"Die Mitte wird zerquetscht. Wir sind die Spitze."

24. Oktober 2008, 19:01
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Markus Langes-Swarovski erklärt im STANDARD-Interview, wie die Wattener den Luxus demokratisiert haben und wo aus Schwänen Hühner werden

Markus Langes-Swarovski, der André Heller der Industrie und Konzernsprecher von Swarovski, schließt Kündigungen nicht aus. Wie die Wattener den Luxus demokratisiert haben und wo aus Schwänen Hühner werden, zauberte er Renate Graber vor.

STANDARD: Sie wären gerne Universaldilettant geworden. Was würden Sie denn da können?

Langes-Swarovski: Früher war es ein Kompliment, Universaldilettant zu sein, Ende des 19. Jahrhunderts waren diese Menschen, die sich breit interessieren und von allem ein bisschen was wissen, sehr angesehen. In der Zeit der Industrialisierung erst wurde das zum Schimpfwort. Aber gerade für einen Betrieb wie Swarovski, wo Kristall so kontextfreudig ist, und ich diese Kontextfreude so genieße, passt das ja.

STANDARD: Sie sind Konzernsprecher und für die Marke Swarovski-Kristall zuständig, als solcher doch eher Spezialist?

Langes-Swarovski: Ich bin ein neugigieriger Mensch, der sich für sehr sehr viele unterschiedlichen Themen interessiert. Ob ich ein Spezialist bin? Weiß ich nicht.

STANDARD: Was können Sie am wenigsten?

Langes-Swarovski: Aufhören neugierig zu sein. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich wo am Ende wäre, Dinge zu Ende gedacht hätte. Ich bin immer neugierig, unruhig.

STANDARD: Unangenehm.

Langes-Swarovski: Nein, das ist eine angenehme Unruhe.

STANDARD: Auf den Finanzmärkten herrscht unangenehme Unruhe, fürchten Sie die Folgen? In Wattens müssen heuer 700 Leute gehen.

Langes-Swarovski: Die Auswirkungen werden kommen. Grundsätzlich sind Krisen heilsam, auch diese wird systemimmanente Fehler ausbessern. Da gab es einige wenige, die das System ausgenutzt und zu komplex gemacht haben und irgendwann hat es sie überrannt. Die Bewältigung der Folgen wird 2009 sicher anspruchsvoll für uns werden. Aber wir sind sehr guter Dinge, dass es 2010 bergauf geht.

STANDARD: Swarovski macht mit 22.500 Mitarbeitern rund 2,5 Mrd. Euro Umsatz, ist immer noch eine Personengesellschaft mit rund 60 Gesellschaftern, die Familie besteht aus 150 Leuten, die Entscheidungen müssen durch Ihren sechsköpfigen Familienbeirat. In Österreich haben Sie drei KGs mit neun persönlich haftenden Gesellschaftern; Sie sind einer davon. Noch immer nicht Zeit für den Umbau in eine Kapitalgesellschaft?

Langes-Swarovski: Sicher sind wir mit unserer Struktur nicht so agil wie andere, Entscheidungsfluss und Umsetzung sind oft dickflüssiger. Aber wir haben stets den Überblick, wissen früh, was zu tun ist. Der scheinbare Nachteil der Dickflüssigkeit wird durch frühes Handeln kompensiert, zumal wir den Luxus haben, finanziell autonom zu sein. Die Eigenkapitalbasis ist gut.

STANDARD: Wenn Sie so früh Bescheid wissen, warum mussten Sie dann heuer schon zum dritten Mal Jobabbau ankündigen? Ihre Konkurrenz in Ägypten und Fernost produziert um Häuser billiger.

Langes-Swarovski: Wir haben die Entwicklung im Schmuckstein-Bereich, in dem wir ruinösem Wettbewerb ausgesetzt sind, zu optimistisch gesehen. Wir müssen unser Produktionsniveau anpassen.

