"Ich ordne das Chaos, in dem wir leben"

23. Oktober 2008, 00:56
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Ramin Bahrani, Regisseur von "Chop Shop", über "Goodbye Solo", im Interview über gespieltes richtiges Leben

Der US-Regisseur mit iranischen Wurzeln stellt auf der Viennale zwei Spielfilme vor, Bert Rebhandl sprach mit ihm.


Standard: Ramin Bahrani, wie haben Sie diesen "Chop Shop", eine Autowerkstätte in Queens, entdeckt, um den es in Ihrem Film geht?

Bahrani: Mein Kameramann musste sein Auto reparieren lassen, er hat mich angerufen und gesagt: Komm mit, das wird dich interessieren. Ich sah sofort, dass ich hier etwas drehen wollte. Neben der visuellen Qualität der Dinge, die dort geschehen, ist es auch sozial ein toller Mikrokosmos. Rob hat ein mehr oder weniger legales Business dort, das sollte aus dem Film klar werden.
Daneben wird natürlich viel schwarz gearbeitet. Die Leute wetteifern manchmal fast gewalttätig um die Autos, die sie zum Reparieren und Ausschlachten bekommen, und fünf Minuten später sind sie friedlich bei einem Baseballspiel. Ich mag diese Kameraderie und die kämpferische Stimmung. Nach und nach habe ich mich auf die Jungen dort konzentriert. Dazu gab es dieses lächerliche Schild "Make Dreams Happen" vom Shea Stadium gegenüber - das passte zu den Kindern.

Standard: Die Dialoge klingen sehr authentisch, sogar dokumentarisch. Der Film wirkt wie das Resultat einer Feldforschung.

Bahrani: Ich schreibe nicht daheim im Zimmer aus meiner Imagination heraus. Ich schrieb, fuhr wieder hin, schrieb, fuhr wieder hin, immer wieder. Ich habe Ideen für die Geschichte, aber die spezifischen Dinge, die ich vor Ort sehe und höre, sind wichtig. Meine Koautorin wollte dagegen nur einmal hinfahren, sie steuerte die Außenperspektive bei. Mein Kameramann wiederum kam oft mit mir mit.

Standard: Der zwölfjährige Alejandro, die Hauptfigur, bricht die Schule ab und beginnt sich in dieser Welt der Männer einen Platz zu erobern. Wie entstand diese Geschichte?

Bahrani: James Joyce hat gesagt, dass er nichts erfindet. Ich habe als Maler begonnen und musste immer etwas malen, was ich vorher gesehen habe. Filmemachen ist für mich Realität, in die ich Ordnung bringe, indem ich Szenen herausarbeite, einen Beginn und ein Ende festsetze. Ich ordne das Chaos, in dem wir leben. Das ist natürlich konkret nicht so einfach.
Alejandro hat, nachdem wir ihn besetzt hatten, während der Vorbereitungen zu dem Film dort sechs Monate gearbeitet, und als wir mit den Dreharbeiten begannen, hatten sich die Menschen so an ihn gewöhnt, dass sie glaubten, wir drehen einen Dokumentarfilm über ihn. Sie haben sich gar nicht darüber gewundert, dass wir manche Szenen 30-mal gedreht haben. Es gibt gegen Ende eine Szene, als er seine Schwester mit einem Mann in einen Wagen steigen sieht. Er muss fast eine Minute auf dieses Auto zugehen, und wir haben davon 18 Aufnahmen gemacht. Die letzten ein, zwei haben gepasst, aber es war noch nicht perfekt. Alle meine Schauspieler wissen, dass sie immer einfach weitermachen sollen - ich sage fast nie "Cut" . Ich wusste auch, dass Alejandro einen Mord miterlebt hatte in einer Bodega, als er neun Jahre alt war. In diesem Fall habe ich nun dem Mann im Lastwagen eine Pistole in die Hand gedrückt und abgewartet, wie Alejandro darauf reagieren würde - er war ungeheuer aufgebracht. Ist das nun Spiel oder spielt er das richtige Leben?
Dokumentarisch oder fiktional? Ich weiß es nicht. Aber so entstehen meine Geschichten.

Standard: Die Rolle seiner etwas älteren Schwester, die sich prostituiert, gibt dem Film ein zweites emotionales Zentrum - der Körper als Überlebensmittel ist beinahe schon plakativ.

Bahrani: Ich hatte früh die Idee, dass eine Schwester da sein würde. Welche Möglichkeiten hat sie? Sie schläft mit Männern und nimmt Geld. Ein Kollege hat das hinterfragt, ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon Monate auf das Projekt verwendet, er hat mich sehr nervös gemacht. Ich habe dann noch einmal recherchiert und herausgefunden, dass Prostitution in dieser Gegend sehr häufig ist.

