Die frommen Wünsche einer Insel

22. Oktober 2008, 17:00
8 Postings

Der Mont-Saint-Michel möchte nach 1300 Jahren wieder eine Insel werden. Vor allem eine, die weniger von Reisebussen als vom Atlantik umspült wird

Es sind zwölf. Wie bei Jesus. Nur diesmal eben sieben Frauen und fünf Männer. Sie singen und beten im Wechsel hoch oben im Chor der Abteikirche des Mont-Saint-Michel in der Normandie, im Hintergrund spielt eine Fagottistin. Auf die Touristen wirkt das alles sehr beruhigend. Morgens in aller Frühe, mittags und am Abend versammeln sich die Nonnen und Mönche der "Klösterlichen Bruderschaften von Jerusalem", um sich der beinharten Aufgabe zu widmen, wieder religiöses Leben in den bedeutsamsten Glaubensberg Frankreichs zu bringen.

Seit 2001 wohnen die Brüder und Schwestern der "Fraternités monastiques de Jérusalem" in dem von der Unesco gelisteten Weltkulturerbe. "Die Aufgabe unserer Gemeinschaft ist es, mitten unter Menschen zu sein. In den Herzen der Städte. Überall dort, wo viele zusammenkommen", erklärt Bruder François seine Mission. Zwar ist der Mont-Saint-Michel keine Großstadt - in den Häusern hinter dem Festungsring leben nur etwa 50 Personen -, aber drei Millionen Menschen aus allen Erdteilen besuchen den Inselberg jährlich in der Grenzbucht zwischen Normandie und Bretagne. "Nur eine Million davon klettert bis nach oben und besucht die Abtei", fügt François hinzu. Wobei er es mit einem leichten Zucken im Gesicht bedauert, dass zwei Drittel der Besucher die acht Euro Eintritt sparen. "Obwohl sie doch extra deswegen von weither fahren und sich bis hier rauf plagen". Der Mönch beklagt nicht die entgangenen Einnahmen, denn der Berg ist längst kein Kirchenbesitz mehr.

Staatlicher Hamsterkäfig

Nach der Französischen Revolution fiel die bis zur Turmspitze 157 Meter aufragende Granitinsel an den Staat. Die Nachfolger der Revolutionäre machten aus dem Festungsberg ein "französisches Alcatraz" und kerkerten Gefangene ein. Der Ort war berüchtigt, hier wollte kein Mensch sein. Noch heute kann etwa das Rad besichtigt werden, in dem sich sechs Gefangene wie die Hamster abrackerten, um Lasten über eine Steilrampe nach oben zu ziehen. Beugen statt beten unter dem jähen Brüllen der Wärter.

Das ging so bis 1863. Dann wurde der Berg als nationales Monument wiederentdeckt und stieg zu einem Leitstern des Tourismus in Frankreich auf - nur der Eiffelturm hat heute noch mehr Besucher. Doch eigentlich war es hier schon immer touristisch. Während des Mittelalters zog der Berg die Pilger magisch an. Die 60 Mönche im 13. Jahrhundert hatten allerhand zu tun, um die unterschiedlichen Klassen und Massen in Zaum zu halten. Das Gebäude "La Merveille", also das Wunder mit sechs Sälen auf drei Etagen, stammt aus dieser Zeit und regelte die Verhältnisse unmissverständlich: Unten erhielten die armen Pilger Speis und Trank, darüber tafelten die Herren und Herzöge, und ganz oben vesperten die Mönche. Vom Speisesaal konnten die Benediktiner hinaustreten in den Kreuzgang. Dieser mit zierlichen Doppelsäulenreihen umrundete Gebetsgarten schwebt noch heute scheinbar zwischen Himmel und Erde. Immer ein Stückchen näher der goldenen Michaelsfigur über der Abtei als den Souvenirläden unten in der Stadt.

Die löchrige Legende von Avranches

Wundersam ist auch die Entstehung dieses Monuments vor 1300 Jahren, die man in der Normandie gerade feiert und noch weit ins Jahr 2009 hinein mit einem Jubiläums-Programm begleiten will. Zunächst einmal riss eine Sturmflut den Wald rund um den Berg hinweg und hinterließ eine Felseninsel im Wattenmeer. Dann kam - so die Legende - der Erzengel Michael zum Bischof Aubert ins nahegelegene Römerstädtchen Avranches und bat ihn um die Bebauung des Berges. Doch er musste nachdrücklich, ja sogar dreimal bitten, und dennoch blieb sein Wunsch unerfüllt, also stieb er mit dem Engelsfinger ein eindringliches Loch in den Schädel des Bischofs. Heute wird auf einem goldenen Sockel hinter einer Glasvitrine in der Kirche Saint-Gervais in Avranches zumindest tatsächlich ein Schädel mit einem fingerdicken Loch aufbewahrt. Wertvolle, über tausend Jahre alte Bibel-Folianten sind hier aufbewahrt, seit 2006 sogar in einem feschen Museum hinter dem Rathaus.

