Flügellahm in allen Bereichen

22. Oktober 2008, 18:50
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Die aktuelle Finanzkrise hat nicht nur Auswirkungen darauf, wie die Fluglinien ihre Flugzeuge finanzieren

Die aktuelle Finanzkrise hat nicht nur Auswirkungen darauf, wie die Fluglinien ihre Flugzeuge finanzieren. Auch die wichtigen, mit teuren Business-Class-Tickets reisenden Passagiere werden immer weniger.

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Wien / Genf / São Paulo - In der zivilen Luftfahrt hätten derzeit jene Airline-Vorstände, die mit der Pein von Mitarbeiter-, Netzwerk- und Flottenreduktion zu kämpfen haben, mit dem Slogan "No News is Good News", wohl sehr viel Freude. Doch leider dominieren die "Bad News". Und das täglich. Vergangene Woche mussten in Russland neun Fluglinien ihren Betrieb einstellen, da diesen schlicht und einfach das Geld ausgegangen ist.

Oder die News der Vereinigung der regionalen Fluglinien, die da lauten, dass für das Jahr 2008, inklusive des bevorstehenden Winterflugplanes, bis zu 70 Fluglinien unterschiedlichster Größenordnung weltweit in den Konkurs schlittern werden. Tendenz steigend. Keine Frage, die externen Faktoren der Wirtschafts- und Finanzkrise treffen die Airlines mitten ins Herz.

Die Profitabilität der Airline- Industrie verschlechtert sich zusehends, wie die Entwicklung des dritten und vierten Quartals 2008 zeigt. Auch 2009 kann von keiner Entlastung die Rede sein. Der Weltluftfahrtverband IATA hat eine Studie kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise gemacht. In dieser zeigt sich etwa, dass zum Beispiel früher neu eröffnete Flugstrecken 75 Prozent zusätzliches Passagieraufkommen generiert hatten, während sie nun nur mehr 48 Prozent neue Gäste bringen.

Was auf die Bilanzen der Airlines zusätzlich belastend wirkt, sind neben den Treibstoffpreisen der Rückgang im wichtigen Premiumgeschäft, also jenes der Business-Class, welche manchen Fluglinien bis zu 20 Prozent und mehr ihres Geschäfts bringt. Fluglinien, welche mit einer schwachen Eigenkapitalbasis, starren Strukturen und teuren Kosten konfrontiert sind, kommen zusehends unter Existenzdruck.

"Ich kann Ihnen lediglich eine Bestandsaufnahme des heutigen Tages geben. Alles ändert sich dramatisch schnell", meint der mächtige Chef der United Airlines, Glenn Tilton, gegenüber dem Standard kürzlich bei einem Treffen der Star Alliance in São Paulo. "Tatsache ist, dass wir mit der Stilllegung von 21 Prozent unserer Flotte dies zeitgerecht vor der Finanzkrise gemacht haben, aber unter den aktuellen Umständen müssen wir unsere Position neu überdenken", so Tilton.

Logisch: weniger Geld im Umlauf, weniger zahlungskräftige Passagiere. Oder anders formuliert: Allein in den USA halbierte sich die Zahl der Business-Class-Passagiere oder jener, welche hochpreisige Economy-Class-Tickets bezahlen, seit dem Jahr 2000. "Ungefähr 13 Prozent aller unserer Businessleute sind im Bankgeschäft. Für uns stellt sich aber die Frage, ob nun die mittelständischen Betriebe wegbrechen, welche für uns sehr wichtig sind", so Wolfgang Mayrhuber, Chef der Lufthansa gegenüber dem Standard. Allein heuer hätten die Mitarbeiter der Lufthansa Österreich die Vorgabe gehabt, 13 Prozent mehr First- Class-Tickets am hiesigen Markt zu verkaufen. Angesichts der Krise ein nicht realisierbares Unterfangen. Immerhin kann die Lufthansa in Krisenzeiten bis zu 80 Flugzeuge am Boden stehen lassen und muss dank flexibler Arbeitsverträge keine Kündigungen vornehmen.

Weniger Passagiere sind weniger Gäste auf den Flughäfen. Diese sind logischer Weise von den Auswirkungen ebenso betroffen. 2007 nutzten 4,9 Milliarden Passagiere die Airports dieser Welt; diese Zahl wird sich nicht halten lassen, schätzen Experten. (Kurt Hofmann, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.10.2008)

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