Kein schöner Land in dieser Zeit

26. Oktober 2008, 19:54
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Österreich ist das viertreichste Land innerhalb der EU, trotzdem leben alleine in Wien an die 800 Menschen auf der Straße - Obdachlosigkeit, eine Frage des Systems?

Daniels Gesicht erinnert an das eines schlechten Preisboxers. An einen, der wenig ausgeteilt, aber viel eingesteckt hat. Die Nase ist platt und breitgeschlagen, die Augenbrauen von Narben unterbrochen, die sich vom Haaransatz bis zu den Nasenflügel ziehen und seine Haut aussehen lassen wie zerknitterten Stoff. Seine gekrümmten Beine stecken in einem Blaumann. Die Ärmel des aus der Façon geratenen Norwegerpullis hängen bis zu den Fingerspitzen, die sich an eine Dose Gösser und eine selbstgedrehte Zigarette klammern. Am linken Handgelenk baumelt ein Billasackerl, vollgestopft mit seinen Habseligkeiten: Ein paar miefige T-Shirts und Tabakbrösel. Er stolpert den Gehsteig entlang, mal an der Hauswand, mal an der Gehsteigkante. Es ist halb sechs Uhr abends. Die untergehende Sonne färbt den Nebel rosa, in der Gasse hallt das Piepen der Kassen des nahen Penny-Marktes wider.

In diesem Teil Meidlings, dem Arbeiterbezirk im Wiener Süden, reihen sich Gemeindebauten aus der Zwischenkriegszeit an Wirtshäuser und Wettcàfes. Während Daniel in einem gelben Bau verschwindet, über dessen Eingang ein Schild mit dem Symbol eines Bettes darauf zu sehen ist, wird fünfzig Meter die Straße hinauf in Richtung Philadelphiabrücke, im Weinhaus Pitzl eine weitere Runde Bier geordert. An der Wand hängen Rotwildreste, an der Holztheke rotgesichtige Männer, die wortlos in ihre Biergläser starren. Trinken hat in diesem Teil der Stadt Geschichte. Ein paar Schritte weiter steht das Alt-Wiener Schnapsmusem, daneben eine Obst- und Wein Brennerei.

Daniel hat die Trinkerei dahin gebracht, wo er seit nunmehr fünf Jahren ist: Auf die Straße. Viele, die sich Abend für Abend in dem gelben Haus mit dem Bett-Schild um einen Schlafplatz anstellen, trinken. Um zu vergessen. Oder um die Zeit zu beschleunigen. Aber seit einigen Jahren mischen sich auch andere unter. Leute, die auf Bett, Suppe, eine heiße Dusche und abgelegte Kleidungsstücke warten: Doktoren, Magister, Ingenieure, ehemalige Geschäftsführer und -besitzer.

Kein „klassischer Sandler" mehr

Susanne Peter, Sozialarbeiterin des Obdachlosen-Betreuungszentrums "Gruft" in Mariahilf, schätzt, dass in Wien derzeit zwischen 500 und 800 Menschen auf der Straße leben. Heinz Schoibl, Obmann der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO) beziffert ihre Zahl mit an die 1.000 bis 2.000 Österreich-weit. Grobe Schätzungen, genau können sie das nicht sagen. "Es tauchen immer wieder Menschen auf, die beispielsweise 15 Jahre lang eine Toilette auf der Donauinsel bewohnt haben, ohne dass sie bemerkt wurden", sagt Peter. Außerdem gebe es den "klassischen Sandler" kaum noch. "Ich meine damit den Mann mit Rauschebart, Mantel und Doppler in der Hand. Obdachlosigkeit hat heute andere Gesichter."

Laut eines 2006 veröffentlichten Berichts der BAWO lag der Anteil der 18- bis 30-Jährigen Obdachlosen in Wien bei 31 Prozent. Unter den wohnungslosen Frauen lag er bei 34. "In den vergangenen Jahren ist die Zahl der jungen Obdachlosen deutlich angestiegen", sagt Peter. Das Männer mit 60 Prozent den deutlich größeren Anteil der Wohnungslosen stellen, liege vor allem daran, "dass die Obdachlosigkeit von Frauen meist unbemerkt bleibt. Frauen schlafen bei Männern und begeben sich dadurch in Abhängigkeitsverhältnisse". Der Grund, warum keine genauen Daten zum Thema Wohnungslosigkeit vorliegen, sei der, "dass Obdachlose aus der Statistik herausfallen weil sie nirgends anzutreffen sind", sagt Armutsexpertin Ursula Till-Tentschert.

