Müde, alte Männer gegen beleidigte Leberwurst

23. Oktober 2008, 18:47
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Das ZDF zieht die Konsequenzen aus der von Literaturkritiker Reich-Ranicki ausgelösten Qualitätsdebatte: Zwischenruferin Heidenreich verliert ihr Magazin "Lesen!"

Mainz/Wien - Nach jüngsten verbalen Attacken Elke Heidenreichs gegen Entertainer Thomas Gottschalk zieht das ZDF den Schlussstrich: Die Zusammenarbeit sei "mit sofortiger Wirkung" beendet, teilt der Mainzer Sender mit. Zwei für Oktober geplante Sendungen ihres Literaturmagazins "Lesen!" werden nicht mehr produziert.

Damit ist der vorläufige Höhepunkt der feindlichen Zurufe innert zwei Wochen erreicht. Begonnen hatte das Hickhack Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Der wollte den Deutschen Fernsehpreis nicht annehmen und wetterte gegenüber Gastgeber Thomas Gottschalk über "Blödsinn" im ZDF.

Heidenreich gab Reich-Ranicki über die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) recht und holte ihrerseits gegen den Kanal aus: Man schäme sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten, schrieb sie: "Von mir aus schmeißt mich jetzt raus, ich bin des Kampfes eh müde." Und beleidigte nebenbei noch Gottschalk. Der sei nach all den Jahren kein guter Moderator mehr, vielmehr "ein müder, alter Mann". Das wiederum regte Reich-Ranicki auf, der sich den Entertainer längst zum Duzfreund gemacht hatte: "Thomas als dumm hinzustellen ist eine Unverschämtheit. Elke hat sich miserabel benommen. Sie hat noch intrigiert. Sie wollte, dass man Thomas meine Laudatio wegnimmt, um sie selbst zu halten", sagte er der Illustrierten "Bunte". Heidenreich verhalte sich "wie eine beleidigte Leberwurst", setzte Gottschalk im "Spiegel" drauf.

Wenn Gottschalk und Reich-Ranicki über Qualität im Fernsehen streiten, sei das als redeten "zwei Blinde über die Farbe", feixte FAZ-Journalist Stefan Niggemeier in seinem Blog. Reich-Ranicki gilt als telegen streitbarer Kritiker, der sich den Titel "Literaturpapst" über genau jenes Medium erwarb, das er nun verteufelt.

"Ist das Fernsehen wirklich so schlecht?", fragte danach "Die Zeit". Die Debatte im Qualitätssegment zu halten gelang freilich nur kurz. Inzwischen hat sich die Diskussion in den untersten Kategorien des Boulevards vervielfältigt.

Das Fernsehen verhält sich unterdessen, wie es immer war: bemüht, mehrheitsfähig zu sein. Mit trotzigem Selbstbewusstsein zeigt das ZDF in "Die Deutschen" halbseidenes Bildungsprogramm. Sendergeschichte verpackt am Donnerstag ARD im "großen Tatort-Quiz".

Bunter treiben es nur die Privaten: "Ab durch die Wand", "Die Singende Firma", "30 Dinge, die ein Mann tun muss" und "Peng, die Westernshow" heißen die Shows der nächsten Wochen. Einmal mehr scheint es einfacher, nicht so tun zu müssen, als ob. (Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2008)

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    Während sich Marcel Reich-Ranicki (im Bild mit Thomas Gottschalk) ...

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    ... und Elke Heidenreich über das miese Fernsehen ärgern, treiben es Privatsender bunt.

  • RTL
schickt demnächst Kandidaten "Ab durch die Wand".
    foto: rtl

    RTL schickt demnächst Kandidaten "Ab durch die Wand".

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