Im Jahr 709 wurde dann doch eine Kapelle auf dem Inselberg gebaut. 966 übernahmen Benediktiner das Anwesen, bauten es zu diesem - heute vor allem touristischen - "Wunder des Abendlandes" aus und verließen den Berg wieder. 1000 Jahre später lud der Schriftsteller und damalige Kulturminister André Malraux erneut Benediktiner in die Abtei ein. Lange blieben sie nicht. Ihnen war es zu laut bei den Touristen. Erst für die Jerusalem-Gemeinschaft schien das die perfekte Arbeitsumgebung zu sein.

Die Festungsmauern aus dem Hundertjährigen Krieg machten die Insel für die Engländer uneinnehmbar. Heute sind es längst nicht mehr nur englische Touristen, die den Mont-Saint-Michel umso leichtfüßiger belagern. Aber schon bald, in zwei, drei Jahren wird der Berg keine Zufahrtsstraße mehr besitzen. Der 1877 gebaute Deich hat die Verlandung des Watts begünstigt. Dieser wird nun zurückgebaut, sodass der Berg wieder eine echte Insel werden kann. Ein Steg führt die Besucher dann vom gut einen Kilometer entfernten Festland der Salzwiesen hinüber, im Jahr 2025 erwartet man sich, dass der Mont-Saint-Michel wieder renaturiert ist.

Noch nehmen aber dutzende Reisebusse und hunderte Autos die Dammstraße, fahren bis an die Festungsmauern und spucken die Besucher schubweise aus. In den Restaurants sind tagsüber fast alle Plätze besetzt, die Kellner schieben die Fertigmenüs auf ihren Tabletts durch die Menge, und in den Souvenirläden der Grand Rue wird der Erzengel Michael in Chrom, Plastik, Holz und mit elektrischer Beleuchtung angeboten. Wenn zu den Souvenirjägern an manchen Tagen noch die Pilger hinzukommen, wird es in den steilen Gassen immer eng.

Einige Besucher sind freilich so klug und entziehen sich den Massen auf Umwegen. Schon am späten Nachmittag wird es ruhig, wenn die niedergehende Sonne ein phantomgleiches Schattenbild der Anlage auf den Schlick wirft und die vergoldete Engelsspitze der Abtei zu einer weithin leuchtenden Fackel entzündet. Nur wenig später spiegeln sich bereits die Scheinwerfer beleuchteten Mauern funkelnd im seichten Mündungswasser des Couesnon-Flusses. Der Berg ist zur Ruhe gekommen und jene wenigen, die noch hier sind, werden wohl innerhalb der Mauern des Mont-Saint-Michel übernachten. Kaum jemand geht jetzt an der Pfarrkirche vorbei, hinauf zum Friedhof mit seinen rostigen Eisenkreuzen. In der Bäckerei Poulard brennt noch Licht, und die Restaurants in der fachwerkgesäumten Grande Rue haben noch geöffnet. Erst spät am Abend wird es in der Abtei ruhig. Die zwölf Mitglieder der Gemeinschaft gehen schlafen - die Männer oben in der Abtei, die Frauen weiter unten im Nonnenhaus am Ende der Grande Rue.

Zurückziehen für einige Stunden

Schon sehr bald am Morgen erschallt der Gebetsgesang. Eine Wattwanderung bietet sich an. Das Meer hat sich jetzt für einige Stunden kilometerweit zurückgezogen und bleibt dennoch nicht ganz ungefährlich. Nachgebende Sand- und Sickerstellen können einen einsinken lassen. Deshalb gibt es beim Ausgangspunkt Bec d'Andaine an der Plage de Genêts auch geführte Wanderungen durch das fremde Element. Die fast sieben Kilometer sind in zwei Stunden zu schaffen, aber kurze Hosen oder Gummistiefel sind hier angebracht, denn immer wieder geht es auch durchs abfließende Meerwasser. Erst wenn man wieder hinter den schützenden Mauern der Burg angekommen ist, stellt man fest, dass die Flut bereits eingesetzt hat.

