Elfriede Mejchar - Die Chronistin der Randbereiche

23. Oktober 2008, 09:21
posten

Von den Ziegelwerken am Wienerberg bis zur Fabriksruine in Oberla - Das Wien Museum zeigt wie sehr sich Wiens Peripherie verändert hat

Wien - "Mich interessiert nicht so sehr, wie die Menschen ausschauen, sondern viel mehr, was sie tun und was sie zurücklassen", sagt Elfriede Mejchar. Gut dreißig Jahre lang arbeitete die Fotografin, die kaum Menschen abbildet, für das Bundesdenkmalamt. Außerhalb der Dienstzeiten schnallte sich die heute 84-Jährige Kamera und Stativ um, um stundenlang durch Wiens Peripherie zu streifen. "Jene Gegend, wo Stadt und Land zusammenstoßen, hat mich immer am meisten interessiert", sagt die im Mostviertel geborene Künstlerin.

Gstätten

Ein Teil der bei diesen Randerkundungen entstandenen Bildern sind jetzt im Wien Museum zu sehen. Die Stadtlandschaften, die Mejchar in den Sechzigern und Siebzigern festhielt, veränderten sich in den darauffolgenden Jahren massiv. Das Gelände der alten Ziegelofenfabrik am Wienerberg zum Beispiel, das Mejchar Ende der 1970er-Jahre durchkämmte, hatte kurz davor die Stadt Wien gekauft, um dort ein neues Arbeits- und Wohnviertel hochzuziehen. Heute umfasst die moderne Vorstadt am Südrand neben einem Grundwassersee eine Reihe von Hochhäusern und einen Golfplatz. Die Simmeringer Haide, die Mejchar Ende der Sechziger noch als Gstätten mit ein paar kleinen Gärtnereibetrieben vorfand, ist inzwischen zu einem Gutteil Wohnsiedlungen, verschiedenen Entsorgungsbetrieben und Park&Ride-Anlagen gewichen.

Roter Faden Peripherie

"Das Thema südliche Peripherie zieht sich wie ein roter Faden durch das vielseitige und umfangreiche Werk von Elfriede Mejchar durch", sagt Kuratorin Lisa Wögenstein. "Ihre Bildsprache ist die Verbindung nüchterner Protokollierung mit dramatischer Geste."

Der Ausstellung, die in einem Sonderausstellungsraum des Wien Museums im zweiten Stock untergebracht und im Rahmen des Monats der Fotografie entstanden ist, widmet man sich am besten in zwei Durchgängen: Zuerst die nach Ort und Entstehungszeitraum gereihten Bilder an den Wänden - vom Erdberger Mais 1967 bis zur Chemiefabrik Victor Adler in Oberlaa 1989. Dann die diversen Begleittexte in der Mitte des Raums. Wo nicht nur alle einschneidenden Veränderungen der einzelnen Stadtlandschaften nacherzählt, sondern mittels Satellitenbild auch die Erkundungsorte der Fotografin festgemacht werden. In der jüngsten Serie von Mejchar, die das Wien Museum zeigt, sind übrigens, gegen die Gepflogenheiten der Künstlerin, ein paar Menschen zu sehen. Die abgebildeten Bauarbeiter fungieren allerdings nur als Randerscheinungen. Im Mittelpunkt steht auch hier ein Gebäude. In der Serie "Der verbaute Ausblick" dokumentiert Mejchar den Bau einer neuen Wohnsiedlung in Favoriten - direkt vor ihrem Wohnzimmerfenster.(Martina Stemmer/ DER STANDARC Printausgabe 23.10.2008)

Elfriede Mejchar - Fotografien von den Rändern Wiens
Wien Museum Karlsplatz, A-1040 Wien, Karlsplatz
23. Oktober 2008 bis 25. Jänner 2009

 
  • Nicht Rio de Janeiro oder Havanna, sondern Favoriten: Fotografin Elfriede Mejchar hielt für Wien untypische Stadtlandschaften fest
    foto: wien museum/elfriede mejchar

    Nicht Rio de Janeiro oder Havanna, sondern Favoriten:
    Fotografin Elfriede Mejchar hielt für Wien untypische Stadtlandschaften fest

Share if you care.