Fragwürdiges "Doppelleben"?

23. Oktober 2008, 17:51

Haiders Privatleben plötzlich doch politisch - Oder: Wie sich am Ende dieser Legislaturperiode weniger Menschen verstecken müssten

Er war also im "Stadtkrämer" , einem Schwulenlokal in Klagenfurt. Jörg Haider hat seine 1,8 Promille dort angetrunken und ist trotzdem in sein Phaeton gestiegen. Seit diese Meldung in den Medien kursiert, scheint die Welt der Journalisten plötzlich zweigeteilt. Die eine Hälfte, die Haider huldigt, Pietät verlangt und ihn heilig spricht, will nicht darüber berichten, denn das gehe ja niemandem was an. Die andere Hälfte will alles berichten, will wissen, wer der junge Mann denn nun war, mit dem Haider die letzte Stunde seines Lebens verbracht hat und findet es großartig einen Landeshauptmann in ein verruchtes Milieu zu stecken, einer dunklen Halbwelt zuzuordnen. Homophob sind allerdings beide Zugänge. In beiden Arten der Berichterstattung ist die sexuelle Orientierung nämlich vor allem eins: Nicht normal.

Verräterische Sprache

Wenn Haider schwul oder bi oder wasauchimmer war ... So what? Bei aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhundert würde man erwarten, dass diverse sexuelle Neigungen eine akzeptierte Tatsache unserer Gesellschaft sind. Dass Menschen einfach tun und lassen können, was sie wollen - auch wenn sie Landeshauptmänner oder -frauen sind. Wo niemand zu Schaden kommt, braucht sich niemand aufzuregen. Betrunken Autofahren ist lebensgefährlich. Sich in einem Schwulenlokal aufhalten gefährdet aber weder das eigene Leben - noch das eines anderen.

Nur leider ist die gesellschaftspolitische Realität in Österreich noch immer eine andere. So lange Coming-out-Prozesse bei Jugendlichen noch immer ein hohes Risiko darstellen, erhöhte Suizid-Gefahr besteht und Ängste vorherrschen, man könnte die Familie und die besten Freunde verlieren, wenn man sich outet, so lange gleichgeschlechtliche Paare vor dem Gesetz mit verschiedengeschlechtlichen Paaren nicht gleichgestellt sind, so lange es Diskriminierungen und Ausgrenzungen gibt, wird es Ausdrücke wie "Homosexuellenmilieu" geben. Und so lange prinzipiell davon ausgegangen wird, dass das Begehren des anderen Geschlechts die Norm ist, wird Homosexualität als abnormal wahrgenommen. Diese sich hartnäckig manifestierenden Haltungen in der österreichischen Gesellschaft haben wir paradoxerweise auch der Politik Haiders zu verdanken.
Die FPÖ und später das BZÖ haben sich nie für die Gleichstellung lesbischer und schwuler Partnerschaften ausgesprochen. Haider und seine Anhänger/innen haben nichts dafür getan, dass Jugendliche im Coming-out das Leben erleichtert wird. Haider selbst ist zwar nie durch homophobe "Sager" aufgefallen, aber in seiner Partei war das durchaus üblich. Noch der letzte zur BZÖ gewechselte Ex-Blaue Ewald Stadler hat sich immer wieder nachdrücklich gegen die Anerkennung "gleichgeschlechtlicher und anderer perverser Partnerschaften" ausgesprochen. Und so wird Haiders Privatleben plötzlich doch politisch.

Sich selbst outende Politiker/innen in den verschiedenen Bundes- und Länderparlamenten Österreichs sind leider nur bei den Grünen zu finden. Dabei ist die Sichtbarkeit eine wesentliche Hilfe für die Akzeptanz. Als lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender geoutete Mandatare tragen nicht nur dazu bei, zu zeigen: Seht her, ich bin andersrum und es ist völlig wurscht. Steh du ruhig auch dazu! Sie können aus eigener Erfahrung auch politische Rahmenbedingungen schaffen, damit es an Schulen mehr Aufklärung gibt und diskriminierende Gesetze angepasst werden. Wie lesbische und schwule Politiker/innen ihr Sexualleben tatsächlich ausleben, geht dabei tatsächlich niemanden was an.

Wer sich aber versteckt (in der Sprache der Community nennt man solche Schwule "Klemmschwester" ), nicht will, dass das eigene Schwul-, Lesbisch-, Bi- oder Transgender-Sein publik wird, macht sich erpressbar und spielt dem Vorurteil, dass das etwas Schmutziges, Perverses und Abstoßendes ist, in die Hände. Dabei wäre es längst an der Zeit, dass Österreich auch einmal einen offen gleichgeschlechtlich lebenden und liebenden Landeshauptmenschen hätte. Oder einen Parteichef...

