzes, an dem wir sitzen, stolperte und mit dem Hinterkopf aufprallte. Die Kinder sind längst aus dem Haus, ein Sohn hat acht Kinder, da bleibt keine Zeit mehr um der Mutter zu helfen. So muss Doña Isabel selbst sehen wie sie über die Runden kommt. Ihr Mann hatte nie eine fixe Anstellung und so bekommt auch sie keine Rente. Sie selbst arbeitete früher als Putzfrau, doch mittlerweile ist sie zu alt für diese Arbeit. Heute bestickt sie während der Woche Tücher und verkauft sie an den Wochenenden im Zentrum von San Miguel de Allende. Wenn sie Geld für den Bus hat, fährt sie in die Stadt und wenn nicht, dann geht sie zu Fuß.

Eine Woche Arbeit für 140 Pesos

Die alte Frau klagt über Schmerzen in den Beinen und darüber, dass sie heute noch kein einziges Tuch verkauft hat. Sie zeigt mir einen bestickten Polterüberzug und ich frage wie lange sie daran gearbeitet hat. Eine Woche. Eine Woche Arbeit für 140 Pesos - das ist der Preis, den sie für das Stück verlangt. Die Miete für ihr Haus, inklusive Strom und Wasser, macht 500 Pesos und die Vermieterin gewährt keinen Tag Aufschub. Plötzlich schaut Doña Isabel unglücklich zur Seite und ich folge ihrem Blick. Schräg hinter uns steht ein Tourist mit einer großen Kamera. "Ich bin alt und hässlich, warum wollen Sie mich fotografieren? Dann wendet sie sich wieder zu mir und sagt: "Ich bin arm, aber ich bin eine anständige und gepflegte Frau", und ich merke, dass sie sich durch das ungefragte Fotografieren gekränkt fühlt.

Über eine Stunde saßen wir zusammen auf der Bank im Schatten, dann macht Isabel García sich wieder auf den Weg. Ich kaufe ihr ein besticktes Tuch ab und erzähle ihr, dass ich es meiner Mutter schenken werde, da diese Stickereien besonders mag. Doña Isabel lächelt und richtet meiner Mutter schöne Grüße aus. Und das nächste Mal soll ich sie mitbringen. Dann packt sie ihre Sachen in den Korb, wünscht mir alles Gute und gibt mir zum Abschied die Hand. Und dann zieht sie langsam weiter und ich bleibe zurück auf meiner Bank und blicke ihr hinterher. (Katja Fleischmann)

  • Ein Geburtstagsfest auf dem Zweitwohnsitz: Familie, Freunde, Musik und gutes Essen - hier fehlt es an nichts.
    foto: katja fleischmann

    Ein Geburtstagsfest auf dem Zweitwohnsitz: Familie, Freunde, Musik und gutes Essen - hier fehlt es an nichts.

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