Fragiles Zelt am Feldherrenhügel

22. Oktober 2008, 18:36
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Für einen zeitgenössischen Umgang mit kulturellem Erbe sorgt Franz Kapfer derzeit im Marmorsaal des Belvedere

Am Ort der Staatsvertragsunterzeichnung hält er mit minimalen Eingriffen den Besuchern Spiegel vor.


Wien - Wie eine Zeichnung, die elegant in den Raum geklappt wurde, präsentiert sich Franz Kapfers Intervention im barocken Marmorsaal des Oberen Belvedere. So filigran, als ob ein Windstoß das simple schwarze Holzgestänge emporheben könnte - so wie Eugen, den siegreichen Prinzen, in seiner Apotheose obendrüber. So fragil, dass sechs Sandsäcke das Wunderwürdige Kriegs- und Siegs-Lager stabilisieren, das Franz Kapfer als Silhouette vom Dach geholt hat.

Zurück am Boden steht das Heerlager nun, das an ein "Türkenzelt" erinnert. Es ist durchaus vorstellbar, dass es ursprünglich als Geste der Aneignung und des Sieges aufs Dach gelangte. Auch andere Triumphformeln, wie etwa das Unterjochen und Erniedrigen der Besiegten, weiß Kapfer aus luftigen Höhen zurück an die Erde zu binden: Mittels Spiegeln bringt er die Darstellung der Türkensklaven, die am Rand von Carlo Carlones Deckenfresko ein bescheidenes Dasein fristen, auf Bodenniveau zurück. Auf schmalen Simsen verrenken sie ihre gefesselten Glieder, um nicht in die Tiefe zu stürzen: ein verzweifelter Balanceakt, der nicht zufällig an Folter erinnert.

Raffinesse im Marmorsaal

"Dieses unreflektierte Betreten von Räumlichkeiten finde ich generell ein Problem", erklärt Kapfer. Er hat das Ausblenden von Geschichte am ehemaligen Forum Mussolini in Rom ebenso behandelt wie auch das Nicht-sehen-Wollen der Bevölkerung am überdimensionierten Berchtesgadener Bahnhof, nahe Hitlers Berghof am Obersalzberg. Dass ausgerechnet unter dem verklärenden Gemälde des großen Heeresführers Prinz Eugen im Marmorsaal des Belvedere 1955 der Staatsvertrag unterzeichnet wurde, hält er für keine Zufälligkeit, sondern für eine Raffinesse der sonst allzu gern ihr Elend bejammernden Österreicher.

In seinen früheren Arbeiten war Kapfer oft selbst sein Hauptdarsteller, schlüpfte in mythologische und historische Heldenfiguren und arbeitet sich selbstironisch an männlicher Sexualität und Identität ab. Heute versucht der 37-Jährige, "dass der Begeher der Installation selbst zum Performer wird und sich durchs räumliche Durchschreiten seiner dramaturgischen Rolle oder auch Lächerlichkeit bewusst wird".

Geschichtsbilder in dieser Form zu stürzen ist eine Methode, die in Kapfers eigener Biografie begründet ist: Obwohl ihn in der "Unterversorgung", der ländlichen Enge und Langeweile von Bad Waltersdorf Geschichte noch am ehesten interessierte, hatte er "bis zum fünfzehnten Lebensjahr ein sehr heroisierendes Geschichtsbild". Denkmäler faszinierten ihn seit Kindertagen, und der Begriff der "Wehrmacht" war für ihn einer ohne Brüche. Als 16-Jähriger besuchte er die Holzfachschule in Hallein. Und erst mit diesem Ausbrechen aus der häuslichen Spießbürgeridylle mit Botticelli-Schlafzimmertapete begann er, die Heroenvorstellungen von den Sockeln zu stürzen. In kulissenhaften Modellen und Installationen lädt er nun andere ein, hinter die massiven, verschnörkelten Fassaden zu blicken und überaltete Geschichtsbilder endgültig einzumotten. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.10.2008)

Bis 1. 3. 2009

  • Franz Kapfer arbeitet an den österreichischen Oberflächen, an Helden- und Geschichtsbildern. 
 
    foto: kapfer

    Franz Kapfer arbeitet an den österreichischen Oberflächen, an Helden- und Geschichtsbildern.

     

  • "Kriegs- und Siegs-Lager" oder "Türkenzelt"?
    illustration: s. mocka

    "Kriegs- und Siegs-Lager" oder "Türkenzelt"?

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