Umweltcheck für den Brennertunnel

22. Oktober 2008, 21:07
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Manch Anrainer und Experte zweifelt am Sinn der weltweit zweitlängsten Röhre durch einen Berg

Bis Freitag diskutieren Anrainer und Betreiber am Innsbrucker Flughafen über die Verträglichkeit des Brennerbasistunnels für die Umwelt - Von Verena Langegger

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Innsbruck - "Technisch ist alles machbar, wir können durch jeden Berg graben", sagt der Geologe Leopold Weber. Bei der öffentlichen Erörterung im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für den Brennerbasistunnel, des größten derartigen Verfahrens, das in Österreich je durchgeführt worden ist, verteidigt der Experte die geplante 55 Kilometer lange Röhre zwischen Innsbruck-Süd und Franzensfeste. Allerdings gebe es "neuralgische Punkte", an denen Erkundungsstollen unbedingt notwendig seien: damit kein Wasser in den Tunnel eintrete.

Haus könnte durch Tunnelbau versinken

An einem solchen Punkt, am Lanser Moor, steht das Haus einer Dame, die am Mittwoch in den Seminarraum am Innsbrucker Flughafen gekommen ist. Dort liegt das geologische Gutachten bis Freitag zur Durchsicht bereit. Durch den Tunnelbau könne ihr Haus versinken, fürchtet die Frau. Weber beruhigt: "Wenn die Maßnahmen, die ich empfohlen habe, eingehalten werden, passiert nichts."

Allein 500 Seiten umfasst der hydrologische Teil der Expertise. 800 Kilo wiegt das Papier in den 21 Kisten, die die Brennertunnelgesellschaft (BBT) in den Seminarraum gekarrt hat. "Kein Normalsterblicher konnte so viel Material in drei Wochen, seit es veröffentlicht wurde, durchackern", beschwert sich ein Anwalt.

Verkehrsverlagerung nötig

Ebenfalls anwesend ist Fritz Gurgiser vom Transitforum: "Der Eingriff in die Natur macht keinen Sinn, solange nicht klar ist, dass eine Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene auch tatsächlich stattfindet." Zehn Verkehrsminister habe er bereits erlebt, die dies versprochen hätten. Passiert sei das Gegenteil: Mittlerweile würden in Tirol ständig Schadstoff-Grenzwerte überschritten. Jährlich donnerten zwölf Millionen Fahrzeuge in Richtung Süden, davon über zwei Millionen Lkws.

"Zweckmäßigkeit"

Für Gurgiser fehlt die "Zweckmäßigkeit" für den mit sechs Milliarden Euro veranschlagten Tunnelbau, während Georg Willi von den Grünen eine "Deckelung der Transitfahrten" fordert. Ansonsten mache das weltweit zweitlängsteTunnelprojekt keinen Sinn.

Diskutiert wurde der Brennerbasistunnel als Bahnverbindung von München nach Verona schon zu Beginn der 1970er- Jahre, die erste Machbarkeitsstudie entstand in den Achtzigern. 1996 startete als erster Umsetzungsschritt der Bau der Unterinntalbahn. Die EU steht hinter dem Projekt. Mittlerweile existieren zwei Stollen in Südtirol, in Aicha und Mauls und eine sogenannte vorbereitete Baustelle in der Sillschlucht bei Innsbruck, Baubeginn soll 2010 sein. (Verena Langegger/DER STANDARD Printausagbe 23.10.2008)

 

 

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