Wer weniger erdverbunden ist, wird zum kleinen Flugfeld von Le Val-Saint-Père bei Avranches fahren. Dort bietet Didier Hulin Rundflüge mit einem Ultraleicht-Flugzeug an. Das ist gewissermaßen ein Motorrad auf drei Rädern mit Drachenflügeln und einem Propeller hinter dem Rücksitz. Für 80 Euro nimmt Hulin einen Passagier 20 Minuten lang mit auf die Reise in den Himmel. Nach zehn Minuten zeigt der erfahrene Pilot dann nach unten. Die gleichmäßig geparkten Busse wirken aus 1000 Metern Höhe wie die Tasten eines Klaviers. Eine himmlische Melodie möchte man am liebsten darauf spielen beim herrlichen Anblick des goldblitzenden Erzengels auf der Spitze des Turms. Aber den echten Engeln, also denen mit der Trompete, ist man hier oben auch so recht nahe. (Nicolas van Ryk/DER STANDARD/Printausgabe/18./19.10.2008)

  • Ein 2006 begonnenes Großprojekt soll den verlandeten Mont-Saint-Michel bis 2025 wieder in eine Insel verwandeln.
    foto: mdlf/jérôme berquez

    Ein 2006 begonnenes Großprojekt soll den verlandeten Mont-Saint-Michel bis 2025 wieder in eine Insel verwandeln.

  • Die Anreise zum Mont-Saint-Michel erfolgt von Österreich aus am einfachsten über Paris, von dort braucht der TGV ab dem Bahnhof Montparnasse nur zwei Stunden bis nach Rennes. Für Reisende, die nur auf dem Berg übernachten wollen, ist der Shuttleservice des bretonischen Busunternehmens Keolis praktisch. Bis zu viermal täglich überwindet man so die letzten Kilometer bis zum Berg. Die einfache Fahrt kostet EURO 10,80, bestimmte Zugverbindungen können gemeinsam mit dem Shuttle gebucht werden - Paketpreis für TGV und Bus pro Person und Richtung: rund EURO 80. Informationen, Preise und Reservierungsmöglichkeit (nur auf Französisch) der Rundflüge des Piloten Didier Hulin über dem Inselberg oder in der Bucht unter ulm-mont-saint-michel.com.
    grafik: der standard

    Die Anreise zum Mont-Saint-Michel erfolgt von Österreich aus am einfachsten über Paris, von dort braucht der TGV ab dem Bahnhof Montparnasse nur zwei Stunden bis nach Rennes. Für Reisende, die nur auf dem Berg übernachten wollen, ist der Shuttleservice des bretonischen Busunternehmens Keolis praktisch. Bis zu viermal täglich überwindet man so die letzten Kilometer bis zum Berg. Die einfache Fahrt kostet EURO 10,80, bestimmte Zugverbindungen können gemeinsam mit dem Shuttle gebucht werden - Paketpreis für TGV und Bus pro Person und Richtung: rund EURO 80. Informationen, Preise und Reservierungsmöglichkeit (nur auf Französisch) der Rundflüge des Piloten Didier Hulin über dem Inselberg oder in der Bucht unter ulm-mont-saint-michel.com.

  • Nur wenige Besucher übernachten innerhalb der Mauern des Mont-Saint-Michel. Die gemütliche Auberge Saint Pierre bietet sich dafür an, bis vor die Haustüre kann man freilich nicht fahren. Eine gute Alternative ist das Hotel La Croix d'Or, eine ehemalige Poststation aus dem 17. Jahrhundert in Avranches. Doppelzimmer ab EURO 55.
    foto: auberge saint pierre

    Nur wenige Besucher übernachten innerhalb der Mauern des Mont-Saint-Michel. Die gemütliche Auberge Saint Pierre bietet sich dafür an, bis vor die Haustüre kann man freilich nicht fahren. Eine gute Alternative ist das Hotel La Croix d'Or, eine ehemalige Poststation aus dem 17. Jahrhundert in Avranches. Doppelzimmer ab EURO 55.

  • In Avranches sollte man auch das Handschriftenmuseum "Scriptorial" (EURO 7) besuchen.
Für das Jubiläumsprogramm zur 1300-Jahr-Feier des Mont-Saint-Michel gibt es eine eigene, nur französische Seite: 1300-ans-mont-saint-michel.com
Die besten deutschsprachigen Informationen findet man auf der Seite des ältesten Restaurants am Berg "La Mère Poulard".
    foto:scriptorial

    In Avranches sollte man auch das Handschriftenmuseum "Scriptorial" (EURO 7) besuchen.

    Für das Jubiläumsprogramm zur 1300-Jahr-Feier des Mont-Saint-Michel gibt es eine eigene, nur französische Seite:
    1300-ans-mont-saint-michel.com

    Die besten deutschsprachigen Informationen findet man auf der Seite des ältesten Restaurants am Berg "La Mère Poulard".

Share if you care.