Ein Liebesdienst für Werner

23. Oktober 2008, 18:18
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Isabelle Huppert weilte anlässlich des Viennale-Tributes für Werner Schroeter und der Vorführung von "Malina" zu einem Kurzbesuch in Wien - Der Schauspielstar im Interview

Isabella Reicher traf sie zum Gespräch über Bindungen an Regisseure.

Wien - Isabelle Huppert ist auf Kurzbesuch in Wien. Schon am nächsten Tag wird sie beim Filmfest in Rom sein, wo ihre neueste Arbeit Premiere hat. Zuerst allerdings präsentiert sie im Rahmen des Viennale-Tributes für den deutschen Filmemacher Werner Schroeter eine alte: Schroeters Verfilmung von Ingeborg Bachmanns Roman Malina, 1990 nach einem Drehbuch von Elfriede Jelinek entstanden, mit Huppert in der Hauptrolle.

Vorher gibt sie Interviews. Der Zeitplan ist bald in Verzug: Huppert wird fotografiert. Ein kleiner Extrascheinwerfer ist im Raum postiert. Im Anschluss an die Aufnahmen trifft Huppert am Display die Fotoauswahl. Ein ebenso ungewöhnlicher wie nachvollziehbarer Vorgang in einer Welt, in der sich Aufzeichnung und Veröffentlichung persönlicher Daten immer schwerer kontrollieren lassen. Von "Kontrolle" will Huppert allerdings auch nichts hören - am Fotografieren seien schließlich zwei beteiligt: "Und man will einfach die besten Fotos haben, das ist doch ganz normal."

Standard: Malina war Ihre erste Zusammenarbeit mit Werner Schroeter. Erinnern Sie sich noch, wie Sie einander gefunden haben?

Huppert: Er hat mir die Rolle angeboten. Ich weiß nicht genau, wie er auf mich gekommen ist. Aber irgendwann war ich dabei, und das war der Beginn einer sehr engen Freundschaft. Zugleich habe ich sein ganz eigenes Universum entdeckt, sehr profund, sehr schön. Werner Schroeters Universum ist das Kino, aber zugleich hat es etwas Barockes, eine sehr tiefgründige Ästhetik auch. Diese hat für mich etwas von Träumen - mit aller Freiheit und allem Wahnsinn, die das inkludiert. Ich habe immer, wenn ich mit ihm arbeite, das Gefühl, im Wachzustand zu träumen.

Standard: Zugleich hat Malina eine sehr physische Komponente, es muss für Sie als Schauspielerin eine Herausforderung gewesen sein.

Huppert: Ich erinnere mich, dass die Figur einerseits emotional sehr intensiv war. Aber der Dreh war auch sehr physisch - nicht, dass Werner Schroeter uns herumrennen hätte lassen, aber er forderte uns ständig körperlich. Und er zeigt vor, wie er sich Dinge vorstellt, ist selbst mit enormem körperlichem Einsatz bei der Sache, so reißt er auch seine Schauspieler mit hinein in dieses sehr physische Agieren. Das liebe ich sehr.

Standard: Ihre Tochter spielt in Malina auch eine kleine Rolle.

Huppert: Ja, das stimmt, sie war damals sechs Jahre alt. Ich erinnere mich, dass sie sehr traurig war am Ende der Dreharbeiten, sie wollte, dass es weitergeht. Und dann hat sie weitergemacht und ist selbst Schauspielerin geworden.

Standard: Sie haben nicht nur mit Schroeter öfter als einmal zusammengearbeitet. Welche Qualitäten schätzen Sie an Regisseuren?

Huppert: Allein schon den Umstand, dass sie Lust darauf haben, ein zweites oder drittes Mal mit mir zu arbeiten. Das ist sehr angenehm, es ist eine Bestätigung. Für einen Regisseur einen Film zu machen, das ist für eine Schauspielerin auch ein Liebesbeweis, ein weiterer ist dann dessen Bekräftigung. Das ist so als würde man den Schwur jedes Mal erneuern.

Standard: Ihre Filmografie gibt den Eindruck, Sie arbeiten ununterbrochen, Sie machen zwei, drei Filme im Jahr - was treibt Sie an?

Huppert: Das ist ein Eindruck, ja. Heuer habe ich zum Beispiel nur einen gemacht, aber dafür auch Theater gespielt. Es kommt drauf an. Das sind Zufälle. Das Schauspielerinnendasein ist nicht so präzise oder geordnet. Auch das hat man nicht unter Kontrolle.

Standard: Sie haben kürzlich erstmals mit Claire Denis gearbeitet.

Huppert: Ja, White Material wird aber erst geschnitten. Wir haben im Kamerun gedreht - auch das war ein körperlich sehr fordernder Dreh. Ich habe in diesem Jahr drei Filme gemacht, die alle ein bisschen dieselbe Geschichte erzählen: drei Rollen von Müttern, die sehr an einen Ort gefesselt sind, diesen nicht verlassen wollen, darum kämpfen, dort bleiben zu können. White Material, dann Home von der jungen Schweizerin Ursula Mayer und Barrage contre le Pacifique von Rithy Pan, der jetzt in Rom Premiere hat. Aber Villa Amalia von Benoît Jacquot, den ich zuletzt gedreht habe, handelt nicht von einer Mutter und nicht vom Festhalten an Bindungen - da geht es um eine Frau, die radikal alles abbricht, alles durchtrennt.

Standard: Bauen Sie eigentlich auch ein besonderes Verhältnis zu den Kameraleuten auf?

Huppert: Es gibt viele Kameraleute, die ich schätze. Ich interessiere mich auch dafür, wer das Licht macht. Die Arbeit der Schauspieler ist sehr eng mit dem Licht verbunden. Ich verstehe die Technik, aber das Licht, das betrifft mich sehr. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.10.2008)

  • "Wenn ich mit ihm arbeite, habe ich das Gefühl, im Wachzustand zu träumen" : Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert präsentierte als Stargast der Viennale Werner Schroeters "Malina".
Zur Person: Isabelle Huppert, geb. 1955; Claude Gorettas "Die Spitzenklöpplerin"  1977 machte sie international bekannt. Seither arbeitet Huppert mit den bedeutendsten europäischen Filmemachern. Sie ist seit 1982 mit Ronald Chammah verheiratet und hat drei Kinder.
 
 
    foto: robert newald

    "Wenn ich mit ihm arbeite, habe ich das Gefühl, im Wachzustand zu träumen" : Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert präsentierte als Stargast der Viennale Werner Schroeters "Malina".

    Zur Person:
    Isabelle Huppert, geb. 1955; Claude Gorettas "Die Spitzenklöpplerin" 1977 machte sie international bekannt. Seither arbeitet Huppert mit den bedeutendsten europäischen Filmemachern. Sie ist seit 1982 mit Ronald Chammah verheiratet und hat drei Kinder.

     

     

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