Wenn das nun bekannt gewordene vermutliche Doppelleben Jörg Haiders eine politische Konsequenz haben soll, dann läge dies an den nunmehr regierungsverhandelnden Parteien SPÖ und ÖVP. Ein Maßnahmenpaket zur Gleichstellung von Lesben und Schwulen könnte zur erhöhten Akzeptanz beitragen. Und damit müssten sich am Ende dieser Legislaturperiode weniger Menschen verstecken. (Marco Schreuder/DER STANDARD-Printausgabe, 24. Oktober 2008)

*Marco Schreuder ist Landtagsabgeordneter der Grünen in Wien und ist deklariertermaßen schwul.

 

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ann kemühl  
10.11.2008 19:09
eigene Doppelmoral

Nicht dass Haider schwul war ist doch das Problem. das ist in der Tat seine Privatangelegenheit, sondern die Doppelmoral, die darin steckt, andere scharf anzugreifen wegen (vermeintlicher) Regelverletzungen, an die man sich dann selber nicht hält.

badblackguy.blogspot.com 
26.10.2008 18:21
Privat ist Privat

Ich halte sehr wenig davon, wenn Politiker ihr
Privatleben in die Öffentlichkeit zerren siehe
Gusenbauer Auftritt mit Kind, Frau und Mutter.

Ich halte sehr wenig davon, wenn Politiker ihre
sexuelle Neigungen in die Öffentlichkeit zerren. Ich
wähle keinen Politiker nur weil er Hetero oder Homo ist,
es gibt andere Kriterien warum ich Politiker XY wähle.

Privatleben soll Privatleben bleiben außer es sind
wirklich gravierende Gründe z.B.: schlägt seinen
Partner und seine Kinder, hat Familie und geht
regelmäßig ins Freudenhaus oder nimmt Drogen.

MFG

jumpingjack flash
27.10.2008 13:36

aber politiker stehen im öffentlichen interesse - und da ist es legitim auch übers privatleben zu erfahren - sollte der verdacht stimmen so wär das ja ehebruch gewesen- m.m. nach durchaus interessant - wie sich das aufs persönliche wahlverhalten auswirkt bleibt jedem selbst überlassen

Anna Chryso
09.11.2008 03:44
Und warum geht Sie der Ehebruch eines Menschen etwas an, mit dem Sie nicht verheiratet sind?

Diese Doppel- und Scheinmoral ist wirklich zum Kotzen.

Wenn man bedenkt, dass angeblich mehr als 50% aller Menschen einmal fremdgehen.

jumpingjack flash
09.11.2008 12:44

keine ahnung - ich denk das ist urmenschlich - wir beobachten unsere mitmenschen ganz genau.
nicht doppel/schein sonder einfach moral. bei uns menschen funkt das jeder mit jedem einfach nicht!
und wenn es wer tut dann fällt es auf, wird beobachtet - sogar sie sind aus neugier auf der seite hier "gelandet" - und wie ich vorweislich schrieb bleibt die wirkung aufs wahlverhalten offen - ein frauenheld kann bei bestimmten wählerInnen durchaus punkten.
ich weiss nicht woher sie die zahl haben - ich (kirchlich verheiratet) würd das nie im leben tun. gehen sie fremd?

Wynette-Stolz
28.10.2008 01:51
aber politiker stehen im öffentlichen interesse - und da ist es legitim auch übers privatleben zu erfahren - sollte der verdacht stimmen so wär das ja ehebruch gewesen- m.m. nach durchaus interessant - wie sich das aufs persönliche wahlverhalten ausw

Das habe ich mir ueber Bill Clinton auch gedacht!

Anna Chryso
09.11.2008 03:39
Und mich hat das bei Bill Clinton angewidert

Nicht Bill Clinton, sondern die amerikanische Öffentlichkeit, die sich daran aufgeilte und die Journalisten und die Opposition, die nicht locker ließen

Ich dachte mir damals, Gott sei Dank leben wir nicht in so einem scheinheiligen Staat.

jumpingjack flash
09.11.2008 12:46

und sie glauben nicht dass es bei uns auch aufruhr erzeugen würde wenn bekann wird dass ein politiker in seinem büro quasi während der amtszeit sex mit einem mitarbeiter hat?

hrdlicka
26.10.2008 15:08

eigentlich ein grosses drama. der schwule erfolgspolitiker, der sich nicht outen darf, der aber über die macht der veränderung verfügen würde,die er aber verlieren würde, wenn er verändern würde, der im katholischen mief österreichs leidet und nur hier groß werden konnte, der ehrlichkeit als leitwährung ausgibt ("einfach ehrlich.einfach jörg"), aber nicht ehrlich sein darf um öffentlich ehrlich bleiben zu können, der sich mit seinem doppelleben ins halbkoma saufen muss um eins zu bleiben, um dann genau zwischen schwulenbar und kleinbürgerlichen familienbild im wahrsten sinne auf der strecke zu bleiben.