In der Gruft

Wenn man um neun Uhr Früh auf der Stiege zur "Gruft" unterhalb der Mariahilferkirche auf Einlass wartet, ist das so ähnlich, als würde man in einem vollen Aufzug stehen: Betretenes Schweigen, gelegentlich eine Bemerkung über das Wetter oder die Uhrzeit, ausweichende Blicke. Es sind ausschließlich Männer, die an diesem Morgen darauf warten, dass sich die schwere Metalltür öffnet. Nur 13 Prozent der Gruft-Klientel sind Frauen. Die meisten der Wartenden sind zwischen 30 und 50, manche Anfang 20. Das Alter lässt sich schwer schätzen, die Gesichter sind müde und ausgelaugt. Das Klischee des "Sandlers" erfüllt keiner von ihnen. Einige tragen Fred Perry-Jacken und Nike-Schuhe. Alle haben saubere Fingernägel.

Unten im Keller sitzt Dieter an einem der resopalbeschichteten Tische und trinkt Kaffee. 70 Cent kostet der pro Häferl. Seit einigen Monaten sind die Zeiten Geschichte, als er sich nachts in seinem Schlafsack am Boden der Gruft zwischen rund 70 anderen schlaflos hin- und herwälzte. Dieter hat mittlerweile ein Bett im Doppelzimmer eines Männerwohnheims. Fürs Essen reicht das Geld noch immer nicht. Deshalb kommt der gebürtige Tiroler mittags nach wie vor in die "Gruft". Von den rund 800 Euro Arbeitslosengeld im Monat muss er 215 für die Zimmermiete berappen. Weitere 230 zahlt er seiner Ex-Frau an Alimenten für den gemeinsamen 15-jährigen Sohn. 150 Euro werden ihm wegen des Privatkonkurses abgezogen, den er vor einigen Monaten angemeldet hat.

Alles verzockt

Begonnen hat Dieters Misere vor über zehn Jahren, als er seinen Job bei einem Fruchtsafthersteller in Vorarlberg hinschmiss ("wegen eines Burnouts", wie er erzählt) und damit um die Abfertigung umfiel. Auch sein nebenbei betriebenes illegales Wettbüro (er nahm über Jahre ohne Konzession Fußballwetten an) ging den Bach hinunter. Mitte der Neunziger war Endstation. Der damals 35-jährige Spieler hatte alles verzockt, was er je besessen hatte.

Seine Frau reichte die Scheidung ein, Dieter machte sich auf nach Hamburg. Zu Fuß. Als er 28 Tage später in der Norddeutschen Hansestadt ankam, tat er, was er seit seiner Jugend am liebsten tut: Spielen. In den nächsten Jahren lebt Dieter als U-Boot, mal da, mal dort; marschiert von Hamburg nach Augsburg, von Berlin nach Ancona, lebt auf den Klippen von Mallorca. Immer wieder spielt er, mal gewinnt er, mal verliert er.

Zurück in Österreich zieht er von Hotel zu Hotel. Ohne die Rechnungen zu bezahlen. An den Tag, als er zum ersten Mal in die "Gruft" kommt, kann sich der Mann mit der schulterlangen Achtziger- Föhnfrisur gut erinnern: "Pfingsten 2003. Damals bin ich zu Fuß von Linz nach Wien gegangen. Zwölf Tage war ich unterwegs." Gute 20 Kilo leichter und mit leeren Taschen kommt er an. Die Suche nach einem Schlafplatz führt ihn in die "Gruft". Susanne Peter überredet ihn, seine viermonatige Haftstrafe anzutreten - der Haftbefehl liegt bereits bei der zuständigen Polizeiwache auf.

Nach der Entlassung geht es aufwärts. Dieter spielt nicht mehr, macht den Computerführerschein, findet einen Job. Dann folgt der Rückfall. Eine Geschichte, die sich x-mal wiederholen: Job, Rückfall in die Spielsucht, Flucht ins Ausland. Mittlerweile ist es schwer für Dieter, eine Anstellung zu finden. Das Leumundszeugnis bereitet Schwierigkeiten. Während sich die übrigen "Gruft"-Besucher auf der Anrichte nebenan ein Liptauerbrot nach dem anderen streichen, sinniert Dieter über Sinn und Unsinn des "Systems".

