Sich gegen den Zeitgeist stemmen

23. Oktober 2008, 01:28
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"Loos ornamental" : Heinz Emigholz setzt "Photographie und Jenseits" mit einem weiteren Architekturporträt fort

Während heute Filialen US-amerikanischer Schnellimbisse oder Kaffeehausketten zur Standardausstattung auch der Wiener Innenstadt gehören, war die 1908 erbaute "American Bar" des Architekten Adolf Loos für die noch in den Seligkeiten der Monarchie schwelgenden Hauptstädter eine Absonderlichkeit ohnegleichen.

Um die Jahrhundertwende war Loos einer der streitlustigsten Verfechter einer Amerikanisierung, sprich: Modernisierung der Lebens- und Denkverhältnisse in seinem Heimatland. Loos ornamental porträtiert 27 Bauwerke, Innenausstattungen, Geschäfte und Denkmäler des Architekten in ihrem heutigen Zustand, im selben nüchternen und eindringlichen Gestus, die der Filmemacher Heinz Emigholz mittlerweile zur Perfektion entwickelt hat: Jedes Bauwerk wird mit einem Zwischentitel angekündigt, es folgt eine Serie statischer, unkommentierter Ansichten, die die Architektur in eine filmische Bilderfolge übersetzen.

Innerhalb der dominanten Strömungen seiner Zeit war Loos Außenseiter. Loos Antipathie gegenüber Secession, Wiener Werkstätte und Jungem Wien, gegenüber der Forderung nach Vereinbarkeit von Kunst und Alltagswelt, kulminierten in mehreren Polemiken, die berühmteste: Ornament und Verbrechen, worin Loos den Fortschritt der Kultur mit dem Verschwinden des Ornamentalen aus dem Gebrauchsgegenstand gleichsetzte.

Freunde hat er sich damit nicht gemacht. Wie sehr Loos sich gegen den Zeitgeist stemmte, ist in Emigholz' Film anschaulich dokumentiert: Da kontrastieren die Monumentalbrunnen der Wiener Hofburg mit der schmucklosen Front aus glattpoliertem Marmor des Looshauses am Michaelerplatz, vom Volksmund bald als "Haus ohne Augenbrauen" verdammt; da bricht vom Bildrand her die gelb getünchte neobarocke Fassade eines Nachbarhauses gegen die Außenansicht der strengen Kubusform eines Loos'schen Wohngebäudes. Dabei war Loos keinem minimalistischen Imperativ verfallen. Die Dinge hatten in erster Linie praktisch zu sein, und wenn ein Raum der Entspannung dienen sollte, standen gemütliche Sitzgruppen ums Kaminfeuer bereit.

Überhaupt wirken die Einrichtungen des Innenarchitekten Loos weniger verzierungsresistent als in der berühmten Streitschrift behauptet. Wenn Loos die Verzierung, das Überflüssige verabscheute, dann vor allem, um die Qualitäten der Baustoffe selbst hervortreten zu lassen. Die Schlieren des Marmors, die Maserung des dunklen Holzes: Emigholz' konzentrierter Film lässt die Schönheit des Materials - die für Loos schon Ornament, Zierde genug ist - geradezu haptisch spürbar werden. (Dietmar Kammerer/ DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2008)

23. 10., Künstlerhaus, 16.30
Wh.:24. 10., Künstlerhaus, 14.30

  • Modernisierung der Lebens- und Denkverhältnisse: Herrenausstatter Knize amWiener Graben.
 
 
    foto: poool


    Modernisierung der Lebens- und Denkverhältnisse: Herrenausstatter Knize am
    Wiener Graben.

     

     

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