Standard: Zwischen Bruder und Schwester gibt es Szenen, die an das Inzesttabu rühren.

Bahrani: Sie leben und schlafen in einem engen Bett, es ist heiß, da kommt man um diesen Aspekt nicht herum. Zugleich durfte ich das aber nicht ausbeuten. Wichtiger ist mir, dass dies eine weitere Facette des Jungen ist, der so viele Dinge gleichzeitig sein muss - Vater und Bruder, Kind und Mann. Es gibt auch etwas Selbstzerstörerisches in seinem Verhalten.

Standard: Im richtigen Leben geht Alejandro Polanco zur Schule?

Bahrani: Der Junge geht zur Schule, das ist nicht sein wirkliches Leben, sondern ich habe ihn gecastet, und er hat eine Rolle gespielt. Das darf man nicht verwechseln. Aber es gibt natürlich große Unterschiede, wie man eine Rolle besetzt. Neulich kam mein Cousin aus dem Iran zum ersten Mal nach South Carolina, wo ich aufgewachsen bin. Wir haben uns gemeinsam Gladiator angesehen, und ich habe mich nur gefragt: Wie macht man so einen Film? Wer hat da die Kontrolle? Oder nehmen wir Pursuit of Happiness, in dem Will Smith
einen Obdachlosen spielt. Will Smith gibt sich alle Mühe. Ich kann nur keine Sekunde glauben, dass dieser Mann arm ist. Das sollte bei Alejandro anders sein.

Standard: Interessant finde ich, wie abwesend in Chop Shop der Staat mit allen seinen Institutionen ist.

Bahrani: In der Gegend, die Willet's Point heißt, sieht man manchmal einen Mann namens Joe. Er ist der Einzige, der dort als Wähler registriert ist. Er lebt dort seit 75 Jahren. Daraus kann man schließen, dass das dort ein "black point" ist, eine Zone außerhalb der etablierten Ordnung. Ein Untergrund. Die erste Szene, die ich im Kopf hatte, ist auch die erste des Films: die Brücke, der Blick auf Manhattan. Danach sieht man das nie wieder.

Standard: Es gibt allerdings einen kommerziellen Anknüpfungspunkt an die andere Welt - das Shea Stadium, in dem Baseballspiele der New York Mets ausgetragen werden.

Bahrani: Das Shea Stadium und die Garage sind ganz nahe beieinander. Ich habe sogar einen Schwenk, in dem das klar wird. Es wäre aber nicht erlaubt gewesen, die Jerseys der Teams zu zeigen, die dort spielen, deswegen ist diese Einstellung auch mit Bedacht unscharf. Aber in dieser Gegend sieht man ohnehin immer arme Menschen, die da herumstehen und versuchen, durch den
Maschenzaun noch etwas mitzubekommen.

Standard: Wie verhält sich Chop Shop zu Man Push Cart , Ihrem vorherigen Film?

Bahrani: Alejandro ist das Gegenteil von Ahmed aus Man Push Cart. Alejandro hat keine Zeit zum Nachdenken. Er ist ständig in Bewegung. Wenn er einmal ein wenig Zeit hat, macht er drei Liegestützen, damit er etwas aus seiner Zeit macht. Einmal lässt ihn seine Schwester allein, er ist aufgebracht, isst allein, da kam es beim Spiel auf jede Bewegung an: einmal mehr mit der Gabel im Essen herumrühren, und es wird metaphysisch. Filmemachen bedeutet, weglassen und nicht hinzufügen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.10.2008)

Chop Shop: 26. 10., Künstlerhaus, 21.00
Wh.: 27. 10., Gartenbau, 13.00

Goodbye Solo: 24. 10., Künstlerhaus, 23.30
25. 10., Metro, 21.00

  • Eine Zufallsfahrgemeinschaft entwickelt sich in "Goodbye Solo"  zurMännerfreundschaft: Souléymane Sy Savané (re.) und Red West in Ramin Bahranisjüngstem Film "Goodbye Solo" .
 
 
    foto: viennale

    Eine Zufallsfahrgemeinschaft entwickelt sich in "Goodbye Solo"  zur
    Männerfreundschaft: Souléymane Sy Savané (re.) und Red West in Ramin Bahranis
    jüngstem Film "Goodbye Solo" .

     

     

  • Ramin Bahrani
    foto: viennale

    Ramin Bahrani

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