Anna Chryso
09.11.2008 04:01
Haider hat sich nicht geoutet, aber er hat sich nicht versteckt.

In Kärnten gab es Gerüchte, aber die interessierten nicht weiter. Zumindest mich nicht.

Wenn er mit dem bekanntesten Gesicht Kärntens in Schwulenbars geht, würde ich das nicht "Verstecken" nennen.

Ich finde es abwegig, dass man ihm jetzt vorwirft, sich nicht geoutet zu haben. Warum sollte er?

Ich sehe auch nicht ein, dass ein heterosexueller Politiker über seine sexuellen Neigungen der Öffentlichkeit Bescheid gibt!! (Und noch weniger, dass man das erwartet)

Wynette-Stolz
28.10.2008 01:55

Nur eine Frage, "Jetzt ist er tot! Warum das Ganze in der Oeffentlichkeit aufwirbeln? Es kann ja Keiner mehr fuer oder gegen ihn waehlen. War da eine gewisse "Gefahr" diese Wahrheiten als er noch lebte hervorzubringen??? Oder tut man das weil er sich nicht mehr verteidigen kann?

Welch' Feigheit des Volkes!

jumpingjack flash
28.10.2008 09:35

das ist interesse - denken sie an die mumien, vetsera, mozert, lady di usw. - da wird bis heute geforscht, gemutmasst, untersucht. bei haider wirds ähnlich sein. derzeit stehen weitere obduktionen bevor, seine uhr wird gesucht, hat er im auto gsmst?
wenn die family die 2. obduktion veranlasst so ist das für mich ein kleines indiz dass es doch nicht zum alltag gehörte dass er betrunken auto fuhr.

Anna Chryso
09.11.2008 04:20
Der Alkoholspiegel ist auch etwas, das mich erstaunte

Als er Velden verließ, war er angeblich stocknüchtern.
Ich selbst kenne Leute, die übereinstimmend sagten, dass er dort gerademal an einem Glas genippt hatte.

Warum trinkt sich Haider in der letzten Stunde seines Lebens so voll? Wegen eines Streits mit Petzner? Doch nicht Haider!

Obwohl es eigentlich keinen Zweifel über die Promille gibt, verstehe ich die Zweifel der Familie.

jumpingjack flash
09.11.2008 12:52

hm, in meinem bekanntenkreis wird aufgrund einiger äusserungen drauf geschlossen dass petzner mit ihm schluss gemacht hat und wenn sich haider aus unglücklicher liebe dann betrunken hat (kommt ja öfters vor sowas) erscheint mir das durchaus plausibel.
wobei solange sich keiner dezitiert outet bleibt für mich alles spekulation - hat er männer geliebt? körperlich oder nur platonisch? - und letztlich ist alles schon schnee von gestern, der politiker ist genauso schnell in vergessenheit geraten wie viele andere - nur die presse wird das (jahrestag) halt noch einige zeit aufwärmen, ansonsten kräht kaum ein hahn nach der tragödie.

BobDuke
27.10.2008 09:39
Arthur Schnitzler

... hätte vielleicht ein Theaterstück daraus gemacht.

BobDuke
24.10.2008 20:53
Einige schreiben hier Haider hätte sich outen können, zu seiner Sexualität stehen.

Selbst er hätte es extrem schwer gefunden sein scheinbar ziemlich promiskuitives Liebesleben, seine populistischen Attacken, homophobe 'alte Getreue' und eingemahnte Familienloyalität unter einen Hut zu bringen.

Aber selbst wenn ein weltoffener verheirateter Politiker ähnliche Neigungen ähnlich ausleben würde: wie könnte er dazu öffentlich stehen ohne seine Ehe praktisch aufzugeben, ohne politische und auch persönliche Glaubwürdigkeit und Respekt zu verlieren?

Wie müßte eine Gesellschaft aussehen um solches Verhalten offen zu akzeptieren? An welchen Rollenbildern könnten sich Kinder orientieren? Erscheint ziemlich radikal.
Spricht vielleicht doch etwas für's 'Doppelleben'?

Frau Haider muß wohl ziemlich gelitten haben.

