Außenseitergeschichte(n)

23. Oktober 2008, 01:11
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Die Viennale widmet dem US-Filmemacher, Kurator, Lehrer und Aktivisten John Gianvito ein Tribute

Damit wird das Werk eines zu Unrecht wenig bekannten Intellektuellen des amerikanischen Kinos gewürdigt.

Eine Gedenkmünze für George W. Bush, ausgestellt von der Nationalbank des afrikanischen Staates Liberia? Es gibt viele bittere Ironien in der Geopolitik der Macht, und manchmal gibt es Ereignisse, die so überwältigend sind, dass man nur in der Form eines Fragments darauf reagieren kann. Puncture Wounds (September 11) von John Gianvito ist so ein Fall. Auf wenige Minuten werden hier Reaktionen auf die Anschläge in New York vom 11. September 2001 verdichtet - lose haben die Momente miteinander zu tun. Ein Tanztheater bringt Körper zu Fall, ein alltäglicher Morgen beginnt mit einem Alarm (es ist der Wecker), eine Frau beginnt auf offener Straße zu schreien (in Rufweite von Ground Zero?), in die Bilder vom World Trade Center segeln kleine animierte Fallschirme, an denen Hilfspakete baumeln.

Die USA sind plötzlich selbst ein Krisengebiet, in das man auf unterschiedlichste Weise intervenieren kann. Vor allem aber dekonstruiert John Gianvito das Datum selbst: September 11, gewöhnlich ohne Jahreszahl genannt, wird für einen politischen, linken Filmemacher wie ihn zu einer Chiffre nicht nur der angegriffenen Supermacht, sondern der aggressiven Hegemonialmacht, die am 11. September 1973 in Chile eine ihr unliebsame Regierung stürzen ließ und dabei auch vor Bombardements nicht zurückschreckte.

In diesem Zusammenhang wird dann plötzlich auch die Gedenkmünze für George Bush, für die im amerikanischen Fernsehen geworben wird, zu einem Symbol, das auf einer zweiten Ebene lesbar wird: Der Präsident der USA wird durch die Münze zum Vertreter eines "failed state" , den sich die USA sogar in gewisser Weise auch selbst zuzuschreiben haben, denn Liberia entstand aus dem Versuch, die Sklaverei abzuschaffen, durch Kolonialismus zu ersetzen und die Probleme der Rassenintegration durch Export der Afroamerikaner zu lösen. All diese Facetten politischer Semantik spielen in Puncture Wounds eine Rolle.

John Gianvito dokumentiert auf diese Weise die Komplexität von Zusammenhängen, in denen er sich als Filmemacher nicht anders befindet als jeder Staatsbürger, der nicht blind der Propaganda nachgibt. Im Vorjahr lief sein konzeptueller Dokumentarfilm Profit Motive and the Whispering Winds bei der Viennale, und es ist eine sehr gute Idee, dem nun ein Tribute an einen bisher zu Unrecht wenig bekannten Intellektuellen des amerikanischen Kinos folgen zu lassen.

Vergessene Kämpfe

Gianvito unterrichtet Film in Boston, er unterhält zudem intensive Beziehungen zum Beispiel zu Teilen der amerikanischen Friedensbewegung. In Profit Motive and the Whispering Winds ging es um eine Gegengeschichte der USA, um all die vergessenen Kämpfe der Linken und Bürgerrechtler, um eine Freilegung überwucherter Monumente, die sich dem Kapitalismus und der Siegergeschichte entgegensetzen lassen.

Die vielleicht größte und lohnendste Herausforderung in diesem Tribute stellt The Mad Songs of Fernanda Hussein dar, ein dreistündiger kaleidoskopischer Film über die Auswirkungen des Golfkriegs 1991 in New Mexiko, in den langwierige Diskussionen unter Aktivisten ebenso Eingang fanden wie ein seltsam atavistisches Volksfest. Nahezu alle der vielen Interessen Gianvitos fließen hier zusammen: Volkskultur, Traumatologie, Widerstand.

Das Kurzfilmprogramm Vietnam: Lessions and Lesions zeigt ihn nicht nur als Kurator, der er auch ist, sondern dokumentiert einen zentralen Bezugspunkt der politischen Sozialisation seiner Generation. Seine Zusammenarbeit mit Robert Kramer (dessen epochaler Milestones bei dieser Viennale im Bob-Dylan-Tribute läuft) ist dabei von großem Interesse, denn hier zeigen sich Kontinuitäten innerhalb der Außenseitergeschichte des engagierten Kinos in den USA.

Das Private ist dabei wie schon bei Kramer keineswegs ein Rückzugsgebiet, sondern eine weitere Ebene der Auseinandersetzung, wie auch aus Gianvitos erstem abendfüllenden Spielfilm The Flower of Pain von 1983 hervorgeht. Ein junger Mann - gespielt vom Künstler John Conser, der sich später das Leben nahm - leidet unter der Beziehung zu seiner Freundin, einer Fotografin, die sich stärker ihrer Arbeit widmen will. In quälenden Dialogen werden die reflexiven Abgründe von Paarbeziehungen ausgelotet. Flower of Pain wirkt wie Szenen einer Ehe in der amerikanischen Gegenkultur (in der natürlich nicht geheiratet wird), erweist sich aber durch die umgekehrten Rollen (der Mann ist hier der melodramatisch Verwundete) als feministisch lesbar.

Die lange Szene, in der Tom Conser einen großartigen Song von Robert Flack ("Do What You Gotta Do" ) aus dem Off gewissermaßen über sich ergehen lässt, direkt in die Kamera blickend, aber mit apathischer Subjektivität, ist eine interessante Konsequenz aus der Tradition Warhols, die hier ins Politische zurückgewendet wird. (Bert Rebhandl/ DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2008)

  • "What Nobody Saw"  lautet der programmatische Titel einer Videoarbeit JohnGianvitos aus dem Jahr 1990.
    foto: viennale

    "What Nobody Saw"  lautet der programmatische Titel einer Videoarbeit John
    Gianvitos aus dem Jahr 1990.

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