STANDARD: Wie wollen Sie sich gegen die Billigkonkurrenz wappnen?

Langes-Swarovski: Mit unserer Qualität. Es gibt die Billigkomponenten aus Fernost und Ägypten und anspruchsvolle Produkte, die kommen aus Österreich – und nur von uns. Die Mitte geht verloren, wird zerquetscht. Wir sind die Spitze.

STANDARD: Das wird Ihnen in Wattens nichts nützen, wenn die Chinesen deutlich billiger produzieren.

Langes-Swarovski: In manchen Segmenten müssen wir Maßnahmen setzen, wenn wir dort mitspielen möchten. Wir werden bis Mitte 2010 prüfen, ob wir in dem Billig-Segment Chancen haben. Wenn ja, dann müssen wir das in Billiglohnländern produzieren.

STANDARD: Wattens: überflüssig?

Langes-Swarovski: Nein, Wattens behält seine Bedeutung, weil wir den Kern unseres Geschäfts weiterhin im Premiumbereich sehen.

STANDARD: Die zwei Glasbullen da hinter Ihnen, sind die ein Zeichen dafür, dass die fünfte Swarovski-Generation an die Börse denkt?

Langes-Swarovski: Nein. Wir sind sicher: Wir bleiben ein Familienunternehmen, egal in welcher Rechtsform, die ist nur Verpackung. Wir arbeiten an der Corporate Governance, müssen dabei drei Systeme mit unterschiedlichen Zielen unter einen Hut bringen: Unternehmen, Familie, Vermögen.

STANDARD: Sie erfinden gerne Worte, sagen, "die energetisch aufgeladene Marke strahlt auf unser Kerngeschäft zurück". Was heißt das?

Langes-Swarovski: Dass die Marke Swarovski nicht nur verkaufsfördernd ist, sondern viel mehr kann. Sie inspiriert, schenkt einer weltweiten Swarovski-Familie Heimat, die Emotion im Kern tut auch unserer Seele gut. Ob es da um Erlebnisse geht, die man käuflich erwirbt, oder ob man mit Produkten in Berührung kommt, die unter dieser Philosophie entstanden sind, mag unwichtig scheinen – aber ich finde, dass es weltverbessernd ist.

STANDARD: Ihre Poesie endet aber, wenn Sie über 2008 ff sprechen, da reden Sie von Effizienzsteigerung und Kapazitätsanpassung. Zeit fürs Krisenvokabular? Die "FAZ" schrieb vom "Poeten in der Krise".

Langes-Swarovski: Ich sehe keine Krise, wir gehen sportlicheren Zeiten entgegen. Eine Krise ist es vermutlich für die Region Wattens und die Leute, die gehen mussten und noch gehen werden müssen, die haben auch unsere volle Empathie. Was die Poesie betrifft: Wir sehen das als Poesie der Präzision, dieses Oxymoron: Sprachmacht und Zahl müssen jederzeit zusammenwirken, nie darf das Wort unter den Tisch fallen und sich die Zahl dominant aufplustern, so wie es klingen mag, wenn wir über Kapazitätsanpassungen reden - eines der unerotischsten Worte überhaupt.

STANDARD: An welche Kapazitätsanpassungen – ich kann das Wort kaum aussprechen – denken Sie?

Langes-Swarovski: Lassen Sie uns ein anderes Wort erfinden.

STANDARD: Mir fällt Kündigung ein, aber ich bin ja kein Poet.

Langes-Swarovski: Bisher hat der natürliche Abbau gereicht. Wenn wir aber auf 2009 blicken und weltweit evaluieren, was, wo, wie, wann zu produzieren ist, dann kann es zu weiteren Anpassungen kommen. Wir werden wieder alles versuchen, das so sozial wie möglich umzusetzen. Zumal sich die Lage am Arbeitsmarkt verschärft.

