von Linda Reiter

20. März 2003, 14:27
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Mein Sohn (23) droht mit rechtlichen Schritten, wenn ich noch einmal über ihn und seine Steherqualitäten im Daheimwohnen schreibe. - Ich riskiere es trotzdem. Ich meine: Wenn er sich einen Anwalt nimmt, dann kann er auch gleich zu ihm ziehen, nicht wahr. Anwälte wohnen ja oft sehr komfortabel und sind obendrein nie zu Hause, damit sie sich's finanzieren können. Danke übrigens für die viele Post zum Thema "Heimschläfer bis 50". Schön, dass wir in diesen Zeiten noch solche Sorgen haben können.

Frau Elisabeth etwa erzählt: Mit wachsendem Unbehagen lese ich von den Erfahrungen mit "friedlichen Hausbesetzern". "Mein Sohn ist sechs, und jede seiner Selbständigkeitsanwandlungen erfüllte mich mit Stolz und Vorfreude. Bis er mir vor circa zwei Wochen erklärte, er wolle nun seinen eigenen Kühlschrank haben, in dem er seine eigene Wurst, sein privates Marmeladeglas und sein höchstpersönliches Milchpackerl lagern könne. Ich sagte nein. Für zwei Personen im Haushalt müsse wohl ein Kühlschrank genügen, denke ich. Nachdem ich jedoch bereits an mehreren Freitagen von den Leiden geplagter Familienwohngemeinschaftseltern gelesen habe, frage ich mich: Ist mein Schicksal schon besiegelt, weil ich nur die Fächer im Kühlschrank zwischen uns aufgeteilt habe?"

Liebe Frau Elisabeth, im Gegenteil. Das ist genau unser fataler Irrtum von der Selbständigkeit der Kinder. Sie hätten zu ihrem Sechsjährigen sagen müssen: "Junger Freund, ich liebe dich, aber das ist mein Kühlschrank! Ich habe ihn gekauft! Und es kommen die Sachen hinein, die ich für (dich als) gut und gesund ansehe und die im Sonderangebot sind. Wenn du deinen eigenen Kühlschrank für deine eigenen Wurstis haben willst, musst du dir einen kaufen. Wenn du noch zu klein dafür bist, dann musst du eben größer werden und Geld verdienen." - Heute weiß ich: So erzieht man selbständige Kinder. Nur ja nichts freiwillig hergeben. Ich hätte an Ihrer Stelle nicht einmal die Fächer aufgeteilt. Sonst geht es Ihnen einmal so wie mir und meinem 23-Jährigen: Mir gehört der Kühlschrank, meinem Sohn der von mir finanzierte Inhalt. Und er fühlt sich dabei auch noch selbständig.


Freundlichst, Linda.Reiter (Der Standard/rondo/21/03/2003)

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