Der guten Optik wegen in die Berge

25. Oktober 2008, 17:00
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In den Tiroler Naturparks bieten Hotels "Nature-Watch-Touren" an. Auf didaktischen Wanderungen werden Adler, Steinbock und Murmeltier beobachtet

"Wildbeobachtung ist wie Fischen", beschreibt Guide Charly Hafele in der Früh vor der Wanderung im Naturpark Kaunergrat das Konzept von Nature Watch: "Wir wissen ganz sicher, dass die Fische da sind, aber wir wissen nicht genau, wann sie aus dem Wasser springen." Murmeltiere, Steinböcke und Geißen würden hier wirklich auftauchen, versichert der Geschäftsführer vom Naturpark Kaunergrat Ernst Partl. Dazu springe Rot- und Rehwild herum, flattere Raufuß-, Birk- und Schneehuhn über Felsen. Theoretisch jedenfalls.

Start der Nature-Watch-Tour ist die auf 1963 Metern Höhe gelegene Falkaunsalpe. Zur Alm geht's vom Hotel Weisseespitze mit einem kleinen Bus, das Kaunertal schläft so früh noch im Schatten der Berge vor sich hin. Die Tour ist auf 3,5 Stunden angelegt: "Ein klassischer Höhenwanderweg, mittelschwer, für den gemütlichen Naturbeobachter", beschreibt Pflanzenexperte Andreas Jedinger von Natopia. Los geht's über Almen und durch Wälder. "Handy ausschalten", empfiehlt Guide Charly noch, "sonst ist er weg, der Steinbock, wenn es läutet."

Beim ersten Stopp, am Hochboden Falkaunsalpe heißt es "Gewöhnung an das Gerät". Swarovski Optik stellt jedem Nature-Watch-Hotel hochwertige Ferngläser zur Verfügung, für Nichtjäger ist eine kleine Einschulung tatsächlich praktisch. Die Optik dieser Profigeräte ist berauschend: Die Fichten am gegenüberliegenden Hang kommen ganz nah, der Grat scheint so steil, dass man am Rundwanderweg zu schwanken beginnt. Andreas weckt Erinnerungen aus dem Biologieunterricht, wenn er nun die verschiedenen Zonen im Gebirge, die montane, subalpine, alpine und nivale, erklärt.

Guide Charly wird langsam unruhig, keiner der 450 Böcke aus der Steinbockkolonie Kaunertal lässt sich blicken. Obwohl: Da am Grat könnte was sein! Schnell das Fernglas ans Auge, doch nein, es waren bloß Büsche. Ein Laie hätte den Unterschied - zumindest mit freiem Auge - gar nicht bemerkt, aber die Experten lassen so eine Verwechslung nicht durchgehen. Immerhin: Wir finden Tierlosungen, "Bemmelen" von Gams und Hase. "Würzig im Abgang", blödelt Biologe Andreas, und "sieht nicht schlecht aus, das Bemmele." Denn dieses Fernglas funktioniert - verkehrt gehalten - wie eine Lupe.

Der Fokus auf grantige Jäger

Die Pflanzenpracht auf den Almwiesen ist erstaunlicherweise noch im Oktober atemberaubend. Almrosen, Thymian, Preiselbeeren und die als "grantiger Jäger" bezeichnete Kuhschelle werden jetzt anvisiert. Am "Betler-Egg" stehen keine Steinböcke herum, auch nicht am "Rossboden", am "Peischlneeder" oder am "Wannet". "Vor drei Tagen habe ich hier noch sieben Stück Rotwild gesehen." Guide Charly ist mittlerweile verzweifelt. Biologe Andreas springt wieder ein, eilt mit einem Wasserbehälter zu einem Gebirgsbach und beginnt die zweite Biologiestunde: Eintags-, Köcher- und Steinfliegenlarven tummeln sich im Bachwasser. Wirken bedrohlich durch die Lupe.

Die Wanderung bleibt jetzt nass. Der Kaunerberger Wasserweg, ein "Beschäftigungsprojekt" für Kaunertaler Männer aus dem European Recovery Program der Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg, werde gerade wieder mit EU-Mitteln saniert, erzählt Charly, sein Vater habe auch mitgebaut: "Das Kaunertal gehört zu den niederschlagsärmsten Regionen Österreichs, deshalb sammeln wir Wasser." Mit Fackeln steigen wir ein, in den fast 1000 Meter langen, dunklen Stollen, den die Kaunertaler selbst gegraben haben. Von den Wänden tropft das Wasser, auch der Boden ist anständig nass. Festes Schuhwerk macht sich jetzt bezahlt, denn die Turnpatschenträger haben nachher kalte Füße.

Drei Jäger sind ebenfalls am Weg zurück zur Falkaunsalpe. Geschossen haben sie. Aber nicht mit ihren Gewehren, sondern mit der Kamera, und die Steinböcke, die sie aufgenommen haben, zeigen sie gerne her. "Die sind im nächsten Hochtal oben, aber da hättet ihr wohl früher aufstehen müssen." (Verena Langegger/DER STANDARD/Printausgabe/18./19.10.2008)

Informationen:
natur.tirol.at

  • Die astrologische Vermutung, Steinböcke seien stur, wird von "Nature Watch" untermauert. Selbst Experten sichten die Tiere nur selten.
    foto: tirol werbung

    Die astrologische Vermutung, Steinböcke seien stur, wird von "Nature Watch" untermauert. Selbst Experten sichten die Tiere nur selten.

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