Die Schönheit alles Irdischen

23. Oktober 2008, 01:05
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Der portugiesische Regisseur Miguel Gomes huldigt in seinen Filmen einer (Volks-)Kultur, die keine hierarchischen Grenzen kennt

Auf der Viennale ist sein eindrucksvolles Werk zu entdecken.

"Bis dreißig hat man das Gesicht, das Gott einem gegeben hat, danach das, das man verdient." - Dieses hintergründige Sprichwort stellt der portugiesische Regisseur Miguel Gomes seinem Spielfilmdebüt A cara que mereces (2004) voran. Trefflich bringt es die Befürchtung zum Ausdruck, die den Protagonisten Francisco (José Airosa) an seinem 30. Geburtstag befällt. In einem ein wenig lächerlichen Cowboykostüm steigt dieser am Beginn aus einem Bus, um bei einer Kinderparty den Aufpasser zu machen. Es herrscht Karneval in der Stadt. Das Land zeigt sich in solchen Zeiten fröhlich und ausgelassen. Francisco ist jedoch kaum zum Feiern zumute. Nicht nur die Kinder nerven ihn.

Gomes, 1972 in Lissabon geboren, war ungefähr im gleichen Alter wie sein Held, als er diesen Film realisiert hat. Eine Selbstbeschau im konventionellen Sinne ist die Arbeit dennoch nicht. In wunderlichen Pirouetten - auch eine karnevalesk verkleidete Welt hält nicht still - lässt er den missmutigen Francisco eine Serie von Frustrationen und Ärgernissen durchleben, bis er am Ende des ersten Teils, geplagt von Schluckauf und einer Kinderkrankheit, vor den Spiegel tritt. Der regressive junge Mann ist unfähig, den Übertritt in eine neue Lebensphase mit der nötigen Vehemenz zu begehen.

Wie spielerisch Gomes mit den Gesetzen erzählerischer Kontinuität verfährt, demonstriert der zweite Teil von A cara que mereces auf eindringliche Weise: Franciscos Freunde ziehen sich mit dem Leidgeprüften in ein Haus zurück. Sieben erwachsene Männer stellen dort ein rigides Regelsystem auf, das sich an einer kindlichen Lebenswelt orientiert. Der Rekurs auf Verhaltensmuster, die man überwunden geglaubt hat, soll dem Freund aus seiner akuten Lebenskrise helfen. Geschichten, die nicht zu Ende erzählt werden, scheint dieser Abschnitt zu insinuieren, sind mit Lebensläufen vergleichbar, die willkürlich vor und zurück springen.

Ungewöhnliche Fülle

Es ist in den letzten Jahren nicht allzu oft vorgekommen, dass die Viennale einem jungen Regisseur, der gerade mal zwei Langfilme gedreht hat, ein eigenes Special gewidmet hat. Bei Gomes, der zunächst als Filmkritiker gearbeitet hat, handelt es sich tatsächlich um ein Ausnahmetalent. Auf der letzten Quinzaine in Cannes stellte er seinen neuen Film Aquele querido mês de Agosto (Our Beloved Month of August) vor, den schnell der Nimbus einer besonders ungewöhnlichen Erfahrung umgab.

Gomes behauptet, die Arbeit sei eine Art Notlösung gewesen, weil die Finanzierung des eigentlichen Films nicht zustande kam. Das kann aber auch nur eine spitzfindige Strategie sein. Rund um die portugiesische Kleinstadt Arganil zeichnet Aquele querido mês de Agosto mit weit ausladendem Gestus eine Fülle an Begebenheiten auf - viele davon haben zeremoniellen oder musikalischen Charakter: Prozessionen mit Schutzheiligen, Dorffeste und Tanzkapellen, Karaoke-Einlagen oder volkstümliche Musikanten.

Der Film webt einen langen Teppich aus Impressionen im dokumentarischen Modus, er erstellt das Porträt einer Region, die im Sommer von Exilportugiesen gestürmt wird - und schon das hätte einen eindringlichen Film ergeben. Gomes erweitert diese Szenen aber noch um fiktionale Einsprengsel über eine Familie, deren Ordnung durcheinanderkommt. Oder er thematisiert die Filmarbeit selbst, wenn er sich mit seinem Produzenten über die schwierigen Konditionen berät, zwischendurch neue Darsteller castet und immer wieder den Kamera- oder Tonmann ins Bild rückt.

Bemerkenswert ist die Gleichwertigkeit, die Gomes allen Bildern zugesteht. Der Film ist im allerstriktesten Sinne unhierarchisch. Populäres vermengt sich mit Volkstümlichem, Erfundenes mit Authentischem - Kultur ist hier ein großes Gefäß, in das vieles hineinpasst. Und manchmal kommen dabei Dinge zum Vorschein - das suggeriert das Ende des Films -, die man gar nicht vorgesehen hat.

Das Prinzip der Durchdringung von Stilen, die erst in der wechselseitigen Reibung ihre Sinnlichkeit entfalten, hat Gomes schon in großartigen Kurzfilmen wie Cantico das criaturas (2006) perfektioniert. Franz von Assisis "Sonnengesang" aus dem Jahr 1224 wird hier zuerst zur mitreißenden Hymne an die Schönheit alles Irdischen, begleitet von rasenden Fahrten durch das Gassengewirr der umbrischen Stadt. Danach kommt es in kunstvollen rötlichen Settings zur Begegnung Franziskus' mit der Heiligen Klara, bis endlich, im dritten Teil des Films, die Tiere das Kommando übernehmen und ihrem Schutzheiligen huldigen. (Dominik Kamalzadeh/ DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2008)

  • "Que sera, sera"  - der Portugiese Miguel Gomes beschreibt in"Entretanto"  die Lebenswelt dreier Jugendfreunde, die von der Zukunft nochkeine rechte Vorstellung haben. 
 
 
    fotos: viennale

    "Que sera, sera"  - der Portugiese Miguel Gomes beschreibt in
    "Entretanto"  die Lebenswelt dreier Jugendfreunde, die von der Zukunft noch
    keine rechte Vorstellung haben.

     

     

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