Kleinster gemeinsamer Nenner: System

Darauf, dass "das System" schuld ist am Unglück, können sich alle Obdachlosen einigen. Es sind die Polizisten, die sie aus U-Bahnstationen und von Parkbänken vertreiben oder wegen ausständigen Strafen verhaften, die Ärzte, die sie Simulanten heißen, die Sozialarbeiter, die sie aus den Notschlafstellen schmeißen, weil sie betrunken oder mit anderen Drogen zugedröhnt sind. Es sind die Politiker, von denen sie sich nicht vertreten fühlen und die Bankiers, die reich sind, während sie nichts besitzen außer ein paar alten Kleidungsstücken in einem Plastiksackerl. Das "System" ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sie sich alle einigen können.

Andererseits ist es aber auch genau dieses System, das viele in ihrem ungebremsten Fall auffängt. Seit nunmehr 30 Jahren gibt es die Wohnungslosenhilfe in Österreich. 73 Einrichtungen sind es bundesweit, 18 davon in der Hauptstadt. In den Achtzigerjahren beschränkte sich die Hilfe noch auf das Verteilen von Schlafsäcken. Heute setzt man auf Notschlafstellen als ersten Anlaufspunkt. Die zweite Stufe heißt "betreutes Wohnen" und soll den Weg zurück zur eigenen Wohnung und einem Job ebnen.

Im internationalen Vergleich steht Österreich mäßig da. Während es sich Großbritannien und Irland - mit guten Ergebnissen - bereits vor zehn Jahren zum Ziel gesetzt haben, das Problem der Obdachlosigkeit zu lösen, gibt es hierzulande mit dem Burgenland und Kärnten zwei Bundesländer, in denen nicht einmal eine einzige Einrichtung für Wohnungslose existiert. BAWO-Obmann Heinz Schoibl sagt, es hapere vor allem im Bereich der Prävention. Laut seinem Bericht waren im vergangenen Jahr Österreichweit 38.469 Delogierungen vor Gericht anhängig, davon 21.570 alleine in Wien; 2.788 wurden hier tatsächlich durchgeführt, 5.284 bundesweit.

Obdachlosigkeit durch Scheidung

So wie bei Gottlieb, dem seine Frau, drei Tage vor seinem 52.Geburstag verkündete, sie wolle die Scheidung. Der ehemalige Lagerleiter eines KfZ-Betriebes, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren arbeitslos war, willigt ein. Nach 17 Ehejahren legen Gottlieb und seine Frau  fest, dass er mit Ende Mai aus dem gemeinsamen Haushalt ausziehen wird. Er folgte damit dem Rat seines Anwalts, der ihm sagt, dass er dadurch schneller an eine Gemeindewohnung kommen könne. Der Schuss geht nach hinten los. Gottlieb wird delogiert. Sein Hab und Gut verstaut der lungenkranke Diabetiker in einem Depot. Das Insulin bunkert er bei Bekannten im Kühlschrank. Immer wieder wird er für drogensüchtig gehalten, wenn er sich unter Leuten eine seiner fünf täglichen Insulinspritzen setzt.

Die Nächte sind besonders schlimm. "Oft habe ich zwischen meinen Kartons im Depot geschlafen, was verboten war. Manchmal auch bei Freunden", erzählt Gottlieb. Das größte Problem für ihn sei der Behördendschungel gewesen: "Bis ich draufgekommen bin, dass man sich als 'nicht gemeldeter Gemeldeter' melden muss, um Geld und eine Wohnung zu bekommen, hat es lange gedauert." Man habe ihn von einem Amt zum anderen geschickt. Ergebnislos. "Ich hab mich nach jedem Behördengang wie ein Trottel gefühlt."

Ende Oktober bezieht Gottlieb ein Zimmer des Vereins neunerHaus in der Döblinger Billrothstraße. Als er die erste Nacht in dem rund 20 Quadratmeter großen Raum des ehemaligen Studentenwohnheims verbringt, ist sein erster Gedanke: "Endlich bin ich wieder ein Mensch." Acht Monate lang lebt er dort, verbringt seine Tage im Cafe an der Ecke, wo er den Studenten des benachbarten Wohnheims gerne beim Diskutieren zuhört. Mittlerweile wohnt Gottlieb in einer 30 Quadratmeter großen Gemeindewohnung in Favoriten und kämpft um seine Frühpensionierung, die ihm der Amtsarzt trotz zwei Bypässen in den Beinen nicht genehmigen will. Einen "Simulant" nennt er Gottlieb. "Das muss ich mir nicht vorwerfen lassen", sagt der. Es mache ihn richtig traurig. "Man rennt gegen eine verschlossene Tür, ohne eine Chance, die Schnalle zu erreichen".

