Kurti ja, Ivo nein

24. Oktober 2008, 17:56
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Ein beliebtes St. Pöltner Lokal soll seit Kurzem "ausländisch" wirkenden Männern den Zutritt verweigern - Gleichbehandlungs-
anwälte sind alarmiert

Jeden Samstag ist "Single-Night" im St.Pöltner Tanzschuppen La Boom. Da gibt es jede Menge "beste Hits der 70er, 80er und 90er" und Cappy-Wodka bis 23 Uhr um einen Euro. Srdan Stanisic ist Stammgast im Lokal. Das sei zwar eine "Bauerndisco", meint er. "Aber es gibt halt nicht so viele Fortgehmöglichkeiten in St.Pölten."

Also schaut er auch vor zwei Wochen wieder vorbei, aber weit diesmal kommt er nicht: "Ausweis!", fordern die Securities, als er ins Lokal will. Stanisic dreht um, geht zum Auto, Führerschein holen. "Und nimm den VIP-Ausweis auch gleich mit", rufen die Türsteher ihm hinterher. Ein schlechter Scherz: VIP-Karten hat es im Lokal nie gegeben.

"Anweisung vom Chef"

Stanisic zeigt den Führerschein – und darf trotzdem nicht hinein. Er fragt nach dem Grund, und hört: "Anweisung vom Chef". Den will er nun persönlich sprechen. Freunde im Lokal überreden Betriebsleiter Manfred Hinterberger, vors Lokal zu kommen. Doch auch er beteuert, so Stanisic, es sei sein "Hausrecht", und nur er bestimme, wer rein darf. Begründung? Keine. Auch ein Hinweis auf das Antidiskriminierungsrecht beeindruckt Hinterberger wenig.

Stanisic glaubt den Grund schon zu wissen: "Ich sehe eben nicht aus wie ein Österreicher", erklärt der 25-Jährige, der im Alter von neun Jahren mit Eltern und Geschwistern vor dem Balkankrieg geflüchtet ist und seithier in Obergrafendorf lebt. Dunkelhäutig sei er, "nicht so dunkel wie ein dunkelhäutiger Türke, aber halt nicht so hell wie ein typischer Österreicher." Mindestens sieben andere Gäste, "auch alles männliche Ausländer",  hätten mit ihm vor dem Lokal gewartet, aber nach kurzer Zeit die Lust verloren und den Heimweg angetreten.

Stanisic ließ es drauf ankommen und rief vom Handy aus den Lokalbesitzer an. "Ich werde mich darum kümmern", meinte der, die Verbindung sei nur gerade sehr schlecht, er melde sich später. Darauf wartet Stanisic noch immer.

"Mein Hausrecht"

Zwei Wochen später kann sich Hinterberger im derStandard.at-Gespräch an nichts erinnern, schließt aber nicht aus, dass sich sein Gespräch mit Stanisic, den er namentlich nicht kennt, genauso abgespielt haben könnte: "Wenn ich jemanden nicht ins Lokal lasse, dann ist das mein Hausrecht." Das brauche er auch nicht zu begründen: "Dann artet das in Diskussionen aus, dafür bräuchte man ja einen Psychologen." Dass jemals Gäste abgewiesen wurden, weil sie zu wenig "österreichisch" waren, kann sich Hinterberger aber nicht vorstellen: "Bei uns sind alle Nationen vertreten. Vermutlich ist er vorher schon ungut aufgefallen." Mit Rassismusvorwürfen sehe er sich jedenfalls zum ersten Mal konfrontiert.

Kein Einzelfall

Einzelfall dürfte Stanisics Samstagserlebnis trotzdem keiner gewesen sein: "Sicher zehn Mal" sei es ihm passiert, dass man ihn nicht ins La Boom ließ, erzählt Sulejman Bajrovic. "Wenn ich einen negativen Eindruck hinterlassen hätte, würde ich es verstehen. Aber ich bin nie aufgefallen", versichert der HTL-Schüler. Früher sei es nur hin und wieder vorgekommen, "aber seit ein paar Wochen komme ich gar nicht mehr rein", sagt der 19-Jährige, der seit 16 Jahren in St.Pölten lebt.

Er versuche es trotzdem immer wieder. So auch letztes Wochenende: Kaum war er im Lokal, wurden die Ausweise verlangt. "Ich war mit zwei Haberern dort, die Österreicher sind." Sie hätten im Lokal bleiben dürfen, "bei mir hat er nur gesagt: Raus mit dir." Dabei sieht Bajrovic ziemlich unauffällig aus und spricht Mostviertler Dialekt. "Mir sagen sie öfter: Du wirkst ja gar nicht wie ein Ausländer." Warum er trotzdem glaubt, dass seine Herkunft der Grund des Rausschmisses war? "Weil er meinen Namen gelesen hat." Und die anderen Gäste, die mit ihm draußen bleiben mussten, seien auch "zu 99 Prozent Ausländer" gewesen.

Post von der Gleichbehandlungsanwältin

Ob Hinterberger den Vorwürfen nachgehen wird? "Natürlich werde ich mich damit befassen." Das muss er auch: Die Gleichbehandlungsanwaltschaft hat Lokalbesitzer Christian Brandstetter bereits schriftlich zu einer Stellungnahme aufgefordert. Für den Gastronomen besteht nun Auskunftspflicht - und er müsse beweisen, dass er die Gäste nicht wegen ihrer Herkunft, sondern aus einem anderen Grund nicht ins Lokal gelassen hat, sagt Ulrike Salinger von der Gleichbehandlungsanwaltschaft, für die Fälle wie dieser tägliches Geschäft sind: "Beschwerden über Discotheken machen einen großen Teil unserer Anfragen aus", betont Salinger.

Für derStandard.at war Brandstetter nicht erreichbar – er ließ über die Sekretärin ausrichten, man möge sich an Hinterberger wenden. Und der bleibt dabei: "Bei uns dürfen alle Rassen rein." (Maria Sterkl, derStandard.at, 24.10.2008)

Hintergrund

Lokalbesitzer dürfen sich nicht ganz frei aussuchen, wen sie hereinlassen - mehr dazu hier

Nachlese

"Wir wollen keine Drogendealer"

Links

Gleichbehandlungsanwaltschaft

Zara

  • Geschlossene Gesellschaft? "VIP-Ausweis?" "Gibt's bei uns nicht", sagt der Chef - bestimmte Gäste kommen trotzdem nicht mehr ins Lokal
    Foto: AP/Diether Endlicher

    Geschlossene Gesellschaft? "VIP-Ausweis?" "Gibt's bei uns nicht", sagt der Chef - bestimmte Gäste kommen trotzdem nicht mehr ins Lokal

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