Leben, Schreiben, Weiterleben

22. Oktober 2008, 18:14
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Jorge Semprún liest am Freitag und Samstag bei "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein - Robert Schindel über den spanischen Weltautor

Ein Gespräch  über  Semprún, Totalitarismen und Desillusionierung.

 

Wien - Er sei ein jüdischer Troubadour, ein trauriger Harlekin, ein dunkler Humorist aus Wien, der Frost mit Lust, Grausamkeit mit Zärtlichkeit und den großen Schrecken mit ein wenig Glück vereine, schrieb Marcel Reich-Ranicki einmal über den Lyriker Robert Schindel. Vielleicht ist Schindel aber einfach ein Staunender, einer, der weiß, dass die Literatur manchmal seltsame Wege geht, das Leben sowieso. Schreiben sei Angstbannung, sagt Schindel; und dass Leben und Liebe nur im Gedicht zusammengingen.

Schindel ist aber nicht nur Autor, sondern auch ein passionierter Literaturvermittler. Die Begeisterung, mit der er über andere Autoren redet, findet man selten. So stand er als langjähriger Juror des Bachmannpreises stets aufseiten der Schriftsteller. Da kam es dann schon vor, dass er der Juryvorsitzenden, die einen Text vernichtete, sagte: "Es ist einfach, mit dem Arsch anderer Leute durchs Feuer zu gehen".

Neben Kontrollbankchef Rudolf Scholten und Heidenreichsteins Bürgermeister Johann Pichler ist Schindel Mitorganisator des Literaturfestivals "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein (Waldviertel), das kommenden Freitag zum dritten Mal stattfindet. Nach Salman Rushdie im vorletzten und Amos Oz im vergangenen Jahr wird sich heuer alles um den Weltautor Jorge Semprún drehen, der von sich sagt: "Ich bin nicht wirklich Franzose, ich bin nicht wirklich Spanier - was wirklich zählt: Ich bin ein Überlebender von Buchenwald". Robert Schindel, 1944 als Sohn kommunistischer jüdischer Widerstandskämpfer geboren, überlebte den Krieg in einem Jugendheim, während der Vater in Dachau erschossen und die Mutter nach Auschwitz deportiert wurde.

Für andere sprechen

Mit Jorge Semprún befasst er sichschon lange: "Faszinierend an ihm ist", so Schindel, "dass es ihm gelingt, alle Sachverhalte dem eigenen Leben einzuverleiben. Er schafft es auf fantastische Weise, das Erlebte zu fiktionalisieren. Er kann Dinge, die er bei anderen sieht, nachfühlen, als hätte er sie selbst erlebt. In seinem Werk redet ein Ich, das gleichzeitig für alle anderen spricht. Seine Bücher sind für mich eine Familienangelegenheit, auch weil mein Stiefvater im spanischen Bürgerkrieg aufseiten der Interbrigadisten kämpfte und meine Mutter in Frankreich Verbindungen zur Résistance hatte."

Schindel umkreist in seinem Werk das, was er unter "jüdischem Schreiben" versteht; auch Semprún schreibt seit seinem Debüt Die große Reise (1963) unter wechselnden Titeln an ein und demselben Buch. Ob auf Französisch oder Spanisch, autobiografisch oder hinter literarischen Masken, ob in Ich- oder Er-Form, immer geht es bei Semprún um Erinnerungsarbeit, mit der er sein Leben und seine Zeit einzukreisen versucht. Ein zu bedeutungsschweres Leben habe ihm die Wege der Erfindung versperrt, sagte Semprún einmal, sein wohl berühmtestes Buch Schreiben oder Leben (1994) handelt davon. Geboren wurde er 1923 in eine großbürgerliche Familie, die Mutter starb früh, erzogen wurde er von deutschen Kindermädchen, bevor er mit seinem Vater und sechs Geschwistern vor Franco flüchten musste. Im Exil in Paris engagierte er sich in der Résistance .

Die Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit und das Erwachsenwerden in der Fremde beschreibt Semprún in seinem Buch Unsere allzu kurzen Sommer (1998), in dem er nicht nur die Begegnung mit der "richtigen", sondern auch den drei anderen wichtigen Weiblichkeiten, "die Stadt, die Sprache, die Literatur" schildert. 1943 wurde er verhaftet und ins KZ Buchenwald deportiert. Nach dem Krieg agitierte er im Untergrund für die spanische KP, aus der er als Dissident ausgeschlossen wurde, um nach der spanischen "Wende" eine kurze Zeit Kulturminister zu sein. Wie Schindel, der sich 1968 in der radikalen Studentenbewegung engagierte und in "maoistischen Kreisen" politisierte, wandte sich auch Semprún von den früheren Utopien ab.

Gerade dieser Kurswechsel mache Semprún "zu einer sehr prononcierten Stimme des 20. Jahrhunderts, mit seinen Kämpfen für eine bessere Welt, mit seinen Utopien und dem mit ihnen verbundenen Schmerz der Desillusionierung", so Schindel.

Streitbar sind beide Autoren geblieben, und es ist nicht lange her, dass sich Semprún vehement für Jonathan Littells aus der Perspektive eines SS-Manns geschriebenen Roman Die Wohlgesinnten einsetzte. Es dürfe kein Fiktionsverbot für die Darstellung des Genozids geben, die Shoah müsse zum Romanstoff werden. Schindel dazu: "Ich finde, dass in der Kunst überhaupt nichts verboten ist. Manche Dinge können aber nicht gelingen, etwa der Versuch, eine Vergasung in Sonettform darzustellen. Die Kunst soll Unsichtbares sichtbar machen. Ich würde es nicht verbieten, den Genozid darzustellen, man muss aber Umwege gehen, um seine Dimension sichtbar zu machen. Das ist Hilsenrath in seinem Armenierbuch gelungen, Werfel übrigens auch, und es hat gute Bücher, sogar Remarques Der Funke Leben gegeben, von dem KZ-Häftlinge sagten, sie hätten bei der Lektüre das Lager gerochen - obwohl Remarque nicht im Lager war. Es geht nicht um Verbote, auf das Wie kommt es an." (Stefan Gmünder / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.10.2008)

  • "In der Kunst ist nichts verboten": Robert Schindel (oben) und Jorge Semprún.
    foto: heribert corn

    "In der Kunst ist nichts verboten": Robert Schindel (oben) und Jorge Semprún.

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    foto: weltbild
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