"Es gibt unheimlich viele Gerüchte im Bereich der Sexualität"

22. Oktober 2008, 15:59
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Sexualpädagoge Kostenwein im derStandard.at-Interview über Turnunterricht, der sexuelle Kompetenzen fördert und Realitätsverzerrung durch Pornos

Wenn es um die Sexualerziehung der Jugendlichen in der Schule geht, fühlen sich viele Lehrer ziemlich alleingelassen. Wolfgang Kostenwein, Leiter des Instituts für Sexualpädagogik, arbeitet tagtäglich mit SchülerInnen zum Thema Sexualität. Im Interview mit derStandard.at spricht er über Probleme der Jugendlichen, Realität und Phantasie zu unterscheiden, Gerüchte, die zum Thema Sex kursieren und den Umgang mit Handy-Pornos.

derStandard.at: Welche Erinnerung haben Sie an Ihre eigene Sexualerziehung in der Schule?

Kostenwein: Wir hatten eine junge, hübsche Biologielehrerin, der das Thema viel zu heiß war. Skurrilerweise hat sich unser Direktor dazu geäußert und uns Tipps gegeben – für uns Schüler war das sehr komisch. Wir waren peinlich berührt.

derStandard.at: Wie ist die Sexualerziehung an Schulen in Österreich derzeit geregelt?

Kostenwein: Sexualerziehung ist ein Unterrichtsprinzip. Es ist eigentlich vorgesehen, dass dieses Thema in allen Fächern in irgendeiner Weise einfließen soll. Das ist vom Konzept her großartig, von der Umsetzung manchmal ein bisschen dürftig, weil es in der Ermessenssache der LehrerInnen liegt, was sie tun und was nicht. Es krankt aber auch sehr stark an der Ausbildungsseite. Es gibt sehr wenig Input und LehrerInnen sind da ein bisschen alleingelassen. In der Praxis heißt das: wenn sich ein Lehrer das Thema zutraut und für wichtig hält, setzt er oder sie – in erster Linie sind es Frauen - etwas um. Wenn nicht, dann ist das Thema nicht da. Zusätzlich ist natürlich im Biologie-Lehrplan vorgesehen, die menschliche Sexualität zu besprechen.

derStandard.at: Das heißt, auch ein Musiklehrer könnte oder sollte Sexualerziehung im Unterricht einbauen. Wie geht das denn?

Kostenwein: Musik und Sexualität – da gibt es durchaus Parallelen und Zusammenhänge. Musik ist etwas, was man sehr lustvoll genießen kann. Das ist letztendlich eine Genussebene, die auch in der Sexualität eine Rolle spielt. Auch der Turnunterricht kann viel zur Sexualerziehung beitragen, denn Körperkompetenz ist eine Basiskompetenz in der Sexualität. Es ist wichtig eine differenzierte Körperwahrnehmung zu entwickeln, sich selbst körperlich spüren zu können. Damit man dann auch differenzierte Entscheidungen treffen kann: Also wenn es um Sex geht „Nein“ sagen zu können, aber auch „Ja“.

Dazu muss ich das Wort „Sexualität“ kein einziges Mal in den Mund nehmen. Sexualerziehung hat in allen Fächern Platz. Das Problem ist: die Lehrer wissen es nicht.

derStandard.at: Gibt es Bestrebungen, an der derzeitigen Situation etwas zu ändern?

Kostenwein: Es gab immer wieder Anlässe, die das Unterrichtsministerium dazu bewogen haben zu überdenken, ob der Sexualerziehungerlass in der derzeitigen Form noch brauchbar ist. Diese Anstöße kommen aus unterschiedlicher Richtung. Letztens war es die Meldung, dass es in Österreich zu viele Teenagerschwangerschaften gibt. Dass die Sexualerziehung anderer Zugänge bedarf, ist von allen Parteien gefordert worden – da gibt es einen Grundkonsens.

derStandard.at: Würden Sie sagen, dass das Thema Sexualität an den Schulen wichtiger wird?

Kostenwein: Manchmal ist es unumgänglich. Es gibt in Klassen Dynamiken, die das Thema so in den Vordergrund stellen, dass die Lehrer gezwungen sind, sich dem anzunehmen. Wenn zum Beispiel Handy-Clips mit Kurzpornos in den Klassen kursieren, dann ist es unausweichlich, auf dieses Thema zu reagieren.

derStandard.at: Sollte man mit dem Sexualunterricht schon im Kindergarten beginnen?

Kostenwein: Sexualität beginnt mit der Geburt. Vielleicht schon davor. Wissen, wie es funktioniert – das wissen die meisten Kindergartenkinder schon. Grundsätzlich erreicht man Kinder und Jugendliche aber nur dort, wo sie betroffen sind. Mit dem Thema Geschlechtsverkehr ist man bei den 14-Jährigen zu früh dran. Bei 16-Jährigen ist dieses Thema topaktuell.

"Wir müssen immer früher dran sein, damit wir später bewirken, dass sie sich richtig verhalten." Das ist ein Konzept, das psychologisch nicht aufgeht. Wenn man einem Kind im Kinderwagen einen Fahrradhelm aufsetzt – weil man will, dass es später einen Fahrradhelm aufsetzt – dann wird das nichts bewirken.

derStandard.at: Wie sieht der Sexualunterricht aus, wenn Sie in Schulen gehen?