STANDARD: Es heißt, Swarovski werde am 1. November fast alle 4000 Tiroler Kristall-Mitarbeiter zur Kündigung anmelden. Stimmt das?

Langes-Swarovski: Das stimmt nicht. Wir agieren anders als börsenotierte Unternehmen. Die kündigen Jobabbau an, der Aktienkurs steigt, die Investoren sind beeindruckt. Swarovski als Familienunternehmen hat dagegen den Luxus, rein Mitarbeiter-orientiert zu agieren, wir müssen keinem Anleger gefallen. Auch wenn das komisch klingt: Das ist sozialer Luxus.

STANDARD: Kündigung soll sozialer Luxus sein?

Langes-Swarovski: Nein. Dass wir uns die Mühe machen können, auf die Mitarbeiter Rücksicht zu nehmen.

STANDARD: Swarovski hatte schon Ende der 50er-Jahre, 1974 und 1991 heftige Krisen – welche war die härteste?

Langes-Swarovski: Die Mitte der 70er-Jahre, da musste die Hälfte der Leute gehen, sie wurden dann aber wieder eingestellt.

STANDARD: Damals hat Ihre Bank, die Creditanstalt unter Heinrich Treichl gemeinsam mit dem Gesellschaftsrechtler Walther Kastner, auf dem Papier bereits eine Aktiengesellschaft gegründet. Es gab sogar schon ein Schattenkabinett, fast hätte Sie die Kapitalgesellschaft damals erwischt.

Langes-Swarovski: Stimmt, die waren schon im Haus. Aber dann sind die Aufträge wieder voll angesprungen, zum Glück. Sonst gäbe es uns heute vielleicht nicht mehr.

STANDARD: Schreiben Sie Verluste?

Langes-Swarovski: Nein, aber unser Ergebnis wird heuer um 30 bis 40 Prozent sinken.

STANDARD: Ihr Gewinn in Euro?

Langes-Swarovski: Sie wissen, dass wir das nicht veröffentlichen.

STANDARD: Sie gelten als leutselig und nett, sind Sie der Richtige für die Krise?

Langes-Swarovski: Krise gibt es keine, und ich bin ja nicht der einzige Manager hier. Und selbst wenn Anpassungen nötig sind: Man muss sie ja nicht unsympathisch machen. Und wir haben ja auch schöne Pläne: unser Kristallwelten-ähnliches Gebäude in Wien, unser Parfum...

STANDARD: Sicher können Sie den Duft trefflich beschreiben...

Langes-Swarovski: Nicht, wie er riecht, aber wie er sich verhält: ein sehr sensuelles Erlebnis. Ein Duft, der nicht sofort verduftet, sondern sich unter der Haut festsetzt.

STANDARD: Apropos verduftet, warum haben Sie Swarovskis Markenzeichen Edelweiß, das Asiaten für einen Seestern hielten, gerade gegen einen Schwan getauscht?

Langes-Swarovski: Das war in Australien. Dafür hält man den Schwan in Asien für ein Huhn.

STANDARD: Der Schwan steht also nicht für Swarovskis Schwanengesang.

Langes-Swarovski: Weil der Schwanengesang etwas Trauriges ist?

STANDARD: In der Mythologie kommt dieser Gesang vor dem Sterben.

Langes-Swarovski: Nein, nein, Swarovski schwant Glück und Schönes.

STANDARD: Glauben Sie wirklich, dass Ihr Ururgroßvater, Konzerngründer Daniel, "den Luxus demokratisiert hat"? Sie machen doch nur Glassteine.

Langes-Swarovski: So kann man es auch definieren. Ich sagte übrigens: Er hat die Pretiosen aus dem Sperrbezirk der Aristokratie entführt und dadurch Luxus demokratisiert.

STANDARD: Was ist Luxus?

Langes-Swarovski: Wir hier haben einen Luxusbegriff geschaffen, der vom Materiellen zum Erlebbaren geht, der nicht exklusiv, sondern inklusiv ist.

