Weltmusik für eine Stadt: "London Undersound"

23. Oktober 2008, 17:00
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Nitin Sawhney bündelt den Klang Londons unter dem Eindruck einer vom Terror veränderten Atmosphäre

Die Days Of Fire, so der Titel der Eröffnungsnummer, sie sind nicht vorbei. Mit der Explosion dreier U-Bahn-Züge und eines Busses am 7. Juli 2005 beginnt die Genese des Albums London Undersound von Nitin Sawhney. Gastsänger Natty beschreibt in einem feingliedrigen Folk-Pop-Track diesen Morgen zu Beginn des Albums. Sawhney sah den Bus explodieren. Das änderte nicht nur sein Leben, es veränderte das ganze Land, insbesondere London. Jene Stadt, in der er 1964 geboren wurde, die zu ihm, dem Kind von Einwanderern aus Indien, aber nicht nur gut war. "Schokogesicht" wurde er in der Schule gerufen. Er flüchtete sich in die Musik, in der der Verschiedenheit, der Pluralität nicht mit Ressentiments, sondern mit Offenheit begegnet wurde.

Seit den Bombenattentaten ist alles schlimmer geworden. Diese Veränderungen sind der rote Faden durch Sawhneys Album. Der Multiinstrumentalist, Produzent und DJ mit einer Vergangenheit im James Taylor Quartett oder im Jazz montierte dafür Musik zusammen, die London als Melting Pot abbildet: Bollywood, pakistanische Volksmusik, Soul, Ambient, Pop, Rap, Balladen, Dancefloor. Sawhney schafft eine wunderbare Weltmusik für eine Stadt im Umbruch. Er selbst zieht dabei im Hintergrund die Fäden. Die Stars des Albums sind seine Gäste - ohne Sawhneys Zutun geringschätzen zu wollen. Im Gegenteil: Es gehört Größe dazu, sich so zurückzunehmen.

Zu den Gästen zählen die wenig bekannte Soulsängerin Tina Grace, die in der verwischten Drum-'n'-Bass-Ballade Transmission "shelter from the rain" erbittet. Eine einfache Metapher für Schutzbedürfnis. Die Frage ist nur: Vor wem eigentlich? Paul McCartney erhebt im anrührenden My Soul die Stimme und liefert damit sein bestes Stück Musik seit zirka hundert Jahren ab. Auch er, diese ältliche Pop-Prinzessin, die längst in die Lächerlichkeit abgedriftet ist, spürt denselben Verlust wie Sawhney. Wahr oder nicht: In My Soul klingt er zumindestens so, als würde er so fühlen. Ein frühes Highlight des Albums.

Unterbrochen wird London Undersound von Ambientstücken. Kleine Interludes mit Stadtgeräuschen, kurzen atmosphärischen Ausflügen in Biografien und Seitenstraßen. Der Undersound zeigt sich noch in diesen kleinsten Mosaikstücken. Gegen Ende wird London Undersound ein bisserl ätherisch. Es überwiegen Ethno-Klänge, die zwar stellenweise in modernen Dancefloor überführt werden, es darf aber auch Norah Jones' Stiefschwester ans Gerät: Anoushka Shankar, Tochter von Ravi Shankar, spielt in Charu Keshi Rain ihre Sitar. Das muss man mögen.
(Karl Fluch/ DER STANDARD, Printausgabe, 24.10.2008)

 

Nitin Sawhney: London Undersound (Edel)

  • Nitin Sawhney
    foto: edel

    Nitin Sawhney

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