"Der Tod von Lady Di war ein Klacks dagegen"

23. Oktober 2008, 17:17
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Ehemaliger Grünen-Chef Alexander Van der Bellen sagt im Interview, warum er gegen FPÖ-Mann Graf kandidiert

STANDARD: Sie treten gegen den freiheitlichen Burschenschafter Martin Graf als Kandidat für den Dritten Nationalratspräsidenten an. Ein rein symbolischer Akt oder rechnen Sie sich tatsächlich Chancen aus?

Van der Bellen: Es gibt Dinge, die tut man, ohne die Chancen zu kalkulieren. Die Olympia, der Graf angehört, ist eine Burschenschaft, die regelmäßig Politiker und Sänger einlädt, die man mit Fug und Recht als Neonazis bezeichnen kann. Bisher hat Graf zu seinem "Lebensbund" nur Pseudodistanzierungen abgegeben, die nichts wert sind. Deswegen geben wir SPÖ und ÖVP das Signal: Ihr müsst ihn nicht wählen, wenn Ihr ihn nicht wollt.

STANDARD: : Die FPÖ ist nun drittstärkste Kraft im Parlament. Glauben Sie ernsthaft, dass SPÖ und ÖVP die Usancen brechen, und Sie viele Stimmen einheimsen werden?

Van der Bellen: Es gab schon einmal den Fall, dass der erste Vorschlag einer Partei nicht akzeptiert wurde: Statt dem FPÖler Herbert Haupt wurde 1996 Wilhelm Brauneder Dritter Nationalratspräsident. Und 2006 war es gerade die FPÖ, die die Usance gebrochen hat, als sie erklärte, sie akzeptieren uns als dritte Kraft und damit Eva Glawischnig als dritte Präsidentin. Was war dann bei der geheimen Abstimmung? Zwanzig Stimmen für Barbara Rosenkranz! Von wem sind die wohl gekommen?

STANDARD:  Dennoch: ÖVP-Obmann Josef Pröll will bisher "keinen Beweis" dafür bekommen haben, dass Graf nicht wählbar sei - was als Empfehlung für seinen Klub gedeutet werden kann.

Van der Bellen: Ein Armutszeugnis für den künftigen Vizekanzler. Das Vorbeischrammen am Verbotsgesetz ist für einen Dritten Nationalratspräsidenten nicht vertretbar - und das sollte auch Pröll sehen.


STANDARD: : Was, wenn die FPÖ noch einen anderen Kandidaten präsentiert: Wäre der für Grün wählbar?


Van der Bellen: Darüber werde ich jetzt sicher nicht spekulieren. Jetzt ist Graf ihr Kandidat.

STANDARD:  Im wahrscheinlichsten Fall werden Sie nicht gewählt. Was ist Ihre neue Rolle im grünen Klub?

Van der Bellen: Darüber denke ich naturgemäß viel nach. Ich habe mir überlegt, dass ich mich auf internationale Entwicklungen konzentrieren werde - auch um dem grassierenden Provinzialismus in Österreich entgegenzuwirken. Ob Finanzmarktkrise oder Klimaschutz: Ich möchte mir ansehen, welche Lösungen andere Staaten dafür haben.

STANDARD:  Wollen Sie den außenpolitischer Sprecher übernehmen?

Van der Bellen: Nein, das ist und bleibt Ulrike Lunacek.

STANDARD:  Sie sind nach Ihrem Abtritt als Parteichef drei Wochen lang abgetaucht. Fällt man da plötzlich in ein Loch?

Van der Bellen: Natürlich hat es Trennungsschmerzen gegeben.

STANDARD:  Wie schaut nun Ihr Tag als einfacher Abgeordneter aus?

Van der Bellen: Heute Nacht etwa bin ich vor dem Fernseher versumpft, weil ich mir den Paten I und II angesehen habe, schöne sentimentale Mafiafilme. Aber, ach, das habe ich früher doch auch gemacht! Also: Termine gibt‘s genug, nur nicht mit Journalisten seit meinem Rücktritt.