STANDARD: Was heißt das?

Langes-Swarovski: Luxusgüter leben von Verknappung, unser Luxus ist mehrstufig, schließt auch Eliten nicht aus: Luxus für ausnahmslos alle. Ist doch charmant.

STANDARD: Ihre Luster kosten charmante 30.000 Euro – aufwärts.

Langes-Swarovski: Eben, wir haben auch Luxus für Eliten. Aber wir produzieren mit der gleichen Liebe, Sorgfalt und Demut auch Produkte für 30 Euro, etwa unseren Schlüsselanhänger.

STANDARD: Man darf zwar nicht in die Fabrik, aber dass da die Fließbandarbeiter mit Demut und Liebe sechs Tonnen Glassteinchen und Viecherl herstellen pro Tag, glaube ich nicht.

Langes-Swarovski: Wir haben keine Fließbänder, bei uns herrscht Werkstatt-Atmosphäre. Weltweit geben wir zu unseren Produkten Liebe dazu.

STANDARD: Ihnen gehören 0,16 Prozent von Swarovski, was ist Ihr Luxus, abgesehen vom Aston Martin? Wie legen Sie Ihr Geld an?

Langes-Swarovski: Den Aston Martin hab ich nicht mehr, stand zu oft in der Werkstatt. Ich habe jetzt ein Familienauto. Mein Geld? Ich geb's immer gleich aus. Naja, jedenfalls liegt es nicht bei Banken. Und ich bin Häuslbauer, das nimmt viel in Anspruch. Luxus ist mir, was der Seele gut tut: Freiheitsgefühl, Familie, Freunde.

STANDARD: Ihre Cousine Fiona hat jüngst den Spar-Tipp gegeben, Gemüse auf der Terrasse anzubauen.

Langes-Swarovski: In manchen Szenen kann so etwas durchaus ein relevanter Tipp sein. Im Ernst: Es war gut von ihr gemeint.

STANDARD: Sie hatten auch einen originellen Großonkel, Daniel Swarovski, den Zweiten. Er war beim Geheimbund der Gralsritter, hat sich mit Elfen beschäftigt, Erfindungen gemacht...

Langes-Swarovski: Ich habe ihn auch sehr gern gemocht, er war ein faszinierender Mensch. Aber nicht skurril, sondern extrem neugierig in unterschiedlichsten Disziplinen.

STANDARD: Sie wollen dafür "die Welt zu einem besseren Platz machen". Wie denn?

Langes-Swarovski: Ja, das würde ich gern. Ich will, dass unsere Produkte zum Antiaging für die Seele werden.

STANDARD: Passt zur letzten Frage: Worum geht's im Leben?

Langes-Swarovski: So lange ich hier im Leben stehe, möchte ich alles daran setzen, dass niemand leiden muss, wenn ich einmal weg bin. (Langfassung des Interviews; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.10.2008)

Zur Person

Markus Langes-Swarovski (34) ist der Ururenkel von Daniel Swarovski, der den Kristallkonzern 1895 im Tiroler Wattens gegründet hat. Seit 2002 ist der wortverliebte Oscar-Wilde-Fan Konzernsprecher, folgte seinem Vater, Gernot Langes-S. (mit 17 Prozent größter Gesellschafter). "Chef Markus" hat in München Kunst, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften studiert. Der Vater zweier Kinder ist in der Geschäftsführung des Kristallbereichs, der 1,9 Mrd. Euro umsetzt.

  • Markus Langes-Swarovski: "Luxusgüter leben von Verknappung, unser Luxus ist mehrstufig, schließt auch Eliten nicht aus: Luxus für ausnahmslos alle. Ist doch charmant."
    foto: standard/andreas fischer

    Markus Langes-Swarovski: "Luxusgüter leben von Verknappung, unser Luxus ist mehrstufig, schließt auch Eliten nicht aus: Luxus für ausnahmslos alle. Ist doch charmant."

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