Sans Souci
26.10.2008 10:40
lieber ein ende mit schrecken, als schrecken ohne ende!

bei ihrem posting stellt es mir die haare auf! was sind denn das für aussagen?

eine scheinehe aufrecht zu halten ist natürlich besonders glaubwürdig und verdient unseren höchsten respekt? eine partnerin "in eine ehe zu zwingen", sie aus -ja was denn eigentlich-politischem kalkül, rücksicht auf die öffentliche meinung, rücksicht auf einige konservative wählerInnen oder doch eher feigheit und purem egoismus, davon abzuhalten in einer beziehung rundum glücklich zu werden, ist ja wirklich ein anstrebenswertes vorbild für kinder.

sich immer nur die rosinen raus zu picken ohne rücksicht auf verluste und das tat haider anscheinend nicht nur politisch sondern auch privat, ist einfach nur feige und rückgratlos und sonst schon gar nichts!

U. Henning
26.10.2008 02:22

Das glaube ich auch, dass die Frau Haider ziemlich gelitten haben muss, wenn sie ihn geliebt hat. Und dass, wenn's ein mächtiger Politiker drauf anlegt, wahrscheinlich unmöglich ist sich von ihm zu trennen ohne seine Zustimmung. Für die, die da jetzt nicht einen Schritt weiterdenken können: man kann davon ausgehen, dass der Mittel und Wege hat, seine Partnerin einzuschüchtern und zu boykottieren. Je mehr Geld und Macht, desto ernster kann man eine solche Drohung auch nehmen. Liebe Frauen, nur gleichmächtige Männer heiraten. Aber vielleicht war der Frau Haider das ja auch alles recht und sie haben sich als Wohnungskollegen betrachtet.

Ingrid Goeschl1
26.10.2008 16:05
Also, wie der Deal oder auch die Beziehung mit Frau Haider ausgesehen hat,

wissen wir alle nicht. Fakt ist, dass Haider ein sehr vermögender Mann war.

Wir wissen nicht darüber und es geht uns eigentlich auch nichts an.

jumpingjack flash
27.10.2008 13:40

wir wisen auch nix über seine homo/bisexualität.
aber interessant ist es für mich schon (falls die vermutungen stimmen) wie eine biedere tiefreligiöse claudia haider damit zurechtkam dass (annahme!) der ehemann spätabends von seinen männerbekanntschaften zur family nachhause kam.

Anna Chryso
26.10.2008 15:25
Was wissen Sie über Haiders Ehe?

Sie wissen NICHTS, aber alle glauben hier über Scheinehe, mögliche oder unmögliche Trennung, über Mittel und Wege der Einschüchterung, etc. Ihre unmaßgebliche Meinung wiedergeben zu müssen.

Wenn ich nichs weiß, schreibe ich nichts darüber.

Timagoras 
25.10.2008 17:35
"Spricht vielleicht doch etwas für's 'Doppelleben'?"


nein.

ich kenne etliche, die das praktiziert haben, und bei den meisten blieben am ende viele leidtragende (insbesondere ehefrauen und kinder, aber auch die "vortäuscher" selber) "auf der strecke".

das es (heute) auch anders geht, beweisen u.a. die bürgermeister von Berlin, Paris, Hamburg oder Bodenmais im Bayrischen Wald.

jumpingjack flash
27.10.2008 13:43

was sollen die echten bisexuellen tun?

John Howard, ein berühmter Menschenfreund
26.10.2008 17:50
ehefrau ist klar.

aber den "leidtragenden" kindern sollte vielleicht einer einmal stecken, daß sie sonst gar nicht auf der welt wären. und dem "leidtragenden" mann kann man sagen, daß er mit seinem "leiden" immerhin seinen beitrag zum fortbestand der gesellschaft geleistet hat.
aber ich weiß schon , karriere und viel geld machen, um es für einen hedonistischen lebensstil zu verbraten, somit geld in die wirtschaft und staatskasse ist in ihren augen gleich viel wert wie das aufziehen von kindern. muß daher auch unbedingt staatlich anerkannt und gefördert werden, so ein lebensstil. schon klar.

Ingrid Goeschl1
25.10.2008 10:30
Ich denk mir letzten Endes ist das doch eine Privatangelegenheit,

Heterosexuelle sind ja auch nicht verpflichtet, ihre sexuellen Präferenzen zu veröffentlichen.

Klar ist es bewundernswert, wenn sich jemand outet, aber angesichts der doch nicht wenigen damit verbundenen Probleme und persönlichen Verletzlichkeiten denke ich, dass man das jedem selbst überlassen muss.

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