Heftiges Gezerre an den Rollläden

27. Februar 2003, 14:09
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Handelsverband und Wiens SP-Stadtrat Rieder für Ausweitung der Öffnungs-Zeiten - OÖ. Landeschef Pühringer und Gewerkschaft winken ab

Wien - Im Vorfeld der Regierungsbildung ist die Diskussion um die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten in Österreich neu entbrannt. Während Wiens Finanz- und Wirtschaftsstadtrat Sepp Rieder (S) und der Handelsverband ihre Forderungen nach einer Ausweitung der Ladenöffnungszeiten erneuerten, haben sich am Donnerstag Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer, die Handelsgewerkschaft, der Wirtschaftsverband Wien und der Schuhandel gegen eine weitgehende Öffnung ausgesprochen.

Brief an Schüssel

Für Rieder sind durch die geplanten Ladenöffnungsregeln die Anforderungen an Tourismus-Regionen wie Wien "nicht befriedigt". Was nun geführt werde, sei eine generelle Debatte. "Davon losgelöst besteht jedoch die Frage, was am Wochenende passiert", so Rieder - der sich bereits wiederholt für eine Sonntagsöffnung ausgesprochen hat.

Der Handelsverband, der Verband der Mittel- und Großunternehmen im heimischen Einzelhandel, hat in einem offenen Brief an Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V), Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl seine Forderung nach einer Ausweitung von 66 auf 72 Stunden und am Samstag bis 18 Uhr erneuert. Außerdem sollten die Schwarz/Weiß-Regelung an Samstagen (Verkäufer dürfen demnach nur jeden zweiten Samstagnachmittag arbeiten) und die Abend-Zuschläge aufgehoben werden, so der Handelsverband.

Maßgeschneiderte Lösungen

Gegen eine Änderung der Ladenöffnungszeiten in Oberösterreich hat sich heute Pühringer ausgesprochen. Er sehe keinen Bedarf, die derzeitige Regelung zu erweitern. "Anlassbezogene, kurzfristig maßgeschneiderte Lösungen" - beispielsweise bei besonderen Ereignissen in Gemeinden - werde es aber selbstverständlich auch in Zukunft geben, unterstrich Pühringer.

Widerstand meldeten wieder die Gewerkschaften an: Erweiterte Ladenöffnungszeiten würden auf Kosten der Arbeiter im Handel gehen, so die Gewerkschaft Gewerkschaft Handel, Transport, Verkehr (HTV) heute in einer Pressemitteilung. Entsprechende Kinderbetreuungseinrichtungen würden schon heute fehlen. Durch längere Öffnungszeiten am Abend komme es nur zu einer Umsatzverteilung. Verlängerte Öffnungszeiten würden auch das Kaufverhalten jener Österreicher, die im Ausland einkaufen, nicht verändern, da diese wegen "erhoffter Preisvorteile" in die Nachbarländer fahren würden.

Weniger, weniger, weniger

Eine Ausweitung auf 72 Stunden, die laut Plan im Ermessen der Länder läge, würde eine "weitere Umsatzverteilung von den Kleinen zu den Großen" und damit "weniger Nahversorgung, weniger Ausbildungsplätze, weniger Lebensqualität, mehr Arbeitslose und weniger Auswahl für die Konsumenten" bedeuten, meint der Präsident des Wirtschaftsverbandes Wien, Fritz Strobl. Die Umsätze seien nicht beliebig vermehrbar.

Eine weitgehende Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten würde für die Einzel- und Kleinbetriebe "eine zwangsweise, unerwünschte geschäftliche Sterbehilfe" bedeuten, nachdem in Österreich in den letzten Jahren versäumt worden sei, ein taugliches Raumordnungsgesetz zu erstellen, meint auch der Bundesgremialobmann des Schuhhandels, Karl Novak, der sich für eine Ausweitung der Öffnungszeiten von Montag bis Freitag nur bis 20 Uhr und an Samstagen bis 18 Uhr ausspricht.

Bei einer Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten müssten die Interessen der Handelsangestellten gewahrt bleiben, forderte heute der Salzburger RFW-Landesobmann Helmut Haigermoser. Bei einer Ausdehnung der Wochenstunden von 66 auf 72 müsste weiterhin 19.30 Uhr abends als "Deadline" gelten, morgens könnten die Geschäfte dann bereits ab 5 Uhr offen halten. (APA)

  • Mittendrin statt nur davor: Die Forderungen nach Liberalisierung der Ladenöffnungs-Zeiten werden immer lauter.
    montage: derstandard.at

    Mittendrin statt nur davor: Die Forderungen nach Liberalisierung der Ladenöffnungs-Zeiten werden immer lauter.

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