STANDARD:  Was Sie aber nicht stört.

Van der Bellen: Sie sagen es.

STANDARD:  Für die Geschichtsschreibung: Wann habenSie für sich entschieden, dass Sie gehen?

Van der Bellen: Schon am Wahlsonntag. Trotzdem fragt man sich:Wann ist der richtige Zeitpunkt? Und da habe ich mir gedacht, amFreitag ist Bundesvorstand, also wann, wenn nicht dann?

STANDARD:  Eva Glawischnig tritt ein schweres Erbe an: Sie muss sich als neue Parteichefin etablieren, dazu die innerparteilichenReformen vorantreiben. War Ihr Abgang nicht überhastet?

Van der Bellen:Es stimmt, dass Eva Glawischnig schwierige Aufgaben übernommen hat. Aber sie wird das ausgezeichnet machen. Ist ein Parteichef kurz vor der Ablöse der Richtige, um bestimmte Reformen zu machen? Nein, das ist er nicht.

STANDARD:  Werden Sie wie Wolfgang Schüssel im Hintergrund noch die Fäden ziehen?

Van der Bellen: Nein. Es gibt auch bei uns Beispiele für die Muppet-Show, für jene Altgedienten, die stets vom Balkon runterkeppeln.

STANDARD: Ist das jetzt eine Spitze gegen Ihren Mann in Brüssel?
Van der Bellen: Schreiben Sie: "Er schweigt."

STANDARD:  Zum Tod Jörg Haiders: Was bedeutet das für Österreich?

Van der Bellen:Kärnten ist schon ein ganz spezieller Fall. Wenn man Massenpsychologe wäre, gäbe es dort ein prächtiges Gebiet für Feldforschungen. Der Tod von Lady Di war ja ein Klacks dagegen. Als ich von Haiders Unfall erfahren habe, war ich geschockt - obwohl wir in fast keinen Punkt einer Auffassung waren, außer dass es eine Sauerei ist, wie sich Rot und Schwarz das Land aufgeteilt haben. Er war so ein Energiebündel, so ein lebendiger Mensch. Da kann ich verstehen, dass vieleAnhänger das Gefühl haben, da fehlt einem etwas.

STANDARD:  Glauben Sie, dass sich die politische Kultur im Land nun ändern wird?

Van der Bellen: Wieso sollte das so sein? Schauen Sie sich den Herrn Graf an! Haider war zwar im Wahlkampf für seine Verhältnisse zurückhaltend, aber er hat sich ja schon hundert Mal gewandelt. Nach drei Wochen war oft wieder alles anders. Und schauen Sie sich die Regierungsverhandlungen an: Was haben wir Grüne uns 2003 unter Zeitdruck setzen lassen! Nach 14 Tagen Gesprächen waren wir völlig fertig. Und SPÖ und ÖVP? Setzen sich vier Wochen nach der Wahl einmal auf einen Kaffee zusammen, nach dem Motto: "Vielleicht sind wir vor Weihnachten fertig, vielleicht auch nicht."Mag die Welt in Trümmer gehen, Stichwort Finanzkrise, die haben Zeit.

STANDARD:  Und was bleibt von der Ära Van der Bellen?

Van der Bellen: Das müssen Sie beurteilen. Dazu verweigere ich jede Aussage. (Peter Mayr, Nina Weißensteiner/DER STANDARD-Printausgabe, 24. Oktober 2008)

  • Van der Bellen über seine Zukunft: "Ich habe mir überlegt, dass ich mich auf internationale Entwicklungen konzentriere - auch um dem grassierenden Provinzialismus in Österreich entegegenzuwirken."
    foto: standard/urban

    Van der Bellen über seine Zukunft: "Ich habe mir überlegt, dass ich mich auf internationale Entwicklungen konzentriere - auch um dem grassierenden Provinzialismus in Österreich entegegenzuwirken."

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