Nachtasyl für alle

Auch in der Meidlinger VinziRast ist die Ungerechtigkeit des "Systems" während des Abendessens Tischgespräch. Der 38-Jährige Jürgen ist vor drei Wochen aus der Haft entlassen worden: 16 Monate bedingt weil er mit Morphin gedealt hatte, vier Monate hat er tatsächlich abgesessen. Seit seiner Entlassung schläft er in Notschlafstellen. In einer habe man ihn des Dealens verdächtigt und hinausgeworfen. "Und auch in die "Gruft" bringt mich keiner mehr", sagt Jürgen. Das Essen sei dort immer kalt.

"Wir sind eines der reichsten Länder Europas. Wir sollten es nicht notwendig haben, dass Menschen in Hundeparks schlafen." Mit halbgeöffneten Augen löffelt er langsam Spiralnudeln mit Hirschragout in sich hinein. Seine Bewegungen sind mechanisch, wie die eines Roboters. Das liegt am Morphium. Wie die teigige Haut, die um die eingefallenen Wangen spannt und die ausgefallenen unteren Schneidezähne.

Anders als in anderen Notschlafstellen und Wohnungslosenheimen Wiens, wo Nüchternheit das Gebot ist, ist der weggetretene Jürgen in der VinziRast willkommen. "Zumindest sollten unsere Klienten nicht merkbar betrunken sein", sagt Susanne Peter von der "Gruft". Die VinziRast ist Nachtasyl für jene, die nicht einmal mehr in einem Keller am Boden schlafen dürfen. Sie ist jede Nacht zum Bersten voll. Manchmal dauert es mehr als zwei Stunden, bis alle aufgenommen und die Verbleibenden weitervermittelt sind. "Wir müssen Menschen wegschicken, weil die 24 Stockbetten der Notschlafstelle belegt sind", sagt Cecily Corti, die Obfrau des VinziRast-Trägervereins.

Pech gehabt

Gegenüber von Daniel und Jürgen sitzt ein alter Mann. Vor ihm auf einem Teller ein Stück Topfenstrudel. "Der Traum der Träume", sagt er mit deutlich hörbarem deutschen Akzent. Die weißen Haare akkurat gekämmt und seitengescheitelt, den dürren Körper in einem türkisen Frotteepyjama, die weißen Füße mit den Pigmentflecken stecken in Pantoffeln, die für eine Drogeriekette werben. Seinen Namen möchte er nicht verraten. Nur soviel: "Seit Ewigkeiten" sei er hier. Genau genommen hat die Ewigkeit des 75-Jährigen einen Anfang und der liegt drei Monate zurück. Ob sie auch ein Ende haben wird, weiß er nicht.

Im Juli hat der Exekutor an seine Tür geklopft. 3.000 Euro habe er verlangt. Wofür? Eine Freundin habe er gehabt, erzählt der gebürtige Westberliner, der 50 Jahre lang am Meidlinger Markt wohnte. Der hatte er monatlich das Geld für die Miete gegeben. Sie zahlte diese aber nicht ein. Wo das Geld letztlich geblieben ist, weiß der 75-Jährige nicht. Weil er die Schulden nicht begleichen konnte, stand der alte Mann mit einem Mal auf der Straße. Seither schläft er in einem der Stockbetten, wälzt sich Nacht für Nacht herum, findet keinen Schlaf. Zu stickig sei es, "und die Hunde, und die Drogensüchtigen...dass ich das noch erleben muss", sagt er, während ihm die Tränen die Wangen hinunterlaufen. "Dumm war ich. So dumm." (26.10.2008, Birgit Wittstock, derStandard.at)

  • Den „klassischen Sandler" gibt es kaum noch. Obdachlosigkeit hat heute andere Gesichter.
    standard/corn heribert

    Den „klassischen Sandler" gibt es kaum noch. Obdachlosigkeit hat heute andere Gesichter.

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