Wege in den Untergrund

23. Oktober 2008, 01:18
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Ausgehend von Erinnerungen Beteiligter zeichnet der italienische Dokumentarfilmregisseur Gianfranco Pannone in "Il sol dell'avvenire" jene Vorgeschichte nach, die 1970 zur Gründung der Roten Brigaden führte

Fünf Männer um die sechzig treffen einander eines schönen Herbsttages am reich gedeckten Tisch eines Landgasthauses in den Apenninen. Die Wirtin ist noch dieselbe wie vor über dreißig Jahren. Damals fanden in ihrem Lokal nicht nur Tanzveranstaltungen statt. Die heute Anwesenden votierten dort 1970 gemeinsam mit anderen militanten Linken für den bewaffneten Kampf - und zwar, wie es am Anfang des Films auf einer schlichten Texttafel heißt: "ohne zu ahnen, dass dies die Geburtsstunde (...) der Brigate Rosse sein würde" .

Die Männer sind gekommen, um ihre Geschichte(n) zu erzählen. Es geht nicht um Selbstverklärung oder nostalgische Reminiszenzen. Lange schon haben sie sich "losgesagt". Einige haben Jahrzehnte im Gefängnis verbracht. Ein anderer hat sich umgehend doch gegen den bewaffneten Kampf und für den Eintritt in die PCI, die kommunistische Partei Italiens, entschieden. An anderer Stelle im Film kommen auch ein ehemaliger Christdemokrat zu Wort oder der Sohn einer legendären Familie von Widerstandskämpfern, der schon damals nicht daran glaubte, dass man ohne breite Basis eine politische Veränderung herbeiführen könnte. Wieder andere haben es von vornherein vorgezogen, sich nicht an diesem Filmprojekt zu beteiligen.

Il sol dell'avvenire heißt Gianfranco Pannones sehenswerter, von einem gelassenen Gestus und kommentierenden musikalischen Interpunktionen geprägter Dokumentarfilm. Mit der Zukunft ist er insofern beschäftigt, als er sich um eine genaue Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bemüht. Die Männer und ihre Geschichten sind ganz konkret verortet: Das Geschehen spielt sich in der Reggio Emilia ab, in der "rötesten Gegend Italiens" . Zunächst kreist die Spurensuche um jenes "apartemento" , jenen angemieteten, von Parteiinteressen unabhängigen Freiraum, in dem sich junge Menschen Ende der 1960er-Jahre trafen, um über die Revolution zu debattieren.

Die Perspektive erweitert sich irgendwann. Die Reggio rückt in den Blick, und damit auch buchstäblich eine politische Landschaft - voller Gedenktafeln und anderer Memorabilia, die die Tradition der Resistenza in der Öffentlichkeit präsent halten. Spätestens da wird auch klar, was Pannones Film im Unterschied zu TV-History-Formaten oder auch den zahllosen fiktionalen Verarbeitungen der deutschen RAF leistet - indem er nämlich ohne zu beschönigen ein Umfeld, einen Zeitgeist, ein gesellschaftliches und politisches Klima zu beschreiben versucht, die von der nachmaligen Eskalation weder zu trennen sind noch im Sinne einer simplen, eindeutigen Ursache-Wirkung-Logik mit dieser verknüpft.

An einer Stelle heißt es: "Wir konnten tun, was wir getan haben, aufgrund der Existenz der PCI." Man könnte auch sagen: Dass dieser Film so existiert, ist das Resultat einer politischen Geschichte, in der linke Ideologie eine ganz andere Verankerung hat als beispielsweise in Österreich. Die filmische Aufarbeitung dieser Geschichte könnte allerdings auch im Berlusconi-Italien wieder schwierig werden: Als der Film im August in Locarno aufgeführt wurde, meldete sich umgehend der italienische Kulturminister Sandro Bondi zu Wort, um zu verkünden, dass Filme über den Terrorismus künftig nur noch nach eingehender Prüfung durch ein neues Beratergremium staatliche Förderungen erhalten würden. (Isabella Reicher/ DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2008)

24. 10., Urania, 21.00
 Wh.:27. 10., 13.30

  • Zeitzeugen italienischer Politgeschichte: Fünf Männer um die 60 erinnern sichin "Il sol dell'avvenire" 
 
 
    foto: viennale

    Zeitzeugen italienischer Politgeschichte: Fünf Männer um die 60 erinnern sich
    in "Il sol dell'avvenire"

     

     

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