Kostenwein: Wir kommen immer zu zweit – eine Beraterin und ein Berater, weil die Gegengeschlechtlichkeit auch Thema ist. Wir arbeiten sehr bedürfnisorientiert. Unser Konzept ist es, kein Konzept zu haben. Wir arbeiten mit dem, was aus der Gruppe kommt, weil nur diese Themen besprechbar sind. Alles andere sind, überspitzt gesagt, „arrogante Ideen von Erwachsenen“, die die Jugendlichen nicht erreichen. Wir müssen an ihrer Lebenswelt ansetzen. Unser Vorteil ist, dass wir von außen kommen und Themen ansprechen können, die von Lehrerseite nur schwierig anzusprechen sind –weil sie zum Beispiel nicht erlaubt sind, siehe Handy-Clips.

Wir haben eine ganze Palette an Einstiegsmethoden, um an die Jugendlichen heranzukommen. Wir können ein Wahr-Falsch-Quiz spielen zum Thema Sex. Es gibt ja unheimlich viele Gerüchte im Bereich der Sexualität. Aufgrund dieser Gerüchte kann man auch weiterführend diskutieren. Zum Beispiel gibt es das Gerücht, dass das „erste Mal“ weh tut. Viele beißen einfach die Zähne zusammen in der Hoffnung, dass es das zweite Mal besser geht. Was man dabei übersieht: Wenn man Sexualität mit Schmerzen verbindet, wird der Körper sich das merken und institutionalisieren und die Schmerzen werden immer wieder auftreten. Wir haben viele junge Frauen mit diesen Problemen bei uns in der Sexualberatung. Das sind dann die indirekten Folgen der Gerüchte.

derStandard.at: Haben sich die Themen, die sie im Unterricht ansprechen, im Laufe der Zeit geändert?

Kostenwein: Ja, ich merke da wirklich Unterschiede. Es gibt Dinge, die vor 20 Jahren nicht den Stellenwert hatten wie heute – vor allem Pornographie. Jugendliche holen sich die Information zum Thema Sexualität meist aus den Massenmedien. Oft sehr ungefiltert und unreflektiert. Das beeinflusst und beeinträchtigt dann das eigene Sexualverhalten.

derStandard.at: Was vermitteln Sie den Jugendlichen in diesem Punkt?

Kostenwein: Wir beginnen keine Wertediskussion über Pornos. Wir gehen von der Realität aus, dass sie schon Pornos gesehen haben. Unser Ziel ist, sie kompetent zu machen im Umgang mit diesem Thema. Beispiel: Eine Klasse mit dreißig 16-Jährigen Buben. Wir haben drei Stunden Zeit ihnen etwas zu vermitteln. In dieser Zeit geht es fast nur darum, Wirklichkeit und Fantasie auseinander zu dividieren.

derStandard.at: Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Schultypen?

Kostenwein: Interessanterweise gibt es wenig Unterschied im Konsumieren von Pornos. Pornos kennt der allergrößte Teil der Jugendlichen. Was zu beobachten ist, ist dass Jugendliche aus niedrigeren Bildungsschichten sich schwerer tun mit der Differenzierung von Fantasie und Wirklichkeit. Viele sind emotional überfordert. Je mehr die emotionale Kompetenz sitzt, desto eher ist es möglich, einen differenzierten Zugang zu finden.

derStandard.at: Was halten Sie von der Forderung der Grünen, Verhütungsmittel und „Pille danach“ leichter zugänglich zu machen?

Kostenwein: Wir wissen, dass Jugendliche Sex haben, deshalb müssen wir sie darin unterstützen, kompetent zu verhüten. Wir können nicht einerseits die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: Hilfe, wir haben so viele Teenagerschwangerschaften. Und auf der anderen Seite erschweren wir den Zugang zu Verhütungsmitteln. Viele Jugendliche sind überfordert, wenn sie die „Pille danach“ innerhalb von 72 Stunden brauchen.

derStandard.at: Ihr Institut für Sexualpädagogik hat vor kurzem eine Umfrage gemacht, woher Jugendliche ihre Informationen über Sexualität beziehen. Welchen Stellenwert hat die Schule in diesem Kontext?

Kostenwein: Die Schule spielt eine wesentliche Rolle. Über die Regelblutung und Verhütung kann man mit den Eltern möglicherweise sprechen, aber über Selbstbefriedigung eher weniger. In der Schule sind ein bisschen mehr Themen möglich. Deshalb sollte man sie als Informationsquelle nicht unterschätzen. Aber generell sind die Informationen eher aus Massenmedien. Bei den Burschen sind es Pornos, bei Mädchen sind es Magazine.

derStandard.at: Welche Fähigkeiten brauchen gute SexualpädagogInnen?

Kostenwein: Sie müssen ihre Möglichkeiten und Grenzen kennen. Sie sollten eine Verführungskompetenz haben, damit die Klasse zuhört. Außerdem brauchen sie ein Methodenrepertoire und eine differenzierte Einsicht in die Lebenswelt der Jugendlichen. Und natürlich Hintergrundwissen zu allen Themen, die mit Sexualität zu tun haben. (Teresa Eder/derStandard.at, 22.10.2008)

Info

In Österreich gibt es keine universitär-verankerte Ausbildung zum Sexualpädagogen oder zur Sexualpädagogin. Verschiedene Institutionen bieten eine Ausbildung an - so zum Beispiel das Institut für Sexualpädagogik in Wien.

  • Sexualpädagoge Kostenwein hält in seinen Workshops keine Moralvorträge über Sex, sondern gibt den Jugendlichen dort Tipps, wo sie welche brauchen.
    foto: derstandard.at/eder

    Sexualpädagoge Kostenwein hält in seinen Workshops keine Moralvorträge über Sex, sondern gibt den Jugendlichen dort Tipps, wo sie welche brauchen.

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